Wenn Späne fallen, wo gehobelt wird, dann fallen doch auch Tränen, wo geliebt wird? Es sind solche Einfälle, Gedanken, manchmal verquer, manchmal Insider, die keiner von außen so richtig versteht, die Andreas Liebert dazu bewegen, einen Song zu schreiben. Eine Mischung aus Tagebuch führen und der Kreativität freien Lauf lassen.

Andreas Liebert steht am Mikro: "Moin, ich bin Andreas aus Hamburg." Sagt er, so fühlt er auch. Franken schlägt aber auch noch in seinem Herzen. Ein bisschen Forchheim, zweisiebtel Ebern - zumindest in musikalischer Hinsicht. Liebert ist in Forchheim aufgewachsen und hat dort bis zu seinem 18. Lebensjahr gelebt. Sein neustes Musikvideo hat er mit seinem Neffen und Schwager in der Forchheimer Umgebung gedreht.


Hobby-Musiker auf Tour

In einem kleinen, privaten Tonstudio eines Kumpels hat er in Ebern seinen allerersten Song, den es für die Außenwelt im Frühjahr 2014 zu hören gab, produziert und verfeinert. "Eins, aufgenommen und gemischt von Johannes Dorsch im Schalldruck Studio, Ebern, Dezember 2014", steht deshalb auch im Plattencover.

Mittlerweile - gut eineinhalb Jahre später - kann Liebert 45 Minuten auf der Bühne stehen und seine eigenen Songs zum Besten geben. Am vergangenen Donnerstag war er zum Beispiel in Bamberg unterwegs. Stand am späten Abend in einer vollen Kneipe mit seiner Gitarre um den Hals, schloss die Augen und wünschte sich, möglichst viele um ihn herum würden jetzt gleich aufhören zu sprechen, wenn er den ersten Ton anstimmt.
Eine Stunde zuvor hatte er nämlich noch im Gespräch erzählt, dass man sich nicht vorstellen kann, wie nervig es ist, wenn ständig jemand quasselt, während man auf der Bühne spielt, bis man selbst einmal gegen diesen Geräuschpegel ansingen muss.

In Minden, Flensburg und Emden war er schon zu Gast - von einer Tournee will der, der sich selbst immer wieder als Hobby-Musiker bezeichnet, tatsächlich nicht sprechen. "Tatsächlich" reist er halt durchs Land. Hat die Chance, an netten Orten, nette Leute kennenzulernen, und seine Musik zu spielen. "Tatsächlich" gefällt ihm als Wort tatsächlich ganz gut - so wie die Straßennamen in Bamberg: Hasengasse oder Fischerei, da fühlt er sich gleich ein bisschen wie in seiner Lieblingsstadt Hamburg. Vielleicht ist ja sogar "Bamberg das Hamburg von Oberfranken?", wirft Liebert mal so in den Raum.


Auf der Bühne reißt die Saite

Im Café bei der Kneipe sitzt Liebert mit Winterjacke und Mütze. Sein Markenzeichen vielleicht, ganz bestimmt. Wie das Hemd, das bis auf den letzten Knopf zugeknöpft ist. Kalt kann es ihm hier kaum sein. Er trinkt Tee. Dann noch ein Glas stilles Wasser.

In einer halben Stunde geht das Konzert los. Er ist froh, dass er noch ein bisschen erzählen kann. Von Besuchen auf dem Eberner Feuerwehrfest, oder einer Party im alten Kasernengelände zum Beispiel. Oder:"Ich wusste gar nicht, dass ein Herz so schnell schlagen kann", sagt er in Erinnerung an seinen ersten Bühnenauftritt.
Nach dem Bachelorstudium hängt er aktuell einen Master in Business Management - in Unternehmertum - an der Fachhochschule Flensburg dran. Hamburg, Lübeck, jetzt Flensburg haben es ihm angetan. Im Norden, findet er, da sind alle ein bisschen entspannter.

