"Wie empfinde ich meinen Glauben?", "Wenn das Christentum so großartig ist, warum gibt es dann so wenig Christen?" oder "Ist es falsch, über Gott verärgert zu sein?" Diese und andere Fragen wurden in unterschiedlichen Farben an die Innenwand der Kirche projiziert. Sätze, die jeder auf sich wirken lassen durfte. Fragen, über die jeder nachdenken durfte. Wer wollte. Denn diese Anregungen war eine der vielen Stationen der offenen Kirchennacht, am Abend vor dem Reformationstag, um Mut, Vertrauen und Freiheit sichtbar zu machen.

Pfarrerin Ruth Neufeld hatte etwas ähnliches in Nürnberg schon einmal organisiert. "Martin Luther hat vor 500 Jahren neu entdeckt, dass Gott uns frei macht von einengenden Gesetzen und Strukturen. Luther war es wichtig, den christlichen Glauben im Einklang mit seinem eigenen Gewissen zu leben. Darum soll auch die Offene Kirchennacht diese Möglichkeit bieten, sich ganz frei mit Gott auseinanderzusetzen. Jede Station bietet daher einen anderen Zugang an, um sich mit dem Glauben an Gott zu beschäftigen", sagte Pfarrerin Ruth Neufeld.

Für den Abschluss des Jubiläumsjahres bot sich dieses Angebot an und das Team aus vielen freiwilligen Helfern investierte viel Zeit, die mehr stillen, meditativen Angebote in den Räumen des evangelischen Gemeindehaus und in der Kirchen umzusetzen. Eine Wand aus Backsteinen, in denen Teelichter verteilt sind, verbreitet eine heimelige Atmosphäre. Eine Bank in geringem Abstand vor der Wand lädt zum Verweilen ein. Hier konnte der Besucher in aller Ruhe in dem geschützten kirchlichen Raum ins Zwiegespräch mit seinem Gott treten. Überhaupt war die gesamte Kirche in warmes, buntes Licht gehüllt, nicht hell erleuchtet, sondern sanft Wärme und Geborgenheit verleihend.

In der Kanzelkammer wartete Pfarrerin Neufeld auf Menschen, die ein persönliches Gespräch suchten und einen Einzelsegen wünschten, um die Kraft hinter diesem Segen zu spüren. In der Zwischenzeit erklang Musik. Auch verschiedene Musikgruppen hatten sich aus dem Vorbereitungsteam gebildet, untermalten die meditative Kirchennacht mit passenden sanften Liedern.

Die Besucher allen Alters und auch katholischer Konfession saßen in den Bänken, lauschten und suchten im Programmheft nach für sie passende Angebote. "Es ist schön", finden zwei Frauen, die oben auf der Empore sitzen und einfach alles auf sich wirken lassen. Nicht unweit davon strahlte helles Licht ein großes Bild an. Ein orange-gelb leuchtender Schmetterling war auf die weiße Leinwand gemalt. Davor stand eine Tafel, an der Lesezeichen mit christlichen Lebenssprüchen hingen. "Wandlung, Ausgleich, Balance, Freiheit" stand als Thema darüber. Ingrid Wittmann, die Beauftragte für Ökumene informierte über diese Station. Das Schmetterlingsbild hat sie selbst gemalt. "Ein Schmetterling kann nicht fliegen, wenn sein Flügel gebrochen ist", sagte sie. Alles müsse in einem Ausgleich, in der Balance sein, um Freiheit zu erlangen. Nicht nur der Mensch persönlich, alle Menschen auf der Welt untereinander.
Ein Gebet ist auf Papierschmetterlinge gedruckt, um den Besuchern zu Hause ein Andenken zu sein, ein Halt auf ihrem weiteren Weg auf der Suche nach Gott.

Manche Besucher hören ein Lied oder meditative Texte vom Band, während sie in einem Schaukelstuhl das Gehörte wirken lassen, andere, wie die Jugendlichen Selina und ihre Freundin schmökern im Gemeindehaus in der alten Lutherbibel. Sie wundern sich über die altdeutsche Schrift.

Vor der Kirchentür war eine Feuerschale aufgestellt. Um Mitternacht wurde die Feuerschale entzündet, in den Jubiläumstag 500 Jahre Reformation hinein gefeiert. Der Posaunenchor spielte auf und schallend erklang das Lutherlied: "Ein feste Burg" zum imposanten Glockenläuten.