Forchheim Gehört habe sie vom Holocaust schon vorher, erzählt eine 15-jährige Schülerin, "aber ich hatte keine Ahnung, dass es so grausam war". Eine Schülerinnen-Gruppe der Hartmann-Realschule und ihre Lehrerin Judith Hill befassen sich aktuell mit der Deportation der Forchheimer Juden. Bei der Verlegung der Stolpersteine am 16. Juli werden die Schülerinnen die persönliche Geschichte der Deportieren erzählen.

Dass es in Forchheim ein breites Wissen über das Leben der Juden in der Stadt gibt, ist dem Historiker Rolf Kießling (70) zu verdanken. Er hat die 300-jährige Geschichte der Juden in Forchheim aufgearbeitet.

Kießling stand als Gesprächspartner bereit. "Das Interesse der Schülerinnen ist da, es sind ihre Stolpersteine", sagt Kießling. Es sei aber nicht einfach für die nachfolgenden Generationen, sich in die Geschichte hineinzudenken. "Die Zeitzeugen sind tot und die Schüler sind mit einer zeitlichen Dimension konfrontiert, die sie sich nicht mehr vorstellen können."

Im Februar 2019 waren die ersten vier Stolpersteine für Emma Rosalie Braun, Ilse Cilly, Gottlieb Braun und Rosa Braun verlegt worden; im Juli 2019 weitere vier für Sofie Kotz, Julius Moritz Prager, Sera Rosenbaum und Rosa Tiesler. Jetzt kommen die Steine für das Ehepaar Jenny und Leo Abraham und für Ida Schönberger hinzu. 2021 wird an die letzten der vierzehn von den Nationalsozialisten ermordeten Forchheimer Juden erinnert. Emmerich Huber, Vorstandsmitglied von Bunt statt Braun, organisiert die Verlegungen. Er betont die Wichtigkeit, dass sich die Schulen beteiligen: "Es ist ein Denkanstoß gegen das Vergessen." Dass dieser Denkanstoß bei den Schülern ankommt, sei unbestreitbar: "Die Betroffenheit bei den Schülern ist zu spüren, wenn sie sich mit der Geschichte vor Ort beschäftigen - die Idee wirkt."

Organisation Unterstützt wird die Stolperstein-Initiative in Forchheim vom Netzwerk Respekt und Toleranz, bestehend aus den Bündnissen Bunt statt Braun und BügEx sowie den Evangelischen und Katholischen Gemeinden Forchheims in Zusammenarbeit mit der Stadt. Organisiert wird die Verlegung der Steine von Emmerich Huber, Vorstandsmitglied von Bunt statt Braun. Die Organisation lebt von Spenden. Willkommen sind sie unter "Bunt statt Braun Forchheim" bei der , Sparkasse Forchheim, DE 56 7635 1040 0020 5237 67

Stolpersteine Der Künstler Gunter Deming hat das Projekt Stolpersteine 1992 ins Leben gerufen. Die Steine liegen außer in Deutschland in 23 europäischen Ländern. Insgesamt wurden über 75 000 Stolpersteine verlegt - sie bilden das größte dezentrale Mahnmal der Welt.

Die Nationalsozialisten fühlten sich durch den Zigarrenraucher Leo Abraham provoziert

Der Forchheimer Historiker Rolf Kießling ist Experte für die mehrere Jahrhunderte zurückreichende Geschichte der Forchheimer Juden. Der ehemalige Gymnasiallehrer ist für seine Forschungen und Publikationen mit dem renommierten Obermayer German Jewish History Award ausgezeichnet worden. Im Folgenden beschreibt Kießling die biografischen Hintergründe jener Forchheimer Juden, für die am 16. Juli in Forchheim Stolpersteine verlegt werden:

Der Kaufmann Leo Abraham (* 1875) war mit Jenny Gröschel (* 1877) verheiratet. Das Ehepaar hatte keine Kinder; deshalb wurde Jennys Nichte Irmgard häufig eingeladen. Leo Abraham stammte aus Hohenhausen im Kreis Lippe in Westfalen. Über seinen Lebenslauf ist kaum etwas bekannt. Man weiß allerdings, dass er Zigarrenraucher war und oft rauchend vor seinem Geschäft in der Hauptstraße gesehen wurde. Die Nationalsozialisten fühlten sich dadurch provoziert.

Über die jüdische Familie Gröschel weiß man hingegen sehr viel. Sie stammte ursprünglich aus Wiesenthau. Jennys Großvater war Bernhard Gröschel. Dieser wurde 1814 in Wiesenthau geboren. Er heiratete 1843 Jeanette Oppenheimer aus Aufseß. Seit 1863 wohnte Bernhard Gröschel mit seiner Familie in Forchheim. Er gründete ein Textilwarengeschäft. Jennys Vater war der Kaufmann Philipp Gröschel. Ihre Mutter war Adelheid Rosenbaum. Das Foto (siehe oben) zeigt Philipp Gröschel mit seinen 5 Kindern.

Die Mutter war, als das Foto entstand, bereits verstorben. Jenny Gröschel steht vor ihrem Vater, neben ihr auf dem Stuhl sitzt ihre jüngere Schwester Adelheid.

Das Textilgeschäft von Philipp Gröschel befand sich im Haus Hauptstraße 64. Philipp Gröschel starb 1912. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Baiersdorf bestattet. Sein Sohn Bernhard, ein Bruder von Jenny, führte das Geschäft weiter.

Boykott jüdischer Geschäfte

Später wurde im Haus Hauptstraße 65 ein Geschäft für Damen-Konfektion eröffnet. Dieses Geschäft betrieb Bernhard Gröschel gemeinsam mit seinem Schwager Leo Abraham. 1933 rief die NSDAP zu einem Boykott der jüdischen Geschäfte auf. Betroffen waren auch die Familien Gröschel und Abraham. In der Reichspogromnacht 9./10. November 1938 wurden Bernhard Gröschel und Leo Abraham verhaftet.

Am Tag darauf wurden sie ins KZ Dachau gebracht. Nach seiner Entlassung gelang es Bernhard Gröschel, mit seiner Frau und seiner Tochter Irma aus Deutschland zu fliehen.

Das Ehepaar Abraham wollte Deutschland ebenfalls verlassen.

Leo und Jenny Abraham ließen sich in Bamberg eigens Passbilder anfertigen, die sie für ihren Ausreiseantrag benötigten (siehe Fotos oben). Doch die Ausreise wurde ihnen offenbar verweigert. Das Ehepaar Abraham wohnte zur Miete über dem Geschäft Hauptstraße 64. Die Eheleute mussten in das sogenannte "Judenhaus" Paradeplatz 4 umziehen. Von dort aus wurden sie am 27. November 1941 deportiert. Zusammen mit 6 anderen jüdischen Einwohnern Forchheims.

Die Fahrt im offenen Lastwagen ging nach Bamberg. Einen Tag später nach Nürnberg. Von dort aus nach Riga in das Lager Jungfernhof, ursprünglich ein Gutshof.

Wie genau das Ehepaar Abraham ums Leben gekommen ist, weiß man nicht. War die Todesursache Krankheit oder Hunger oder Erschöpfung? Oder wurden sie in einem nahegelegenen Wald erschossen? Das Ehepaar gilt als "verschollen". red