Am 1. Januar ist die Grundrente in Kraft getreten. Rund 1,3 Millionen Menschen mit niedrigen Renten sollen profitieren. Der Zuschlag wird frühestens Mitte des Jahres 2021 ausgezahlt. Was die Grundrente bewirkt und was nicht, erklärt der Kreisgeschäftsführer des Sozialverbandes VdK, Günther Edl.

Viele ärmere Rentner wissen nicht, ob sie Grundrente erhalten oder wie viel. Was raten Sie denen?

Günther Edl: Der Zuschlag muss nicht beantragt werden, sondern wird ermittelt. Im Internet gibt es einige Grundrentenrechner, allerdings müssten alle Entgeltpunkte der Grundrentenzeiten eingegeben werden, was sehr zeitaufwendig und fehleranfällig ist! Letzten Endes müssen sich Bestandsrentner leider noch gedulden. Bis zu zwei Jahre kann die Überprüfung dauern, bis die letzten Rentner Post von der Deutschen Rentenversicherung im Briefkasten haben und die Grundrente überwiesen wird - möglicherweise länger.

Werden viele Forchheimer profitieren?

Im Jahr 2019 mussten im Landkreis Forchheim 669 Personen auf die Grundsicherung - früher Sozialhilfe - zurückgreifen. Das heißt, dass die Rente zur Sicherung ihres Lebensunterhalts und zum Bestreiten der Kosten der Unterkunft nicht ausreichend war. Allerdings wird nur ein Teil von der Grundrente profitieren. Schließlich sind nur Rentnerinnen und Rentner berechtigt, wenn sie mindestens 33 Grundrentenjahre zurückgelegt haben, was jedoch ein großer Teil der Grundsicherungsempfänger von heute nicht nachweisen kann. 2018 betrugen die durchschnittlichen Altersrentenzahlbeträge im Landkreis bei Männern 1246,54 Euro und bei Frauen 667,30 Euro. Daher drängt sich die Vermutung auf, dass von der Grundrente mehr Frauen als Männer profitieren werden. Genaue Zahlen werden wir frühestens in zwei Jahren haben.

Wer ist in der Region Forchheim von Armut betroffen?

Im oberfränkischen Vergleich war die Armutsgefährdungsquote 2019 in der Region Oberfranken-Ost mit 18,6 Prozent noch einmal deutlich höher als in Oberfranken-West mit 13,8 Prozent. Daher nehme ich an, dass in der Region Forchheim weniger Rentner von der Grundrente profitieren werden, als im Vergleich zu den Landkreisen Hof oder Wunsiedel. Die Armutsgefährdungsquote in Oberfranken lag 2019 bei 15,8 Prozent. Der bayernweite Durchschnitt liegt bei 14,7 Prozent. Die Altersgruppe der 65-Jährigen und Älteren hat das höchste Armutsrisiko - besonders Frauen. Knapp jede vierte Frau dieser Altersgruppe ist armutsgefährdet.

Wird die Grundrente helfen?

Anders als ihr Name sagt, ist die Grundrente keine eigenständige Rente, sondern ein Zuschlag auf eine bestehende, niedrige gesetzliche Rente. Es ist keine Sozialleistung, sondern ein Anspruch. Eigentlich eine gute Sache. Doch leider ist die gute Idee reichlich verwässert worden. Aus den ursprünglich geschätzten drei bis vier Millionen Anspruchsberechtigten werden wegen eingeführter Einkommensprüfungen bundesweit wohl nur 1,3 Millionen. Bei Grundrentenjahren werden außerdem Zeiten der Arbeitslosigkeit oder mit Erwerbsminderungsrente nicht berücksichtigt. Dazu eine kleine Hochrechnung: Wer 35 Jahre 0,5 Entgeltpunkte eingezahlt hat, was in etwa einem Teilzeitjob entspricht, erhält derzeit eine Rente von 582 Euro. Mit Grundrente sind es 725 Euro. Für viele wird der Zuschlag aber kleiner ausfallen, gerade bei typisch weiblichen Biografien. Durchschnittlich rechnet die Bundesregierung mit 75 Euro Grundrentenzuschlag.

Also kein Grund zur Freude?

Die Grundrente war eine wichtige Forderung des VdK an die Bundesregierung, also ein Erfolg. Sie ist ein wichtiger, aber ein noch kleiner Schritt. Die Grundrente ist nur ein Baustein im Kampf gegen Altersarmut und keinesfalls Ersatz für andere Reformen. Zentrales Anliegen der Sozialpolitik muss es sein, Altersarmut gar nicht erst entstehen zu lassen. Wer die Armen im Alter sein werden, das lässt sich leicht vorhersehen: Es sind ähnliche Gruppen, die heute unter den Auswirkungen der Pandemie besonders leiden. Also Menschen mit Niedriglohn oder in Minijobs, Teilzeitbeschäftigte, Selbstständige, die sich nicht ausreichend absichern können, Menschen, die für Kindererziehung oder Pflegetätigkeit in ihrer Berufstätigkeit zurückstecken oder ganz aus dem Beruf aussteigen - also meistens Frauen, Menschen mit Erkrankungen oder Behinderungen. Für diese Betroffenen muss strukturell etwas geschehen.

Das Interview führte Ronald Heck.

Kommentar: Die Systemfrage muss gestellt werden

von Ft-Forchheim-Redaktionsleiter Stephan Großmann

Die Grundrente ist ein Meilenstein - bleibt aber ein politischer Scheinriese. Warum kann sich die Bundesregierung nicht endlich zu einer echten Mindestrente durchringen wie es etwa Österreich vorlebt? Wohl deshalb: Solange Beamte und Selbstständige dem gesetzlichen Rentensystem fern bleiben, kann der Generationenvertrag nur scheitern. Zeit für die Systemfrage.