Wer schon Jahrzehnte keine Grundschulklasse mehr besucht hat, auf den wirkt die Szene wie erfunden: Da sitzt eine Lehrerin am Boden und fragt einen Schüler, der ebenfalls am Boden sitzt: "Was machst du heute?" Und der Schüler antwortet: "Natürlich mach ich mit dem Wurzelziehen weiter."

Der Unterricht beginnt um 8.10 Uhr. 24 Kinder aus vier Jahrgangsstufen lernen gemeinsam. Sie sitzen anfangs im Kreis und singen; dann bauen sie gemeinsam einen Kubus nach einem bestimmten farblichen Muster zusammen. Wer mitmachen will, meldet sich und fügt dem wachsenden Kubus einen Quader oder einen Würfel bei. Dann kehrt er oder sie auf seinen Platz zurück und ruft einen Mitschüler auf. "Achtet darauf, die Kinder aufzurufen, die noch nicht dran waren", bittet Klassenleiterin Gardis Schneider die Jungen und Mädchen.


"Achtet aufeinander!" Immer wieder werden die Kinder von Gardis Schneider und ihrer pädagogischen Mitarbeiterin Birgit Scherbaum dazu ermuntert. Emily muss nicht ermuntert werden. "Ich finde es toll, dass die Großen den Kleinen helfen."

Ab 9.30 Uhr Freiarbeit

Um 9.30 Uhr beginnt die Freiarbeit. Die Mädchen und Jungen haben ihrer Klassenlehrerin gesagt, woran sie arbeiten möchten. Das Klassenzimmer ist dicht bestückt mit Brettern, Büchern, Perlen, Heften, Kisten und Holzwürfeln.

Die Ärztin und Reformpädagogin Maria Montessori (1870 - 1952) hatte einen eigenen Freiheitsbegriff. Ein Kind soll wählen können zwischen Material, Allein- oder Gruppenarbeit. Die Wahl sei aber "nicht beliebig", betont die Klassenlehrerin: "Gewählt wird immer innerhalb eines sinnvollen Rahmens."

Emily (vierte Jahrgangsstufe) hat sich für "Aufsatz-Arbeit" entschieden. "Ich schreibe einen Brief an Piratenpaul", sagt sie. Und beginnt, einen Text neu zu formulieren, indem sie in einem Satz das Wort "dann" durch "plötzlich" ersetzt.

Begreifen wörtlich genommen

Katja Eckert-Hessing hat zwei Kinder an der Montessori-Schule. Das Begreifen werde bei dieser Pädagogik wörtlich genommen, das habe sie überzeugt. Jeder Lernstoff werde über Materialien begriffen. Den Erfolg der Methode kann Katja Eckert-Hessing beobachten, wenn ihre Kinder Hausaufgaben machen. "Durch den Umgang mit dem Material haben die Kinder Bilder im Kopf. Zuhause können sie dann auch ohne die Materialien arbeiten."

Seit 9. 30 Uhr liegt Dominik auf dem Teppichboden des Klassenzimmers und übt das Wurzelziehen. Rechnen mit Kopf und Händen. Er benutzt eine Art Schachbrett und bunte Kugeln: "Auf das Brett legt man die Murmeln auf, damit man durchblickt", erklärt Dominik. Er finde es "schön, dass ich hier mehr Mathe machen kann als in anderen Schulen."

Die Grundidee dieser Pädagogik sei einfach, erläutert Klassenleiterin Schneider: Die Freude am Tun stehe im Vordergrund. "Und was man mit Freude tut, fällt einem leicht und erhöht die Eigeninitiative." Dominik sei da beispielhaft. "Er rechnet gern und er ist hungrig", erzählt seine Lehrerin. Und so habe er das Wurzelziehen erlernt, "obwohl es nicht im Grundschullehrprogramm ist."

Und was kommt danach?

Und nach der Montessori-Schulkarriere? Diese Frage hört Katja Eckert-Hessing immer wieder: Ob diese Methoden denn nicht auch etwas lebensfremd sind? Ob sich die Kinder später im Berufsleben nicht schwer tun?
Sämtliche Erfahrungen und Studien belegten das Gegenteil. "Die Kinder, die über die Lernbereitschaft und die emotionale Reife verfügen, schaffen den Übertritt in die weiterführenden Schulen." Schließlich würde ja in den Klassen 1 bis 4 nichts anders als der staatliche Grundschulplan gelehrt, sagt Eckert-Hessing - nur eben mit einer anderen Herangehensweise.

"Ich finde es schön, dass wir hier viel singen und stille Übungen machen. In letzter Zeit habe ich viel Deutsch gemacht", erzählt Kai. Heute hat der Achtjährige Lust, am Rechenbrett zu sitzen und mit dreistelligen Zahlen zu multiplizieren. Aber es geht nicht nur um "Lust", stellt Gardis Schneider klar. Eine ihrer Lern-Prämissen lautet: Was ansteht, soll zu Ende gemacht werden.

Ohne Angst

Bei den Zeugnis-Gesprächen schätzen sich die Kinder dann selbst ein. Der Rahmen an der Schule sei immer angstfrei, betont Schneider. "Den Stempel du kannst es nicht, gibt es nicht." Um das zu verinnerlichen, erwerben die Lehrer nach ihrer klassischen staatlichen Ausbildung ein Montessori-Diplom.

Gardis Schneider kann sich gut an ihr Montessori-Aha-Erlebnis erinnern. Sie war in die Egloffsteinstraße gekommen, um zu hospitieren. Und schon nach dem ersten Tag sei ihr klar gewesen: "Das ist es! So kann lernen also auch sein."