An der Wiesent herrscht dieser Tage der Ausnahmezustand. Denn Corona-bedingt sind so viele Urlauber in der Gegend wie vielleicht noch nie zuvor. Marco Trautner, der Bürgermeister von Wiesenttal, sagte vor wenigen Tagen, dass die Gemeinde "förmlich überrannt" werde. Martin Maier empfindet solche "überspitzte Schilderungen" als wenig geglückt. Maier betreibt seit 1993 die Firma Aktiv Reisen GmbH. Er ist einer von drei Anbietern von Kajakfahrten auf der Wiesent.

Wegen Corona sei es nun mal ein "spezielles Jahr", sagt Martin Maier. Daher hält er auch viele Proteste gegen die Regelverstöße der Bootsfahrer für übertrieben. Eines zumindest sei klar: "Die Vermieter der Boote sind die einzigen, die für eine Regulierung sorgen."

Denn die Vermieter würden die Fahrten klar strukturieren: "Wir setzen die Boote an einer bestimmten Stelle ins Wasser und holen sie an einer bestimmten Stelle ab", schildert der Geschäftsmann das Prozedere: "Wir weisen unsere Gäste ein. Keiner von ihnen hat einen Ghettoblaster dabei oder Geräte zum Grillen." Da die Fahrt-Zeiten festgelegt seien, hätten die Paddler auch keine Gelegenheit, unterwegs an verbotenen Stellen auszusteigen. "Niemand ist am Naturschutz mehr interessiert als wir", betont Martin Maier. Daher hätten sich auch sämtliche Bootsverleiher zusammengeschlossen, um sich von einem Wasserrechtler "umweltfachlich beraten zu lassen".

Aus Bund Naturschutz-Sicht hat sich an der Wiesent jedoch zu wenig getan. Christian Kiehr, Vorsitzender der Ortsgruppe Ebermannstadt-Wiesenttal, hält vor allem der Naturschutzbehörde am Landratsamt vor, ihren "Zusagen" nicht nachzukommen: "Was macht ein Regelwerk dann noch für einen Sinn? Eine angemessene Reaktion wäre es, wenn die Untere Naturschutzbehörde ihre selbstgesteckte Erklärung jetzt umsetzen würde."

Zur Erinnerung: Die Aktivisten des Bund Naturschutz hatten vor Gericht darauf gedrängt, dass bei den Bootsfahrten auf der Wiesent "geltendes Naturschutzrecht" herrschen müsse. Daraufhin war es im August 2019 am Verwaltungsgericht Bayreuth zu einem sogenannten Erörterungstermin gekommen. Dabei hatte sich das Landratsamt Forchheim unter anderem verpflichtet, den "mitgeteilten Verstößen" nachzugehen. Beispielsweise muss die Naturschutzbehörde Teilstrecken auf der Pegnitz sperren, wenn die Pegelstände zu niedrig sind. Der BN ist der Auffassung, dass die Behörde die vor Gericht erörterten Themen ignoriert. In einem Offenen Brief (siehe Artikel unten) haben die BN-Aktivisten aus Ebermannstadt die amtlichen Naturschützer am Landratsamt zur Rede gestellt.

Eine umfassende Stellungnahme der Behörde steht noch aus. Dem FT sagte Karin Lämmlein (Leiterin des Fachbereiches Naturschutz und Wasserrecht beim Landratsamt) schon mal so viel: Die Behörde erfülle bei der Regulierung der Wiesent-Nutzung ihre Aufgaben sehr wohl. "So gab es schon 2018 und auch 2019 Sperrungen von Streckenabschnitten, beispielsweise unterhalb des Wehrs bei Rothenbühl." Auch die Polizei sei wiederholt im Einsatz gewesen.

Reglementierung und Verstöße nehmen zu

Dieser Tage seien Mitarbeiter vor Ort, um die Pegelstände zu prüfen und die Informationsschilder zu erneuern. "Momentan ist wieder in der Diskussion, auf den niedrigen Wasserstand zu reagieren", sagt Karin Lämmlein und weist auf die positiven Reaktionen aus der Bevölkerung hin: "Die Leute erkennen an, dass etwas gemacht wird. Im Laufe der Zeit ist an der Wiesent immer mehr reglementiert worden."

