Noch drei Tage bis zum Beginn der Weihnachtsferien: Bis dahin sollen Bayerns Schülerinnen und Schüler zuhause lernen. Wegen des Corona-Lockdowns sind seit Mittwoch, 16. Dezember 2020, erneut alle Schulen und Kitas geschlossen. Die Pandemie hat die Versäumnisse bei der Digitalisierung im deutschen Bildungssystem offen gelegt. Schulen wie das Ehrenbürg-Gymnasium mussten plötzlich Distanzunterricht umsetzen. Schüler und Lehrer müssen auch im kommenden Jahr mit Homeschooling rechnen. Wie blicken sowohl junge als auch erfahrenere Lehrkräfte aus Forchheim nach einem Jahr im coronabedingten Ausnahmezustand auf den beschleunigten digitalen Wandel im Schulalltag?

Lernen auf Distanz nur Notlösung

"Ich schaue natürlich positiv in die Zukunft", sagt Constanze Lörner. Die 28-jährige Gymnasiallehrerin unterrichtet seit Februar Deutsch und Religion am EGF. Lehrer und Schüler hätten in diesem Jahr wegen des rasanten Digitalisierungsschubs sehr viel dazugelernt. Manche seien aber auch überfordert worden. Lörner betont: "Den Distanzunterricht zu meistern, kann eigentlich nur die Notlösung sein."

Der Präsenzunterricht im Klassenraum sei für den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler weiterhin unverzichtbar. "Im digitalen Unterricht weiß ich nicht, was im Hintergrund bei den Schülern passiert. Wer kommt gerade mit? Ist jemand überfordert? Auf wen muss ich Rücksicht nehmen? Wenn ich 26 Schülerinnen und Schüler gleichzeitig hinter dem Bildschirm habe, ist das viel schwieriger", erklärt Lörner. Digitale Online-Tools könnten die zwischenmenschliche Lehrer-Schüler-Beziehung von Angesicht zu Angesicht nicht ersetzen.

Digitales sinnvoll integrieren

Das eigentliche Ziel der Digitalisierung an den Schulen müsse vielmehr sein, digitale Medien und Kommunikationsmittel sinnvoll in den Unterricht zu integrieren, damit es pädagogisch und didaktisch Sinn mache, erklärt die junge Lehrerin. In ihrem Deutschunterricht sollen die Schülerinnen und Schüler zukünftig zum Beispiel mit Texten sowohl handschriftlich als auch digital auf dem Tablet arbeiten. Beides sei wichtig.

Während der Pandemie ist nun quasi "Digitalisierung in Lichtgeschwindigkeit" von den Schulen gefordert worden, fasst Gymnasiallehrer Markus Denk das Dilemma zusammen.

Betreuungsaufwand ist enorm

Der 51-Jährige erinnert sich noch daran, wie zu Beginn seiner Lehrerkarriere der Overheadprojektor die größte Innovation im Klassenraum war. Bei der technischen Ausstattung mit Computer-Geräten und WLAN sei das EGF bereits heute gut aufgestellt. Denk unterrichtet seit 2010 Deutsch und Geografie am Ehrenbürg-Gymnasium und ist Teil des Schuldirektorats.

Zum Distanzunterricht ist es ihm wichtig, klarzustellen: Fachlehrer am Gymnasium betreuen bis zu 300 Schulkinder. Derart viele Schüler über Videochat und Online-Lernplattform zu betreuen, sei unheimlich schwierig und aufwendig. "Da habe ich schnell 40 Leute zusammen, denen ich nachtelefonieren muss", verdeutlicht der 51-Jährige das Problem im Alltag.

Bildungs-"Schere" wird größer

Aber nicht nur die Corona-Krise habe das Schulleben am Ehrenbürg-Gymnasium in den vergangenen Jahrzehnten verändert: Die Schülerzahlen an den Gymnasien nahmen zu, die Schülerschaft wurde vielfältiger und heterogener. Dadurch gehe auch die "Schere" beim Bildungsniveau unter den Schülern auseinander. "Früher gab es wenig Einser, wenig Sechser und in der Mitte sehr viel. Das hat sich komplett umgedreht: Nun haben wir viele ganz gute und viele eher schlechtere Schüler", macht Denk die Herausforderung deutlich.

Kein Geheimnis: Klassengröße

Wiltrud Peer unterrichtet seit 2000 am Ehrenbürg-Gymnasium. "Die Zeit, die wir Lehrerinnen und Lehrer haben, um uns mit jedem Schulkind auseinanderzusetzen, wird weniger", kritisiert die 59-Jährige. Früher sei der Kontakt zwischen Lehrern und Schülern intensiver gewesen. "Das Nachjustieren bei einzelnen Kinder konnte damals besser abgefedert werden. Jetzt ist es relativ anonym", sagt Peer. Die Fachlehrer müssten pro Klasse bis zu 30 Schüler gleichzeitig unterrichten. Die erfahrene Lehrerin appelliert an die Politik: "Aber das Geheimnis für einen guten Unterricht hat sich in den vergangenen Jahren eigentlich nicht geändert: Und das sind kleine Klassen."

Zudem fehle es an einer einheitlichen Online-Lernplattform, die den Bedürfnissen für digitalen Unterricht gerecht werde, betont Constanze Lörner. Aktuell müssten sich Lehrer und Schüler neben dem Internetportal "Mebis" des bayerischen Kultusministeriums mit unterschiedlichen Anwendungen und Programmen aushelfen. Zum Beispiel fehlt noch die Möglichkeit für Videokonferenzen.

Lehrer bräuchten Entlastung

Außerdem seien die Lehrkräfte heutzutage zu sehr mit Verwaltungsarbeiten und dem digitalen Aufwand beschäftigt. Zur Entlastung der Lehrer würde sich Peer zum Beispiel eine zusätzliche Lehrkraft wünschen, die sich speziell um die digitale Angelegenheiten in der Schule kümmert. Diese zusätzliche Fachkraft könnte koordinieren, dass jedes Schulkind die benötigten Geräte und Ausstattung hat. "Digitalisierung ist ein Prozess, der noch wachsen muss. Denn Lernen ist etwas ganz anderes als Computerspielen", sagt Peer.