Was passiert hier? Selten zuvor bei einer Grabung habe er diese Frage so oft beantworten müssen, erzählt Matthias Hoffmann vom Archäologie-Büro Reve aus Bamberg. Der Grabungsleiter mag die Fragen, die ihm von der "Laufkundschaft" gestellt werden. "Die Forchheimer interessieren sich für ihre Stadtgeschichte und Aufklärung gehört zu unserer Arbeit", sagt Hoffmann.

Eine Frau bleibt am Bauzaun in der Wallstraße stehen. Sie sei 1932 geboren und lebe in der Nachbarschaft, sagt sie. Sie kann sich erinnern, als an dieser Stelle, wo gerade ein Stück der 1,50 Meter breiten Forchheimer Stadtmauer blank geputzt wird, ein Wohnhaus stand. "In den 50er Jahren wurde dann ein Kino gebaut", erzählt die 88-Jährige.

Was hier alles schon stand: Ein Kleiderladen, ein Kino, ein Wohnhaus, ein Kinderheim und eine Fronfeste, also ein Gefängnis. "Die durchgängige Nutzung hat die Stadtmauer vor ihrem Abriss geschützt", erklärt Matthias Hoffmann.

Steine von seltener Güte

Dass in der Wallstraße eine archäologische Kostbarkeit zu finden sein könnte, darauf hatten die Experten des Landesamtes für Denkmalpflege und der Grabungsfirma Reve spekuliert. Aber als Baggerführer Michael Wiechmann am 11. September auf die obere Mauerkante stieß, war es dann doch eine Sensation. Denn was sich beim tieferen Graben entpuppte, war ein Stück aus den Anfängen des Stadtmauerbaus, also aus den frühen Jahren des 13. Jahrhunderts. "In einem derartigem Zustand und in der Güte kriegen wir das nicht mehr", freut sich Matthias Hoffmann und lobt Michael Wiechmann: Der Baggerführer der Firma Höllein habe die Grabung "umsichtig" unterstützt. Für Wiechmann war es das erste Mal in seinem Arbeitsleben, dass er auf einen solch raren Fund stieß. "Und wohl auch das letzte Mal", erklärt der 63-Jährige, "Ende Dezember gehe ich in Rente".

Das Wissen um die frühe Datierung der Forchheimer Stadtmauer verdanken die Archäologen einer Rechtsurkunde aus dem Jahr 1310. Sie belegt den Verkauf eines Hauses, das an der Stadtmauer stand. "Jetzt stehen wir direkt vor der Mauer, deren Fundament um 1230 entstanden sein dürfte. Es ist ein klassisches Phänomen aus jener Zeit, als Städte begannen, sich zu ummauern", erklärt Matthias Hoffmann.

Wenn es nach ihm und seinem fünfköpfigen Team ginge, würde in der Wallstraße noch länger und tiefer gegraben werden. Aber in etwa zehn Tagen endet das Projekt. Bis dahin hoffen die Archäologen auf einen weiteren Fund, den es in Forchheim bislang noch nie gab: Weil die Mauer auf einem Pfahl-Rost steht, könnten die Altertumswissenschaftler noch auf einen jener Holzpfähle stoßen, die die Mauer tragen. Die Dentro-Daten des Holzes könnten dann die genaue Bauzeit des Fundamentes bestätigen.

Unabhängig davon, haben die Archäologen schon jetzt Grund, ihre Arbeit in der Wallstraße zu feiern: Etwa auch wegen der zahlreichen Keramikfunde, die in die frühmittelalterliche Siedlungsgeschichte (8./9. Jahrhundert) verweisen, wobei ein Gefäßstück sogar aus dem vierten Jahrhundert stammt.

Euphorisch stimmt die Archäologen zudem die Entdeckung einer Unregelmäßigkeit in der Stadtmauer. Grabungsleiter Hoffmann deutete auf jene Stelle, "wo die Mauer verspringt". Dies sei ein Indiz, dass hier ein Turm gestanden haben könnte. "Hier haben wir eine neue Umbauphase entdeckt. Vielleicht wurde ein Stück der Verteidigungsmauer gleichzeitig mit der Stadtmauer gebaut."