Um sicher zu gehen, dass die Kleinen begreifen, was Mama oder Papa meinen, platzierte Wing-Tsun-Lehrer Markus Kleinlein am Samstag seinen knallroten Ford Focus auf dem Parkplatz in Engelgarten, um mit den Kindern zu üben: Diesmal ging es bei "Höchstadt goes fit" nämlich nicht ausschließlich um den sportlichen Aspekt. Er erklärte, wie es geht, sich nicht ansprechen zu lassen, wegzurennen und sich Hilfe zu suchen. Aber auch wie man einer kniffligen Situation entgegentritt und sich im Notfall wehrt war Teil der Wing-Tsun-Stunde.

Hauptberuflich ist Kleinlein medizinischer Schulbegleiter, betreut momentan ein Kind mit Diabetes Typ I. Aber als Wing-Tsun-Trainer mit 4. Lehrergrad kann er Kindern diese Art von Selbstverteidigung gut näher bringen. Zum Beispiel dem vierjährigen Marlon, über den seine Mutter sagt: "Marlon spricht alle an. Er ist sehr kontaktfreudig." Sie wünscht sich, dass der kleine Mann außerdem lernt, sich zu verteidigen ohne schlagen und schubsen zu müssen.

Anita Übler aus Lonnerstadt bringt ihre Enkelin Janina Raber (3 ½ ) mit. "Ich finde es gut, dass die Kinder ab einem bestimmten Alter Selbstverteidigung lernen", sagt sie.

Kristina und Thomas Mauer aus Gremsdorf haben Annabell (7) und Lucas (4) dabei. "Ich möchte, dass sich mein Kind wehren kann und nicht ins Auto von Fremden steigt", nennt Kristina Mauer als Grund für ihr Hiersein.

Sich immer Hilfe holen

Zuerst werden die Kinder instruiert. Sie sollen an dem Auto vorbeilaufen, wenn sie angesprochen werden, wegrennen, "Feuer" und "Hilfe" rufen und als Ziel einen Erwachsenen (in diesem Fall Julia Dellermann aus Markus Kleinleins Team) ansprechen. Sie sollen sagen, dass sie jemand verfolgt und auf den Täter zeigen. "Die Täter sind nicht blöd", so Kleinlein. "Die sehen den Blick der Erwachsenen und sind weg."

Kleinlein sitzt im Wagen, Julian kommt. Kleinleins Wasserpistole erscheint zwar verlockend, dann aber gibt Julian Fersengeld und rennt, was das Zeug hält. Bei Annabell versucht Kleinlein es mit einem Stofftier, doch auch sie lehnt ab und rennt. Auch Marlon lässt sich nicht locken. Kleinlein hat das Nachsehen. Bei allen Kindern.

Alle Kinder verhalten sich vorbildlich

Das ist wohl nicht immer so. Kleinlein und sein Team sind auch im Kindergarten Schlüsselfeld und Burgebrach bei den Fünf- bis Sechsjährigen unterwegs. "Es ist erschreckend, dass eines von zehn Kindern einsteigt, obwohl man es ihnen vorher gesagt hat", erklärt Jonas Jakob vom Schulungsteam.

Beim nächsten Durchgang bleibt Kleinlein nicht im Wagen sitzen, sondern rennt dem Kind nach. Zwar ist das eine oder andere aufgrund der kurzen Beinchen ein wenig langsam, dennoch erreichen alle den sicheren Hafen bei Dellermann. "Kinder brauchen das Auto", sagt Kleinlein. "Wenn man es nur erklärt, ist das zu abstrakt. Kinder brauchen eine konkrete Situation."

Mit Gewaltprävention und Deeskalation geht es weiter. Sich verbal wehren, wenn man angegangen wird, so laut wie nur irgend möglich. "Denn wenn der Gegner eines nicht brauchen kann, dann ist es Aufmerksamkeit", so Kleinlein. Sind die Kinder am Anfang noch ein wenig zaghaft, so schallt es schon bald laut "Stop! Geh weg! Lass mich in Ruhe!" durch den Engelgarten. Dem Gegenüber Grenzen setzen, das ist das Ziel. Bis hierhin und nicht weiter.

Eine ähnliche Situation hat Kleinlein selbst vor 16 Jahren in Geiselwind erlebt. Er wurde angepöbelt. "Der war auf Krawall gebürstet", sagt er. Er hat reagiert wie die Kinder heute, sich dann abgedreht und ist gegangen. Der Missetäter sucht nach einem Opfer. "Das nennen wir Opferradar", erklärt Kleinlein, "Wer einmal Opfer war, dem gräbt sich das in die Psyche ein. Der macht sich klein, senkt den Kopf." Und wird so leicht wieder zum Opfer. Dem soll vorgebeugt werden.

Schreien und Distanz schaffen

Was aber, wenn der Gegner nach einem greift? "Arm hoch", sagt Kleinlein zu Annabell,. "Lass mich in Ruhe!", ruft die Kleine und macht, was ihr gezeigt wurde: Sie schlägt den Arm weg und schafft Distanz. Auch Lucas hat kein Problem damit, sich zu wehren. Kleinlein ist zufrieden.

Nun kommt das Schubsen von hinten. Julian fackelt nicht lange, er dreht sich um, zeigt mit den Fingern auf seinen Gegner und ruft: "Hör auf! Lass mich in Ruhe!"

Zum Schluss kommt noch einmal das Auto dran, um zu sehen, was hängen geblieben ist. Julians Mutter Simone ist voll des Lobes. "Ich fand's cool, ich war total begeistert", sagt sie.