Eigentlich schien alles unauffällig. Die Eltern von Luca, bei seiner Geburt 24 und 27 Jahre alt, stammen aus der gehobenen Mittelschicht, ein gesichertes Einkommen ist vorhanden. Als der Junge etwa drei Jahre alt ist, erkrankt die Mutter jedoch an Depressionen, die Ehe zerbricht.

Einigungsversuche, bei wem der Sohn wohnen solle, scheitern, der Streit kommt vor Gericht. "Da sind wir als Jugendamt das erste Mal in Kontakt mit der Familie gekommen", sagt Dieter Hümpfner, Sozialdienstleiter des Amtes für Jugend, Familie und Senioren.

Fallbeispiel: Erster Verdacht auf Kindesmisshandlung im Krankenhaus

Der Fall von Kindesmisshandlung innerhalb der Familie, den Hümpfner vergangene Woche vor dem Jugendhilfeausschuss vorstellte, liegt bereits ein paar Jahre zurück. Luca heißt in Wirklichkeit anders. Die Schilderung soll zeigen, wie das Jugendamt in einem solchen individuellen Fall vorgeht.

Luca kommt erst einmal zur Mutter. Als der Junge fünf Jahre alt ist, melden sich die Ärzte einer Klinik beim Jugendamt mit dem Verdacht auf Kindesmisshandlung. Sie haben bei dem Fünfjährigen einen Armbruch festgestellt sowie einen älteren Rippenbruch. Er sei gestürzt, ist die Begründung der Mutter. "Das Schlimme ist: An dem Tag, an dem er gestürzt sein soll, wurde er nicht in die Klinik gebracht, sondern erst am nächsten Tag. Das Kind muss nachts Schmerzen gehabt haben", so Hümpfner.

Die Ärzte sind der Meinung, Gewalt sei die Ursache für die Verletzungen. Das Jugendamt ordnet deshalb an, Luca solle vorerst im Krankenhaus bleiben. "Für uns ist das nicht ganz rund gewesen", sagt Hümpfner. Denn es liegen bereits mehrere Anzeichen einer Gefährdung vor: Der Junge erschrickt, wenn die Tür aufgeht, liegt die ersten Tage lethargisch im Bett, alles deute auf eine Traumatisierung hin.

Bei einem Verdacht folgen mehrere Schritte aufeinander

Es folgt ein Gespräch mit den Eltern. Das Jugendamt stellt nun nach einer Kriseninterventionsbesprechung einen Antrag an das Familiengericht mit dem Verdacht auf Misshandlung. Luca kommt daraufhin in eine Pflegefamilie. Dort bleibt er rund drei Jahre.

Hilfeplangespräche über weitere Vorgehen finden regelmäßig statt. Währenddessen gerät zum ersten Mal der Vater ins Visier für die Gewalt gegenüber seines Sohnes. Er wird zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt, anschließend taucht er unter.

Mit acht Jahren wird Luca auffällig, zeigt sich aggressiv. Eine Reaktion auf die Erlebnisse? Der Junge beginnt eine Traumatherapie und kommt in eine Erziehungsgruppe mit familiärem Rahmen. "Wir müssen immer an die Rückführung denken", sagt Hümpfner. Deshalb wird auch die Mutter noch einmal vor Gericht angehört. Nach dem Besuch einer Mutter-Kind-Einrichtung ist das dann auch möglich. Sie erhalten anschließend noch ambulante Hilfe als Nachsorge und Familienhilfe von etwa zwei Jahren Dauer. An wen kann man sich bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung wenden? Bei einem Verdacht könne man sich an die insoweit erfahrene Fachkraft im Jugendamt wenden, so Hümpfner. Diese führe dann eine anonymisierte Beratung durch. Kindergarten und Horte können sich an die Caritas Beratungsstellen wenden. Ärzte sowie Hebammen seien zudem verpflichtet, gewichtige Anhaltspunkte für eine Misshandlung, Vernachlässigung oder einen sexuellen Missbrauch, die ihnen im Rahmen ihrer Berufsausübung bekannt werden, unverzüglich dem Jugendamt mitzuteilen. Wenn eine Meldung auf einen Verdacht bei Ihnen eingegangen ist: Was darf das Jugendamt tun und was nicht? Der beste Schutz für Kinder seien starke Eltern, benennt der Sozialdienstleiter einen Grundsatz. Um beurteilen zu können, ob ein Kind gefährdet ist, benötigen Fachkräfte ein umfassendes Bild der Familie. "Wir sprechen mit den Eltern, den Kindern und Jugendlichen, besuchen sie zu Hause, setzen uns aber auch mit anderen Kontaktpersonen in Verbindung, z. B. in Kindergarten oder Schule. Was belastet das Kind?"

Ein wichtiges Prinzip sei, über jeden Einzelfall immer in einem Team zu beraten. So werde sichergestellt, dass mehrere Perspektiven und ein breites Fachwissen einbezogen werden. "In dem vorgestellten Fall war sofortiges Handeln erforderlich, da die Verletzungen erheblich waren. In massiven Fällen nehmen wir das Kind vor einer gerichtlichen Entscheidung in Obhut. Bei fehlender Zustimmung der Eltern schalten wir das Familiengericht ein, das letztendlich über die Rechtmäßigkeit der Handlung des Jugendamtes entscheidet", so Hümpfner.

Wann kann das Jugendamt ein Kind in Obhut nehmen? Eine Inobhutnahme komme in äußerst prekären Familiensituationen zum Einsatz. Diese können etwa häusliche Gewalt, Vernachlässigung oder ein Verdacht auf sexuellen Kindesmissbrauch sein. Entscheidend sei jedoch, dass die Gefährdung des Kindes nicht anderweitig behoben werden kann, erläutert Hümpfner.

Hilfeplangespräch, Familienhilfe etc.: Sind dies alles individuelle Maßnahmen, die je nach Fall zum Einsatz kommen? Jugendhilfemaßnahmen werden je nach Fall zu Beginn oder nach Verlauf einer bereits erfolgten Maßnahme eingesetzt - je nachdem, was erforderlich ist, sagt Hümpfner. "So kann im Bereich Schule eine Integrationshilfe notwendig werden oder ein Wechsel von einer Pflegefamilie in eine Erziehungsstelle, da die auftretenden Probleme mit dem Kind durch die Traumatisierung erst nach einer gewissen Zeit zum Vorschein kommen."

Fehlt es an intensivpädagogischen Möglichkeiten, mit den Kindern zu arbeiten?

"Grundsätzlich gibt es zu wenig oder zum Teil keine Plätze, beispielsweise in stationären intensivpädagogischen Jugendhilfeeinrichtungen für bestimmte Altersgruppen", meint Hümpfner. Auch seien ambulante Therapiemöglichkeiten extern aufgrund langer Wartelisten nicht immer gleich umsetzbar. "Gut ist jedoch, dass es in den stationären Einrichtungen einen psychologischen Fachdienst gibt, der zumindest schon mal ab sofort mit dem Kind oder Jugendlichen z.B. eine Traumatherapie beginnen kann."