Spricht man in Forchheim von der Hornschuchvilla, denkt jeder an den 1888 im Stil der Neorenaissance errichteten Bau in der Bayreuther Straße mit der Hausnummer 4. Dass es aber schräg gegenüber, wo heute das Caritas-Pflegezentrum St. Elisabeth steht, noch eine Hornschuchvilla gab, ist nur noch wenigen bekannt.

Bei einer Nachfrage am Stadtbauamt Forchheim heißt es, für das ehemalige Gebäude in der Bayreuther Straße mit der Hausnummer 17 fehlten im Archiv die Unterlagen. Das heutige Caritas-Pflegezentrum selbst schreibt auf seiner Internetseite, die Villa sei 1971 abgerissen worden, um einem Neubau Platz zu machen.

Gut, dass der Forchheimer Harald Schmidt über ein umfangreiches Foto- und Bildarchiv verfügt. Der Sammler konnte auf Anhieb eine Ansicht sowohl von der Villa als auch von der Lage des Gebäudes zur Verfügung stellen. Mit Hilfe des Forchheimer Stadtarchivs, des Grundbuchamts und des Staatsarchivs Bamberg lässt sich die überaus wechselhafte Geschichte des Gebäudes nachvollziehen.

Die Villen der Hornschuchs

Die Werkhallen, die Wohnhäuser der Arbeiter und die Villen der Firma Weber & Ott haben lange Zeit der Bayreuther Straße das Gepräge gegeben. Gemeinsam stehen sie wie in keinem anderen Stadtteil für die Industrialisierung Forchheims in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Heinrich Hornschuch (1838 bis 1912) gründete 1873 die Textilfabrik in Forchheim. Sein ältester Sohn Jakob aus erster Ehe baute 1888 die heute noch stadtauswärts auf der rechten Seite stehende repräsentative Villa. Sie wurde 2008 aufwendig renoviert.

"Wesentlich bescheidener", schreibt Helmut Schwarz in seiner Dissertation über "Forchheim im Industriezeitalter 1848 - 1914", "gab sich die Ende der neunziger Jahre erbaute Villa Karl Gottlieb Hornschuchs" schräg gegenüber auf der anderen Seite der Bayreuther Straße. Karl Gottlieb, ein jüngerer Bruder Jakobs, konnte den Neubau nicht lange genießen. Er starb schon 1899 im Alter von nur 31 Jahren.

Jakob, seine Geschwister Konrad und Lina erbten das Gebäude und richteten darin eine "Kinderschule" ein, die unter Leitung der evangelischen Pfarrei stand. Die Finanzierung erfolgte durch die parallel dazu gegründete und heute noch bestehende Karl-Gottlieb-Hornschuchsche Wohltätigkeitsstiftung.

Lang gehegter Wunsch

Mit der Errichtung dieses Kindergartens ging 1900 ein lang gehegter Wunsch des Evangelischen Arbeitervereins in Erfüllung. Zudem es keine herkömmliche "Kinderbewahranstalt" war, sondern eine modern ausgestattete und pädagogisch fortschrittlich geführte Einrichtung, in der bis zu 80 Kinder der Weberei-Arbeiter Platz fanden.

"Ein erstaunter Regierungsrat, der 1905 erstmals den neuen Kindergarten begutachtete und den Kleinen bei verschiedenen Vorführungen zusah", schreibt Helmut Schwarz, "notierte verblüfft, daß die Kinder hierbei auch turnerische Übungen machen mußten, die offenbar wohltuend auf die Entwicklung des Körpers wirken."

Eigentümer der Grundstücke, auf denen die Villa, ein Wohnhaus und mehrere Nebengebäude standen, waren ab 1910 Jakob Hornschuch und seine Ehefrau Margareta, geboren Städler. Beide starben kurz hintereinander im März und April 1939. Sie vererbten ihr Eigentum an ihre beiden Kinder Michael Heinrich Otto und Maria, die zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr in Forchheim lebten.

Mitglied der NS-Frauenschaft

Ihre verstorbene Mutter "Retha" war Mitglied der Nationalsozialistischen Frauenschaft und wurde "in weiten Kreisen ob ihres hochherzigen Wesens und ihrer Mildtätigkeit" gerühmt. Das galt zum einen für das Rote Kreuz, das sie maßgeblich förderte, zum anderen wohl auch für die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV), die mit Winterhilfswerk, Hilfswerk Mutter und Kind, Kinderlandverschickungen und eigenen "NSV-Schwestern" ab 1933 auch in Forchheim zunehmend die soziale Öffentlichkeit prägte. Im Frühjahr 1939 hatte die NSV in Forchheim schon mehr Mitglieder als die NSDAP selbst, nämlich über 1100. Sie sorgte für Ferienaufenthalte sowohl der Forchheimer Kinder als auch für die Aufnahme von Kindern aus anderen deutschen Regionen, führte Schulungen für ehrenamtliche Helfer durch und warb für ihre "völkische Wohlfahrtspflege". Die NSV war das Organ, mit dem die nationalsozialistische Ideologie unterschwellig unter das Volk gebracht wurde.

Erben verkaufen Villa 1940

Genau an sie, an die Berliner Zentrale im "Hauptamt für Volks-Wohlfahrt", verkauften die beiden Erben die Karl-Gottlieb-Villa samt zugehörigen Grundstücken mit insgesamt 26 750 Quadratmetern für 100 000 Reichsmark. Abgeschlossen wurde der Vertrag am 22. August 1940 im Forchheimer Notariat von Oskar Weber. Die NSV vertrat der von der Bayreuther Gauleitung entsandte Kassenverwalter Georg Prell als Bevollmächtigter. Ob der Kaufpreis - 3,73 Reichsmarkt pro Quadratmeter einschließlich der daraufstehenden Gebäude (!) - angemessen war, ist zumindest nach 1945 von den Hornschuch-Erben nicht bestritten worden.

In der zu dieser Zeit in Forchheim einzigen Lokalzeitung "Bayerische Ostmark" findet sich weder eine Meldung über den Kauf noch eine Notiz über das, was die NSV in der Karl-Gottliebschen Villa veranstaltete. Einen Hinweis gibt das Schreiben des Bayerischen Landesamts für Vermögensverwaltung und Wiedergutmachung (BLVW) an das Amtsgericht Forchheim aus dem Jahre 1948, in dem die Münchner Behörde vom beschlagnahmten NSV-Eigentum als "ehemaligem Entbindungsheim, später Erholungsheim, Krankenhaus und Lazarett" spricht.

Mehrere Funktionen?

In Forchheim war es dagegen unter den Einheimischen nur als "Säuglingsheim" bekannt. Die Ansichtskarte aus dem Archiv von Harald Schmidt bezeichnet es als "NSV-Jugendheim" und zeigt auf der Terrasse und im Fenster des zweiten Stocks ausschließlich junge Frauen, bei denen nicht zu erkennen ist, ob sie hier zu Gast sind oder zum Personal gehören. Es ist durchaus denkbar, dass die Villa in den sechs Jahren ihrer Nutzung durch die NSV Mehrfach-Funktionen zu erfüllen hatte.

(Teil 2 folgt)