Sie sind Kleinigkeiten am Wegesrand und können leicht übersehen werden. Doch wer sie wahrnimmt, kann sich über den Anblick freuen: Bunt bemalte Steine, vielleicht von Kindern bepinselt, liegen vereinzelt am Rande eines Feldes in Poxdorf. Johannes Heiner bleibt kurz stehen und betrachtet aufmerksam die Farben der Steine.

Der Poxdorfer ist bekannt als Lyriker und Erzähler, ebenso als Literaturinterpret vor allem für die Werke Rainer Maria Rilkes und Hermann Hesses. Am 22. Oktober wird Johannes Heiner 80 Jahre alt.

Der von Steinen gesäumte Weg führt zum Garten von ihm und seiner Frau, eine abgetrennte Fläche eines weiten Feldes. Hier finde er oft Inspirationen, die später in ein Gedicht oder einen Text einfließen. Nahezu jeden Tag komme er hierher. "Im Garten zu Hause" wird deshalb auch sein nächstes Buch heißen. "Ich möchte die Leser einladen, den Garten in seiner Fülle zu betrachten", sagt Heiner.

Lyrik und Literatur aus Poxdorf: Die Schönheit des Moments sehen

Die Sprache seiner Texte - Gedichte und Erzählungen, die zum Nachdenken über das eigene Leben anregen - ist eingängig. Am Gartenzaun hat Heiner das aktuelle Gedicht "Reifer Apfel" gut einsehbar platziert. Mit unkomplizierten Worten möchte er Momente und Objekte der Schönheit durch die Poesie darstellen. "Und ich möchte dir danken/dass du dir so viel zeit gegeben hast/um reif zu werden/Das fehlt uns menschen/so sehr, dass wir hasten/und damit versäumen,/die dinge reif werden zu lassen", heißt es so in dem Gedicht.

Unweit vom Garten beginnt der Lyrikweg, den Heiner der Gemeinde anlässlich ihrer 700-Jahr-Feier geschenkt hat. Acht Texttafeln aus Glas am Wegesrand laden dazu ein, von ihm verfasste Gedichte zu lesen und durch die Buchstaben in die Natur zu schauen, auf eigene Empfindungen zu den Worten zu achten.

Die Inspiration für die Gedichte ziehe er aus kleinen Beobachtungen sowie beeindruckenden Erlebnissen, beispielsweise Gräser im Wind. "Dann fängt es an, im Geist zu arbeiten, was die richtigen Wörter sind. Wie einen Stein beginne ich, sie hin- und herzuwenden", beschreibt Johannes Heiner die schrittweise Entstehung des sprachlichen Ausdrucks. Auch diese Worte wählt er stets mit einer wohlüberlegten Pause aus, so als wolle er auch sie erst noch einmal hin und her wenden.

Literat Johannes Heiner entschied sich gegen die akademische Laufbahn

Ebenso spiele die Anordnung der Worte auf der Glasfläche eine Rolle. So steht im Gedicht "Lob der Eiche" der zentrale Aspekt "Aufrichtung" alleine in einer Zeile, die Position unterstreicht die Bedeutung. "Das Sich-Aufrichten ist auch mein eigenes Lebensziel."

Heiner bezeichnet sich selbst nicht als Schriftsteller, trotz zahlreicher Publikationen. Vielmehr sehe er sich als ein schreibender Mensch, ohne sich einordnen lassen zu wollen. "Ich bin jemand, der schreibt und sich mit anderen über die Literatur austauschen will. Ich will zum Lesen, aber auch zum eigenen Sein anregen."

Heiner, der ursprünglich aus Gießen an der Lahn stammt, ist in Frankreich aufgewachsen. In Freiburg hat er Germanistik und Romanistik studiert und war nach seiner Promotion an der Pädagogischen Hochschule in Göttingen tätig. Mit 44 Jahren habe er sich beurlauben lassen, stieg aus der akademischen Laufbahn aus, auf der Suche nach sich selbst. "Ich habe mein Leben auf den Kopf gestellt", erzählt er. Durch eine anschließende Zeit in Indien und unter anderem die Meditation entdeckte er die Poesie für sich.

Literat Johannes Heiner: "Ich bin froh, dass ich nicht nachgelassen habe"

Erst mit 60 Jahren hat er selbst zu schreiben begonnen, zu Beginn über die Erlebnisse in Indien. Das Schreiben gelte ihm seitdem auch als Bewältigung schwieriger Lebenssituationen. "Ich bin froh, dass ich nicht nachgelassen habe", sagt er über die anfängliche Unsicherheit. In Form der "LiteraturZeitungOnline" (LZO) veröffentlicht er digital, in gedruckter Form erscheinen Bücher im selbst gegründeten Heureka-Verlag. "Ich wollte etwas Eigenes, ohne mich zurechtbiegen zu müssen. Jeder kann es lesen", begründet Heiner diese Entscheidung.

Nach Poxdorf zog das Ehepaar 1996, Heiner arbeitete bis zu seinem 58. Lebensjahr als Waldorfschullehrer. Der naturnahe Ort ist ihnen zur Heimat geworden. "Heimat ist dort, wo man vertrauensvoll anwesend sein darf", sagt Johannes Heiner.

Eben dort hat er auch das Poxdorfer Lesehaus gegründet, ein Ort der Begegnung für Lesungen, Seminare, Themenabende oder, wie zurzeit, einen Lesekreis in den eigenen vier Wänden. Sein Bestreben sei es, Menschen zu sich selbst zu führen, ohne der Meinung zu sein, er selbst könne das besser als diese selbst. "Es geht darum, dass jeder macht, was er kann", so Heiner.

Innere Erfüllung durch das Schreiben finden

"Einen Sinn für Poesie hat jeder. Viele haben das aber vergessen oder haben keine Gelegenheit, ihn zu entwickeln. Ich habe den glücklichen Fall, dass ich ihn gefunden habe."

Johannes Heiner wandelt auf seinem Lyrikweg in aller Ruhe. Es könne ein zutiefst zufriedenstellendes Gefühl sein, wenn man am Tag etwas geschrieben hat, sagt er. Einen Beitrag zur Entwicklung der Gesellschaft gegeben hat für diejenigen, die etwas aus den Texten und Gedichten für sich selbst ziehen können. Von Zeit zu Zeit bekommt er Rückmeldungen. So wie in diesen Tagen: Jemand hat ihm eine Sonnenblume an die Gedichttafel am Gartenzaun gehängt.

Kommende Veranstaltungen

Lesung aus dem geplanten neuen Buch "Im Garten zu Hause": 21. November, 16.30 Uhr, Pfarrheim St. Anna in Poxdorf

Dichterlesung in der Stadtbücherei Forchheim: 13. Januar, 19.30 Uhr

Vortrag "Rainer Maria Rilke und Franz von Assisi": 2. Februar, 17 Uhr, Caritas Pirckheimer Haus in Nürnberg

Mehr Informationen unter

www.lyrikrilke.de