Kaum tritt man über die steinerne Schwelle, purzelt die Zeit. Riecht es da nach "bösen" Körpersäften? Nach Aschenlauge? Beißen nicht Holzrauch und Wasserdampf in den Augen? Mit etwas Fantasie erahnt man sogar den "Booder" - Fränkisch für Bader -, der in der Schürkammer steht, den mächtigen Schwitzofen mit dicken Holzscheiten füttert und zwischendurch Badegäste schröpft oder rasiert.

Das Badhaus Wendelstein ist quasi eine Zeitmaschine. Es ist eines der deutschlandweit besterhaltenen spätmittelalterlichen Badhäuser. Im steinernen Erdgeschoss lief der öffentliche Schwitz- und Badebetrieb, im Fachwerkobergeschoss und teilweise im Dachraum befanden sich vier Wohneinheiten mit Küchen, Kammern und teils Bohlenstuben, deren Zugänge - getrennt von der Badstube - über eine hölzerne Außentreppe und Altane zu erreichen waren. Hier lebten sowohl die Baderfamilie als auch Mieter ("Beständner").

2012 wurde das Haus im mittelfränkischen Wendelstein nach allen Regeln der Denkmalkunst abgebaut. Fünf Jahre später begann der Wiederaufbau im Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim. Nächsten Sommer soll das Haus feierlich eröffnet werden - so, wie es ab 1450 erbaut wurde. Wer das mit vier Metern ungewöhnlich hohe Erdgeschoss betritt, wird gut 500 Jahre in die Vergangenheit katapultiert - mitten hinein in die Zeit, als man "böse Säfte" ausschwitzen wollte und den Körper zur besseren Durchblutung mit "Badewedeln" bearbeitete, gebunden aus frischem Eichenlaub.

Zuerst ging es in die so genannte "Abziehstube". Beheizt von einem Kachelofen entledigte man sich hier seiner Kleider. Männer legten einen Lendenschurz an, Frauen die "Bad-ehr", ein schürzenartig im Nacken geknotetes Tuch, das zumindest die Vorderseite des Körpers einigermaßen bedeckte. Auf den Kopf setzte man einen Badehut aus Stroh. Dann ging es in die Badstube. Dort wuschen Bademägde einen mit Lauge ab, ehe man sich an der Wand neben dem Ofen auf die Schwitzbank begab.

Zur Steigerung der Durchblutung konnte man sich von Badeknechten die Haut reiben lassen - eine Art früher Massage. Immer wieder übergossen der "Booder" und seine Gehilfen die großen Badsteine im Ofen mit Wasser, damit es gehörig dampfte und die Badegäste recht schön schwitzten. Für Abgüsse gab es kälteres Wasser.

Wer vermögender war, konnte als Zusatzangebot auch ein Wannenbad im hölzernen Zuber nehmen - dafür gab es abgetrennte Räumlichkeiten - oder sich den Bart scheren und das Haar "zwagen", also waschen, lassen.

Der Bader - als einer der wenigen Menschen des Lesens kundig - war aber längst nicht nur für Sauberkeit zuständig, sondern er war quasi auch der Landarzt: "Es ist nachgewiesen, dass der Bader außerhalb der Badetage zur Ader ließ, Zähne zog oder Furunkel öffnete", erklärt die Historikerin Dr. Susanne Grosser, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Freilandmuseums. "Die damaligen Menschen wollten ihre Körpersäfte - Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle - im Badhaus ins Gleichgewicht bringen, um so ihre Gesundheit zu erhalten. Deshalb ging es dort darum zu schwitzen oder sich schröpfen zu lassen." Auch die Bruch- und Wundheilung gehörte auf dem Land zu den Aufgaben des Baders.

Erste Badhäuser gab es zwar schon um das Jahr 1200, aber erst im 15. Jahrhundert spannte sich ein flächendeckendes Netz durch ganz Franken.

"Bürger, Bauern und das Gesinde, sie alle gingen ins öffentliche Badhaus. Um das Jahr 1500 gab es fast 1200 Badhäuser in Franken: Jedes größere Dorf hatte eins."

Doch schon Ende des 16. Jahrhundert begann der Niedergang der öffentlichen Badstuben. Steigende Holzpreise, die grassierende Syphilis, der 30-Jährige Krieg und seine Folgen: All das sorgte dafür, dass diejenigen, die es sich leisten konnten, private Badstuben bauten. Spätestens 1818 fand der Badebetrieb mit dem Königlich-Bayerischen Badstubenerlass sein Ende: Der Betrieb aller Badehäuser wurde aus hygienischen Gründen untersagt.

Den Badern auf den Dörfern, wo es bis ins 19. Jahrhundert hinein kaum studierte Ärzte gab, blieb jedoch ihre Tätigkeit als Heiler. Die allerletzten fränkischen "Booder" zogen noch im 20. Jahrhundert Zähne - Zeitzeugen berichten es in einer aktuellen Ausstellung im Freilandmuseum Bad Windsheim sehr anschaulich -, öffneten Abszesse oder behandelten Furunkel. "Sie hatten eine zentrale Bedeutung", weiß Susanne Grosser. "Rechnungsbücher von Badern und historische Rezeptbücher zeugen eindrucksvoll davon." Ausstellung: "Schwitzbaden, Schröpfen und Kurieren" heißt eine Ausstellung, die bis Juni 2021 im Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim (in der Betzmannsdorfer Scheune) die Vorfreude auf die Eröffnung des Badhauses aus Wendelstein im Sommer 2021 weckt.