"Cantate" ist die liturgische Bezeichnung des vergangenen Sonntags. Ganz dazu passend führten der Kammerchor Sonorité und die "Neue Nürnberger Ratsmusik" unter der Leitung von Dekanatskantorin Stephanie Spörl zwei Werke von Johann Sebastian Bach in der Johanniskirche auf: sein Osteroratorium und seine Kantate über Luthers Choral "Eine feste Burg ist unser Gott".

Dreimal mindestens, so ist belegt, hörten die Leipziger das Werk zur österlichen Zeit. Luthers Choral - oder zumindest seine bekanntesten Textpassagen - ist nicht nur Protestanten wohlvertraut. Das Hintereinander in dieser Aufführung gab gerade wegen der großen musikalischen Leistung etliche gedankliche Anstöße.
Da ist auf der einen Seite die Freudenbotschaft der Auferstehung, die der vermutliche Textverfasser Picander den durch die Bibel belegten Zeugen am Grab in den Mund legt. Da steht auf der anderen Seite der ritterliche Kämpfer gegen "Satans Heer und wider Welt". Daraus erwächst ein Spannungsbogen, der heutigen Menschen so nicht vertraut ist.

Allein an der Sprache lässt sich der geistige Abstand von 300 und zu Luther von 500 Jahren ablesen. Nimmt man die drastischen, ja manchmal schwülstigen Sprachbilder des barocken Librettisten, dann wird es ein kaum überwindbarer Abstand. Wäre denn nicht die Musik.

Sie ist über die Zeiten verständlich. Pauken und Trompeten künden noch heute ein festliches Ereignis an. Warum sollte dann Bach nicht aus seinem Werk zu einem Geburtstag des Herzogs Christian von Sachsen-Weißenfels den einleitenden Satz "Sinfonia" des Oratoriums zitieren?


Stimmungswechsel

Und anschließend folgt ein Adagio, in dem Oboistin Birgit Heller-Meisenburg die Zuhörer in einem stillen, heiteren Morgen mitnahm. "Morgenstille" oder ähnlich hätte ein jüngerer Komponist getitelt, der sich nicht mehr der formalen Strenge des Bachzeitalters unterordnet.

Inbegriff dieser Vorstellungen ist die Fuge mit ihrem strengem Aufbaugefüge. Als Thema des Dux genannten Einleitungsmotivs hat Bach die ersten Noten des namengebenden Chorals gewählt. Durch die Kompositionstechnik bedingt kehren so die Noten, die der "festen Burg" unterlegt sind, in vielfacher Wiederholung in den Stimmen des Chores und denen der Begleitinstrumente wider. Wie Quadersteine, aus denen die wehrhafte Mauer der Burg errichtet ist.


Fest und unerschütterlich

Das Bollwerk gegen den Feind steht fest und unerschütterlich, signalisiert der Klang. Mal wird der Chor zum anstürmenden Feind. Dann stehen die Instrumente, vor allem die Holzbläser, wie eine Mauer. In der Kompositionsstruktur seiner Zeit schuf Bach ein Wahrnehmungserlebnis, wie es erst wieder der Programmmusik 200 Jahre später gelang.

Persönliche Betroffenheit des Komponisten schimmert an jeder Stelle durch beide Werke: Die vier Gesangssolisten Eva Maria Helbig (Sopran), Karin Steer (Alt), Martin Platz (Tenor) und Bassist Felix Rathgeber übermittelten das glaubhaft an die Zuhörer. Neben den atemtechnischen und gesanglichen Anforderungen der Rezitative und Arien ist hier eigens die Textverständlichkeit des Vortrags zu betonen.

Es braucht einige Mühe und viel Hineinversetzen, um ein 300 Jahre altes Sprachbild emotional verständlich zu machen. Und dabei nie außer Acht zu lassen, dass Bach alle Ausdrucksmittel an dem Punkt einsetzt, an dem eine religiöse Botschaft an Hörer erreichen soll.

Ein Beispiel: Koloraturen klingen schön, zeigen die Kunstfertigkeit einer Sängerin. Bach lässt sie genau einmal in der Choralkantate wuchern, um die Intensität religiöser Sehnsucht zu illustrieren, einen Takt bevor der Kampf gegen Welt und Satan auch in der Sopranarie aufgenommen wird. Stilistisch ganz anders arbeitet Bach dagegen bei der Tenorarie des Petrus aus dem Oratorium. Der Apostel wächst in den Textzeilen aus seiner tiefsten Erschütterung heraus, lässt Tränen und Trauer hinter sich. Endlose, gleichmäßige Achtelketten sind der begleitenden Blockflöte aufgegeben; der beruhigenden, fast einschlummernden Wirkung kann sich der Sänger nicht entziehen, so nimmt der Hörer das Zusammenspiel von Instrument und Stimme wahr.
Veranstalter des Konzerts waren das Kuratorium zur Förderung von Kunst und Kultur im Forchheimer Land, das Kulturamt der Stadt Forchheim, die Kirchengemeinde St. Johannis und die VHS Forchheim. Sie trafen damit ein gute Wahl.