Ein Zustand von Sicherheit und Wohlgefühl. Schutz, Nähe, Wärme oder Ruhe. Das alles bedeutet Geborgenheit. Ein Begriff, der ein zentrales Lebensgefühl beschreibt. Der vor 15 Jahren vom Sprachrat des Goethe-Instituts bei einem Wettbewerb zum zweitschönsten Wort der Deutschen Sprache gekürt wurde und der sich nicht ins Englische übersetzen lässt, weil dort ein adäquater Terminus fehlt.

Geborgenheit wünscht sich jeder - bestenfalls in der eigenen Familie. Das gilt im Besonderen auch für Zirkusfamilien, in denen mehrere Generationen von Menschen auf engstem Raum permanent miteinander leben. In denen sich die Familienmitglieder im Streitfall nicht einfach aus dem Weg gehen können - nicht zuletzt, weil sie als Geschäftspartner auch eine Schicksalsgemeinschaft bilden und für den Erfolg eine Hand der anderen helfen muss. Weil es Zirkusleute wegen des ständigen Herumreisens schwer haben, außerhalb der Familie engere Beziehungen zu pflegen.

Kinder und Enkel mischen mit

Tamara Köllner kennt es nicht anders. Die 54-Jährige entstammt einer Artistenfamilie, betreibt mit ihrem Mann einen Ableger des legendären Circus Renz, der 1842 in Berlin gegründet wurde. Sie hat den Hut auf, "so lange, bis ich den Löffel abgebe". Zwar steht die Chefin nicht mehr selbst in der Manege, doch als Kümmererin, Problemlöserin, Zuhörerin, Kummerkastentante und ja, als Mama, wird sie gebraucht. Auch von den Artisten von außerhalb, die meist nicht länger als ein Jahr (die Show ändert sich von Saison zu Saison) mit den Köllners reisen.

Die sind Zirkusleute in fünfter Generation - und die Nachfolge ist geregelt. Alle fünf Kinder mischen im Familienbetrieb mit, genau wie die Schwiegerkinder und inzwischen zehn Enkel, die in dieses harte, herausfordernde, aber freie Leben hineingeboren wurden. "Wir sind alle eine große Familie, wir passen aufeinander auf", sagt auch Giovanni, zweitjüngster Köllner-Spross. Der 28-Jährige hat von der Artistenschule Berlin seine Frau Sandy mit in die Familie gebracht, ist inzwischen Vater einer neun Monate alten Tochter. Sie wird ihr erstes Weihnachtsfest im Zirkuszelt an der Staustufe in Buckenhofen verbringen, wo der Circus Renz aktuell Station macht.

"Weil es im Wohnwagen zu eng wäre, feiern wir den Heiligabend alle zusammen an einer großen Tafel samt Christbaum in der Manege. Wir essen zusammen, es gibt Glühwein und natürlich Geschenke", freut sich Giovanni Köllner. Um die zu besorgen, war in den vergangenen Tagen nicht besonders viel Zeit, immerhin musste das Zirkuszelt an der Staustufe, wo ein Landwirt dankenswerterweise eine große Wiese zur Verfügung gestellt hat, aufgebaut werden. Die Premiere am Freitagnachmittag ging glatt über die Bühne, und obwohl auch für Heiligabend und die beiden Feiertage Vorstellungen geplant sind, ist die Großfamilie in Weihnachtsstimmung und freut sich auf das große Fest.

Vor allem die Enkelkinder, die - sofern schulpflichtig - die vergangenen Tage genutzt haben, um neue Freundschaften zu knüpfen. Zum Beispiel an der Grundschule Buckenhofen, die die jüngsten Schulkinder der Köllner-Familie vor Ferienbeginn bis gestern besuchten.

"Auch wenn es immer nur einige Tage sind, an denen die Kinder neue Spielkameraden kennenlernen, entstehen schöne Kontakte, die per Smartphone und Skype heutzutage auch leichter gepflegt werden können als noch zu meiner Schulzeit", erzählt Giovanni Köllner. Tatsächlich entwickeln sich in dieser kurzen Zeit aber auch immer wieder Freundschaften, die darin münden, dass in den Ferien mehrtägige Besuche auf dem Zirkusgelände arrangiert werden, in denen die jungen Gäste in das Zirkusleben eintauchen.

Ansonsten sind die Köllner-Kinder unter sich. Eine zehnköpfige Rasselbande, die viel Zeit an der frischen Luft verbringt, von Anfang an ohne Scheu im Umgang mit den Tieren ist, aber auch schon mit anpacken muss. "Mit drei, vier Jahren fangen die meisten dann auch an, Interesse für die Artistik zu entwickeln, fangen an zu üben und werden, wenn es passt, schon in die Zirkusnummern eingebaut", berichtet Giovanni Köllner.

Rückzugsort Wohnwagen

Wem die familiäre Enge zuviel wird, der kann in einem der zahlreichen Wohnwagen Ruhe suchen, und er bekommt sie auch. Das ist wichtig, damit das Zusammenleben funktioniert. Jede Klein-Familie im Köllner-Klan hat ihren eigenen Wohnwagen, dazu gibt es fünf verschiedene Speisewagen, damit man auch beim Essen mal Abstand voneinander haben kann.

"Und wenn einer mit der Familientradition brechen, lieber studieren und irgendwo sesshaft werden will, wäre das auch kein Problem", versichert Giovanni Köllner. Doch das kam bisher kaum vor. Am liebsten sind die Köllners eben doch beieinander, feilen an der Show und genießen die Freiheit.