Ruhig lässt Ingrid Schneider das Messer durch die Pappe gleiten. Ein Strich, zwei Kurven und noch ein Strich, schon ist die Herz-Schablone fertig. Das Ingrid Schneider viel Ruhe und Geduld hat, merkt man ihr sofort an - ohne wäre sie in ihrem Beruf auch aufgeschmissen.

Seit 25 Jahren betreibt Ingrid Schneider einen Kerzenladen in Hemhofen. Sie stellt die wächsernen Lichtspender nicht selbst her, sondern kümmert sich vor allem um deren Verzierung. Gerade jetzt, wenn die Zeit der Kommunionen und Konfirmationen ansteht, hat sie viel zu tun.

Der Kunde ist König

Am Anfang steht immer der Kundenwunsch: "Die Leute kommen her, sehen sich um, und suchen sich für ihre Kerze verschiedene Elemente aus", erklärt Schneider. Die klassischen Formen für Konfirmation und Kommunion sind Fisch, Kelch, Taube, Kreuz und Ähren.
Die Formen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten kaum geändert, sagt Schneider. Nur die Materialien seien feiner geworden, glänzen jetzt oft. Außerdem sind Steine und Glitter hinzugekommen. "Früher hatte man oft nur matte Wachsplatten. Da kann man heute schon viel mehr machen." Im Schnitt verwendet Schneider vier bis fünf verschiedene Materialien pro Kerze. "Je nach Geschmack können es aber auch mal mehr und mal weniger sein", sagt sie. Dabei handelt es sich meist um unterschiedlich verarbeitetes Wachs.

Die meisten Kerzen sind weiß

Zunächst muss aber eine Grundkerze her. Die gibt es bei Ingrid Schneider in bis zu 20 unterschiedlichen Ausführungen. "Wir haben auch bunte Kerzen, die meisten sind jedoch weiß", erklärt sie. Das habe zwei einfache Gründe. Weiß sei festlicher und lasse sich zudem mit allen anderen Farben gut kombinieren. "Außerdem", sagt Schneider, "müsste man ja sonst viel zu viele Kerzen vorrätig haben."

Ist alles ausgesucht, folgt der nächste Arbeitsschritt. Ingrid Schneider stellt dann neue Schablonen her oder legt sich vorbereitete zurecht. Manchmal braucht es auch eine Gussform aus Gummi. Die stellt ihr Mann selbst her. "Das flüssige Wachs wird hier eingegossen und anschließend ausgehärtet", erklärt Schneider. Die größte Herausforderung sei es dann, die fertige Figur heil aus der Form heraus zu bekommen.

Wenn alles fertig ist, dann befestigt Ingrid Schneider die Figuren und Formen an den Kerzen. Dazu wärmt sie das Wachs ganz behutsam an und drückt es vorsichtig an die gewünschte Stelle.
Der letzte Arbeitsschritt ist dann meist die Beschriftung. "Ich könnte hier mit einem speziellen Stift arbeiten. Der ist mir allerdings nicht filigran genug", sagt Schneider. Stattdessen füllt sie Farbe in kleine Papiertütchen. Wie die Sahne auf einem Kuchen landet die Farbe dann auf der Kerze. "Alle Geheimnisse verrate ich Ihnen aber dann doch nicht", sagt sie und lacht.

Bei der filigranen Arbeit kommt Ingrid Schneider ihr alter Beruf zugute. Sie hat technische Zeichnerin gelernt: "Das hilft mir schon sehr, wenn es zum Beispiel darum geht, gerade Linien zu schneiden." Während ihrer Ausbildung habe sie auch viel in einer Werkstatt gearbeitet. "Das Hantieren mit verschiedenen Werkstoffen ist mir also durchaus vertraut", sagt sie.

Der Beruf der technischen Zeichnerin hätte ihr auch ganz gut gefallen - doch es kam anders. Als junge Frau besuchte sie ihre Tante im Kloster, die dort bereits länger Kerzen bearbeitete. "Ich habe in die Tätigkeit hineingeschnuppert und war sofort begeistert." Das behutsame Arbeiten und die schönen Ergebnisse haben sie fasziniert. Aus einem neuen Hobby wurde schließlich ein neuer Beruf: Vor genau 25 Jahren machte sich Ingrid Schneider selbstständig und eröffnete ihr Geschäft in Hemhofen.

Bei der Arbeit mit Wachs muss man aufpassen, dass man durch die Handwärme keine Verformungen verursacht. Für Ingrid Schneider ist das kein Problem, sie weiß genau wie sie mit dem Material umzugehen hat. "Die einzelnen Arbeitsschritte ergeben sich auch mit der Routine. Wenn man etwas so lange macht, dann weiß man einfach wie es funktioniert, ohne groß darüber nachzudenken", sagt sie. Etwa zwei bis drei Stunden braucht sie für eine durchschnittliche Konfirmations- oder Kommunionskerze.

Verrückte Ideen

Doch es gab auch schon ausgefallenere Kundenwünsche. "Einmal kam der Vertreter einer Kapelle zu uns. Er wollte eine riesige Kerze, auf der das Foto der Musiker zu sehen war und außerdem noch die Namen, die Adresse und als Krönung eine kleine, goldene Gitarre", erzählt Schneider. Den Wunsch hat sie der Kapelle erfüllt, auch wenn es sich für sie wirtschaftlich kaum gelohnt hat.