Ganz entspannt ist er auch, was seine eigene Musik betrifft. "Ich habe ein dickes Buch, da steht nichts drin", sagt er. Seine Songs sind vor allem im Kopf, beim Konzert gibt es höchstens eine selbstgeschriebene Set-Liste zum Spicken. Wie viele Songs, Alben oder Auftritte überhaupt noch kommen werden, will Liebert selbst nicht prophezeien. Er hat nur eine Vermutung: Eine Band kann sich auflösen, ob man sich selbst auflösen kann, so als Solokünstler... ?

Liebert ein musikalisches Genre zuzuordnen, ist kompliziert bis unmöglich. Er komponiert eigene Texte, singt auf deutsch. Manchmal steht ein neuer Song in 20 Minuten: Erst gibt es die Gitarrenakkorde, dann die Zeilen dazu. Er erzählt keine Romane, sondern hält sich an unterschiedlichen Szenen auf. Momente, Augenblicke, die er selbst schon erlebt hat. Eben im Taxi oder in der Tanzbar, mit Blick auf die Discokugel gerichtet oder, in seinen Worten ausgedrückt, mit dem Blick auf einen "Teil des Spiegels".

Wer über die Texte von Andreas Liebert spricht, spricht automatisch über seine Ex-Freundin. Wie seine Songs, erzählt auch er immer wieder im Gespräch von Situationen, die ihn angespornt haben, einen Song daraus zu machen. Eine Beziehung, die ihn inspiriert bis heute - auch ohne Happy End.

Bei seiner Musik ist es ein bisschen so wie mit einem Tümmler - kein Fisch, aber doch irgendwie fischig. Ein bisschen wie Kettcar oder Olli Schulz, und doch wieder anders, die Gitarrenspur teilweise um elektronische Synthesizer-Klänge angehaucht.

Seine Texte sind nachvollziehbar - "Ich seh' dir nur noch digital beim Leben zu" - und doch unterschiedlich zu interpretieren. Herzschmerz-Klänge, bei denen die gewählten Worte manchmal anecken, wenn es um die melodische Verwirklichung im Song geht.


Daheim ist es immer noch schön

Wenn Liebert live spielt, ist es schön. Nicht ganz okay, sondern wohlig warm, mit Stimmung, mit Wohlfühlfaktor und der Prise "anders". Er ist: "Singer-Songwriter. Fertig." Sagt er. Er könnte mit Begriffen wie Hamburger Schule oder Bands kommen, die ihn geprägt haben, oder er lässt es einfach. "Jeder kann die Musik machen, die er will", sagt der Musiker.

Aus der Nische, die Liebert bedient, kann er nicht raus. Will er auch nicht. Obwohl seine Oma sich ein bisschen Sorgen macht, weil seine Werke oft so traurig klingen. Aber Liebert geht es wohl ganz gut. Er wirkt ausgeglichen. Kann mit der Musik zwar nicht seinen Lebensunterhalt bestreiten, dafür aber sein Leben meistern.

Mittlerweile ist die Winterjacke weg und dann nimmt der 28-Jährige die Mütze ab, fährt sich durch die dunkelbraunen Haare, die oben länger sind als an den Seiten, wuschelt die Strähne noch ein bisschen weiter nach links, um was zu sehen, schließt dann doch die Augen und legt los ... "blättern unsere Tage, unsere Wochen, schreiben die Geschichten, die wir so mochten, dieser Herbst ist unser Winter".

Nach dem ersten fränkischen Konzert in Bamberg steht ihm in der nächsten Woche, am Samstag, ein Auftritt in Forchheim bevor. Welche Bekannten zu diesem Abend kommen werden, findet er heute schon aufregend. Und auch auf den Winterabend im E-Werk in Erlangen freut er sich besonders. "Das ist mein Wohnzimmer", hat er früher immer gesagt. Jetzt spielt er selbst in diesen Hallen - und bleibt danach gleich bei der Familie über Weihnachten daheim.



Auftritte
Am kommenden Samstag, 14. November, tritt Andreas Liebert im Jungen Theater in Forchheim auf. Einlass ist um 20 Uhr. Im Dezember, am 17., spielt Liebert im E-Werk in Erlangen.

Herunterladen kann man sich Lieberts erste Single "Tümmler" kostenlos auf seiner Webseite unter andreasliebert.de. Man findet ihn aber auch bei iTunes, Spotify oder Amazon.