Der Journalist Ronen Steinke ist dem Schicksal von Anna Boros und des Arztes Mohamed Helmy nachgegangen, als er 2013 eine kurze Zeitungsmeldung entdeckte. Darin stand, dass die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem eben diesen Helmy als bislang einzigen Araber mit dem Ehrentitel "Gerechter unter den Völkern" ausgezeichnet habe, aber dessen Verwandte die Ehrung ablehnten.

Auf Einladung des Bündnisses "Bunt statt braun" las er in der Buchhandlung "Faust" in Forchheim aus seinem Buch "Der Muslim und die Jüdin" und konfrontierte dabei seine Zuhörer mit ähnlichen (scheinbaren) Widersprüchen wie zwischen seinem Namen und seiner Schreibintension.
Ein erster solcher Punkt ist das damalige Faible der Berliner fürs Orientalische. Lief doch sogar die jüdische Dichterin Else Lasker-Schüler als Prinz Yusuf verkleidet auf dem Kudamm herum.


Moschee als Treffpunkt

Die Moschee der muslimischen Gemeinde war Treffpunkt über die Religionsgrenzen hinweg, vielleicht auch deshalb, weil Berlin für Studenten aus der arabischen Oberschicht viel mehr Anziehung hatte als London oder Paris, die Hauptstädte der Kolonialmächte. Dort hat der Ägypter Mohamed Helmy studiert und in Charlottenburg als Arzt praktiziert. Er partizipierte sogar am Arbeitsverbot für jüdische Ärzte durch eine vorübergehende Oberarztstelle in Moabit, behandelte aber selber jüdische Patienten, darunter die Familie Boros. Das war eine andere Reaktion, als die Nazis durch ihre Anbiederung beim Großmufti von Jerusalem von Muslimen erwarteten.


Mit Chuzpe

Es gibt nur ein treffendes Wort, mit dem man Helmys Handeln beschreiben kann, als die Deportationen von Juden im Herbst 1941 begannen, und das ist auch hebräischen Ursprungs: Chuzpe. Er "verwandelte" die 17-jährige Berliner Jüdin Anna kurzerhand in seine Nichte Nadja aus Kairo und ließ sie mit Schleier in seiner Praxis Dienst tun. Ein Husarenstück nennt es Steinke selber.

Beide überlebten die Schreckensjahre. In den 1980ern starb Boros in New York, Helmy in Kairo, wo heute noch die Nachkommen und Verwandten beider leben. "Wir verdanken Dr. Helmy unsere Existenz", bekannten Boros' Kinder und Enkel, als Steinke sie bei seinen Recherchen besuchte. Und sie gaben ihm einen Brief an die Nachkommen des Retters mit, den diese aber nie beantworteten.


Besuch in Kairo

Steinke war auch in Kairo, einer Stadt, in der seit alters her bis um 1956 eine große jüdische Gemeinde existierte. Erhalten hat sich vom jüdischen Viertel mit einst 300 Gassen eine Synagoge, wenngleich der Türschild überschmiert ist.

Eine extreme Ablehnung Israels und fast gleichgesetzt aller Juden fand Steinke auch bei Helmys Familie vor. So sprach einerseits dessen Großneffe vom jüdischen Krieg, wenn er den Zweiten Weltkrieg meinte. Andererseits inkorporierte er den jüdischen Gelehrten Maimonides resp. Moshe ben Maimon unter seinem arabischen Namen Ibn Maimun in die arabische Welt. Freilich schrieb der Andalusier in arabischer Sprache und verbrachte seine letzte Lebenszeit in Ägypten, lebte der 1335 geborene Philosoph doch in den Zeiten des guten Zusammenlebens zwischen Juden und Muslimen.


Ein Tabu

Ein Fakt, der in arabischen Ländern tabuisiert ist, vor allem, wenn er sich auf die jüngere Geschichte bezieht. Wie das Verhalten des marokkanischen Königs: Zu Zeiten des französischen Vichy-Regimes, das antijüdische Gesetze auch in seinen Kolonien einführen wollte, stand seine Krönung an. Ausdrücklich lud er alle Rabbiner seines Landes zu dem Festakt ein.

Selbst in der kurzen Zeit einer Lesung mit Fragerunde kam keiner umhin, die menschlich so berührende Geschichte aus Berlin im Kontext der Geschichte weit über Deutschlands und Europas hinauszusehen.


Das Buch

Ronen Steinke, Der Muslim und die Jüdin - Geschichte einer Rettung, 2017, Berlin-Verlag, ISBN 978-3-8270-1351-4, Preis 20 Euro.