Nicht genug, meint der Anwohner und Gelegenheitspaddler Jörg Grosse: "Vor allem an den Ein- und Ausstiegsstellen wird fast beliebig gegen die Regeln verstoßen." Protest gegen Paddler, die der Wiesent einen "Dauerstress" aufbürden Der Streit um die Nutzung der Wiesent wird seit Jahren geführt. 2019 waren vor dem Verwaltungsgericht Bayreuth Regeln festgelegt worden. Der Offene Brief, den Christian Kiehr (Vorsitzender der BN-Ortsgruppe Ebermannstadt-Wiesenttal) jetzt verfasst hat, fordert in erster Linie das Landratsamt Forchheim heraus. "Wir wollen schriftlich wissen, ob die Behörde ihre Aufgabe erfüllt", erläuterte Kiehr gegenüber unserer Zeitung das Hauptmotiv des Schreibens. "Wir können zeigen, dass es in der Praxis nicht funktioniert", meint Kiehr. In dem Offenen Brief ist unter anderem nachzulesen: "Wir müssen leider feststellen, dass es trotz der Einweisungen für die Mieter durch die Vermieter und klarer Verhaltensregeln (z.B. angemessene Lautstärke, keine alkoholischen Getränke, kein Befahren von Flachwasserbereichen, kein Paddeln gegen die Strömung) diese regelmäßig nicht beachtet werden: Gruppen und Einzelpersonen verweilen am Ufer und steigen aus, begleitet von lautem Gegröle, paddeln gegen die Strömung, sie machen Rauch- und Trinkpausen am Ufer und führen wasserdichte Musikanlagen mit. Gekenterte Boote sind der Anlass für lautstarke Kommentare aller Beteiligten. Private Gruppen landen am Ufer mit Booten an und machen längere Pausen am Ufer bzw. an nicht zugelassenen Stellen." Zudem klagt der Offene BN-Brief an: Trotz einer klaren Verordnung, dass die Wiesent nicht mit Stand-Up Paddling oder Schlauchbooten befahren werden dürfe, seien "regelmäßig und dauerhaft" Fahrer anzutreffen: "Selbst nach 18 Uhr und außerhalb der erlaubten Fahrzeiten werden Bootsfahrer auf den Fluss beobachtet. Es ist die Summierung dieser Vorkommnisse, die sich negativ und anhaltend auf die Flora und Fauna der Wiesent auswirken."

"Flussboden massive geschädigt"

Auch das umstrittene Thema "Pegelstände" analysiert der Bund Naturschutz: "Vor dem Hintergrund der anhaltenden Trockenheit in der Fränkischen Schweiz sinken die Pegelstände an der Wiesent weiter. Dies hat zwangsläufig Auswirkungen auf die Befahrbarkeit der Wiesent mit Booten. Die Schifffahrtsgenehmigung des Landratsamtes Forchheim regelt den gewerblichen Bootsverleih. Ein zentraler Bestandteil sind die Regelungen über die Pegelstände. Ab einem Pegelstand unter 125 cm im Mai und im Juni (an der Messstelle Muggendorf) dürfen keine Stechpaddel, nur Doppelpaddel verwendet werden. BN-Mitglieder haben bereits Ende Juni feststellen müssen, dass der Abschnitt von Rothenbühl bis Ebermannstadt nur sehr eingeschränkt befahrbar ist. Die Boote schrammen hörbar über den Flussboden, sitzen fest, die Fahrer versuchen mit ihren Paddeln in das Flussbett zu stoßen, um sich anzuschieben; Bootsinsassen verlassen die Boote, um diese über den Untergrund zu ziehen, der Flussboden wird massiv geschädigt. Dem Bootsvermieter ist dies bekannt, da der BN den Koordinator der Verleiher informiert hatte". Fazit des Offenen Briefes: "Die Natur an der Wiesent ist im Dauerstress! Die Regelungen der Schifffahrtsgenehmigung spiegeln in keinster Weise die Realität auf dem Fluss wider." Es könne nicht die Daueraufgabe des BN seit 2018 sein, "eine Behörde darauf hinzuweisen, wie sich die Begebenheiten am Fluss darstellen und welches Handeln daraus entstehen soll." KOMMENTAR von Ekkehard Roepert Unbezahlbare Widersprüche

D as Nützliche an Corona: Das Virus spitzt Problemlagen so zu, dass sie in ihrem vollen Umfang erst erkennbar werden. Das gilt auch für die problematische Wiesent-Nutzung. Der Streit darum ist uns vertraut. Jetzt, da Corona für Gästerekorde in der Fränkischen Schweiz sorgt, offenbart sich die wahre Dimension des Konflikts: Die Naturschützer glauben, das Landratsamt könne Auflagen regulieren, obwohl es dafür gar kein Personal hat; die Gemeinde glaubt, von einem Tourismus leben zu können, von dem sie in Wahrheit überfordert ist; die Bootsverleiher verfolgen ein Geschäftsmodell, das durch eine Umweltverträglichkeitsprüfung in Frage gestellt ist und in der nächsten Saison (ab Mai) womöglich so gar nicht mehr existieren wird. Am Ende wird uns der Virus zeigen, dass wir in Widersprüchen gelebt haben, die wir uns gar nicht leisten konnten.