Das Urteil unseres Testers:

Der direkte Kontakt mit den Gläubigen ist die größte Stärke der Geistlichen, die mit ihrem aufrichtigen, warmen Lächeln die Seele streichelt. Der Gesang ist es nicht - wobei Ulrike Werner dafür nichts kann. Zumal das Protokoll den sehr hohen Falsett-Gesang wohl vorschreibt, der kaum einer Stimme schmeichelt. Das sollte geändert werden. Der Aufenthalt in der Kirche ist sehr angenehm, Liedauswahl und Qualität der Begleitmusik stimmig.

Die Bewertung im Einzelnen:

1. Einstieg Das Orgelspiel zu Beginn lässt schon vermuten, dass ein versierter Musiker am Instrument sitzt. Feierlich wird mit den Klängen der Gottesdienst eingeläutet. Die Begrüßung von Pfarrerin Ulrike Werner ist offen, herzlich und freundlich, wobei sie knapp umreißt, was die etwa 40 Gläubigen in den Bänken in den kommenden gut 65 Minuten erwartet: "Jesus ist das Brot des Lebens."

2. Musik Der Organist beherrscht sein Instrument sehr gut. Die ausgewählten Lieder sind sehr melodisch und machen es den Gottesdienstbesuchern leicht mitzusingen. Der Organist schlägt ein gut gewähltes Tempo an, dass es allen ermöglicht, mitzukommen, ohne schleppend zu sein. Insgesamt eine gute Mischung aus angemessener Feierlichkeit und akustischer Ästhetik. Zum Ende des Gottesdienstes darf der Organist seinen künstlerischen Anspruch ausleben - aber wohl dosiert.

3. Lesungen

Die Lesung aus dem Lukas-Evangelium wird von einem Gemeindemitglied laut und verständlich vorgetragen. Allerdings auch etwas monoton, weshalb die Gedanken beim Zuhören leicht abschweiften.

4. Predigt

Das Thema ist klar, und Pfarrerin Ulrike Werner versteht es, die Botschaft zu vermitteln. Wenn Jesus davon spricht, das Brot des Lebens zu sein, meint er nicht nur das Grundnahrungsmittel, das Brot damals wie heute ist. Am Tag nach dem Wunder der "Speisung der 5000" spricht er vielmehr vom Brot des Himmels für das Seelenleben - Liebe, Harmonie oder Geborgenheit. Und wer sein Brot teilt, sei es das tägliche oder - im übertragenen Sinn - Wissen, Wohlstand oder Nähe, der erfahre Glück und versündige sich nicht. Pfarrerin Werner verdeutlicht mit Begriffen wie Brotzeit oder Abendbrot, Redewendungen wie hartes Brot sowie anhand eines Märchens, wie das Brot als Lebensmittel oder Seelennahrung noch heute den Tag bestimmt.

5. Kommunion/Abendmahl Umspielt von den passenden Orgelklängen wurde dem Abendmahl ein würdiger Zeitrahmen eingeräumt. Ohne Eile, auf drei Etappen, versammelten sich die Gottesdienstbesucher im Halbkreis um den schön mit Sonnenblumen geschmückten Altar. Pfarrerin Ulrike Werner nahm sich für jeden Teilnehmer wertvolle Sekunden, die sie nicht nur für Worte, sondern für Augenkontakt und ein Lächeln nutzt. Am Ende reichen sich die Gläubigen die Hände und nutzen die Gelegenheit für einen Händedruck - als Zeichen von Respekt und Zugewandtheit.

6. Segen

Der Segnungsspruch orientiert sich an der üblichen Form (Ich segne euch im Namen des Vaters ...), greift aber erneut die Predigt auf und verheißt demjenigen, der sich der Gemeinschaft der Gläubigen anschließt und sein Brot bricht: "So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen" (Epheser 2,19).

7. Ambiente

"Schlicht" trifft die Beschreibung der Dreieinigkeitskirche wohl am besten - wie es sich für ein evangelisches Gotteshaus gehört. Die dicken, geweißten Sandsteinmauern versprühen im Zusammenspiel mit der hölzernen Empore dennoch einen urigen Charme, der fast als gemütlich umschrieben werden kann - auch wenn hier und da Handlungsbedarf besteht. Das Wandbild im Altarraum sowie der Blumenschmuck am Taufbecken sowie auf dem Altar sind willkommene Farbkleckse in der ansonsten nüchternen Kulisse.

8. Kirchenbänke

Die hölzernen Bänke sind schlicht, aber praktisch. Eine gute Sitzposition erhält durch eine gepolsterte Unterlage Komfort, der Abstand zwischen den Bänken ist so gewählt, dass auch große Menschen Beinfreiheit haben. Ein Haken an der Lehne der Vorderbank kann als Aufhänger für Jacken oder Handtaschen dienen, so hat man während des Gottesdienstes die Hände frei. Jemand hat das Wort "Noah" in ein Pult geritzt.

9. Beleuchtung

Die Dreieinigkeitskirche ist, hell, freundlich und einladend, raffinierte Lichtspiele sucht man jedoch vergeblich. Der Pragmatismus hat auch hier voll durchgeschlagen. Ein Scheinwerfer im Altarraum und mehrere Hängeleuchten entlang des Mittelgangs sorgen für gute Sichtverhältnisse. Das Gesangbuch liest sich entspannt, ohne dass Augen zusammengekniffen werden müssen. Allerdings hat der Sommer an diesem Tag auch für reichlich Tageslicht gesorgt, das durch die großen Fenster flutet.

10. Sinne

Den Ohren wird geschmeichelt mit Wohlklängen in angenehmer Lautstärke, die Augen werden nicht überstrapaziert, Wein und Oblate zum Abendmahl schmecken. Der Tastsinn bleibt unberührt, für Gefühl sorgt Pfarrerin Ulrike Werner, die für jeden Gottesdienstbesucher ein warmes Lächeln übrig hat, sei es beim Abendmahl oder bei der Verabschiedung an der Kirchentür. Geruchstechnisch kann die evangelische Messe mit dem weihrauchgeschwängerten Pendant der Katholiken nicht mithalten, jedoch findet sich auch keine Spur von feuchtem Muff, der in alten Sandsteinbauten oft herrscht.

Warum ein Gottesdiensttest?

Wir wollen mit unserem Gottesdiensttest die Kirchen ein wenig mehr ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken. Unter Kirchgängern, Geistlichen und Lesern soll eine Diskussion darüber entstehen, was einen guten Gottesdienst ausmacht. Dieses in der Regel sonntägliche Treffen hat für evangelische wie katholische Christen ja bis heute eine große Bedeutung. Soll lebender Ausdruck des Christseins sein. Wir haben uns für eine Bewertung nach objektiven Kriterien theologische Hilfe geholt bei den Professoren Martin Stuflesser (Würzburg), er ist auch Berater der deutschen Bischofskonferenz, und Martin Nicol (Erlangen), der mit seinem Buch "Weg im Geheimnis" ein Plädoyer für den evangelischen Gottesdienst abgibt. Ergänzt werden objektive Kriterien um die subjektiven Eindrücke, die unsere Kollegengewonnen haben.

Alle Berichte unserer Serie finden Sie auf unserer Übersichtsseite zum Gottesdiensttest. Dort finden Sie auch ausführliche Infos.