Kräftig wurde in den vergangenen zehn Jahren im Siemens-Konzern umstrukturiert. Heute verlieren selbst Mitarbeiter mitunter den Überblick. Es gibt Büros, da ist die Chronologie der Abteilungsbezeichnungen noch sichtbar. An der Wand hängt eine lange Liste. Immer wieder andere Namen, aber immer dieselbe Arbeit.

Jetzt steht erneut ein Konzernumbau an. Siemens-Chef Joe Kaeser, seit vergangenem Sommer im Amt, will aufräumen. Wie, das behält der 56-Jährige noch für sich. Anfang April sollen Details vorgestellt werden. "Es gibt Gerüchte, dass es dann auch die jetzigen Sektoren nicht mehr geben soll", erzählt Wolfgang Niclas, Erster Bevollmächtigter der IG Metall am Simens-Zentralstandort Erlangen.

Niclas, der IG Metall und den Betriebsräten geht es derzeit aber um mehr als die verschachtelte Konzernstruktur. Noch ist das Restrukturierungsprogramm mit dem Namen " Siemens 2014" nicht abgeschlossen. Groß war der Aufschrei gewesen, als an einem Sonntag Ende September bekannt wurde, dass das Milliarden-Sparprogramm weltweit rund 15.000 Jobs kosten soll, davon 5000 in Deutschland. Erst nach und nach wurde klar: Der Abbau läuft schon seit 2012 - und dies relativ geräuschlos.


26.000 Beschäftigte

Bis jetzt sind die Siemensstand orte in der Region glimpflich davongekommen. 26.000 Menschen arbeiten in Erlangen für den Konzern. Rund 2000 Stellen wollten die Siemensverantwortlichen hier streichen. Verlassen mussten das Unternehmen bisher aber nur wenige.

"Die Beschäftigtenzahl ist mehr oder weniger gleich geblieben", berichtet Betriebsratsvorsitzende Sigrid Heitkamp. In ihrem Betrieb mit dem Kürzel G in Erlangen finden sich unter anderem die Zentralabteilungen und Stabsstellen. Er ist mit 9500 Beschäftigten einer der größten in Deutschland. Der Standort sei vielgestaltig, deshalb habe sich in jüngster Vergangenheit an der Zahl der Mitarbeiter wenig geändert. "Es gab keine betriebsbedingten Kündigungen, aber etwa 1000 Beschäftigte waren irgendwie betroffen."

Siemens setzte in den vergangenen Monaten auf Sozialverträglichkeit. Es gab Angebote zu Altersteilzeit, zu Aufhebungsverträgen und Versetzungen an andere Stellen. Wer 58 Jahre alt und älter war und wessen Stelle wegfallen sollte, konnte die Alters teilzeitregelung annehmen. "Für maximal fünf Jahre", berichtet Heitkamp. Ganz vereinzelt habe es in ihrem Betrieb sogar Neueinstellungen gegeben.

Dennoch ist aus Sicht der Betriebsratsvorsitzenden die Stimmung angespannt, weil zum Beispiel "administrative Arbeit immer mehr auf die Ingenieure verlagert" würde. Und noch etwas anderes bereitet den Betriebsräten Probleme: "Meine Sorge ist, dass Siemens im Vergleich zu den Wettbewerbern abgehängt wird, weil wir nicht auf dem neuesten Stand der Technik sind", sagt Heitkamp.

Am Sektor Healthcare ist der Strukturierungsplan "Siemens 2014" bisher völlig vorbeigegangen. "Unser Abbauprogramm hieß Agenda 2013", sagt Wolfgang Fees, Betriebsratsvorsitzender von Siemens Healthcare Erlangen/Forchheim. 500 Stellen fielen in Onkologie und bei der Partikeltherapie zur Krebsbehandlung weg. 400 sind bisher abgebaut, alles ohne betriebsbedingte Kündigungen. Es habe rund zehn Prozent Aufhebungsverträge gegeben, aber die meisten Mitarbeiter hätten in anderen Abteilungen der Gesundheitssparte eine neue Aufgabe gefunden. "Für 100 Kollegen muss noch eine interne Lösung gefunden werden", berichtet Fees. Doch da sieht der Betriebsratsvorsitzende gute Chancen. Zweimal hintereinander konnte die Sparte Healthcare zuletzt das beste Ergebnis der Geschichte verbuchen. Und mit 9500 Beschäftigten, davon rund 3000 in Forchheim, sei der höchste Mitarbeiterstand aller Zeiten erreicht. "Wir stellen jede Woche zwischen fünf und zehn Leute ein", berichtet Fees.

Helmut Saffer, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender beim Standort F 80 in Erlangen, an dem Automatisierungstechnik entwickelt, produziert und vertrieben wird, kann Ähnliches berichten. "In den letzten vier Jahren sind wir gewachsen, von unter 3000 auf 3500."


"Hälfte des Kampfes verloren"

Reiner Ingenieursstandort ohne Produktion ist die Erlanger Sparte Energy mit 7000 Beschäftigten, in der Martin Distler-Hofmann als Betriebsrat tätig ist. 500 Arbeitsplätze seien hier sozialverträglich abgebaut worden. Vor allem das Energieanlagen-Geschäft wurde nach Korea verlagert - und 430 Arbeitsplätze dazu. Insgesamt gab es 830 Stellen in diesem Geschäftsfeld. "Wir kämpfen noch, aber Fakt ist, dass wir hier die Hälfte des Kampfes verloren haben", sagt IG-Metall-Bevollmächtigter Wolfgang Niclas.