• Baiersdorf: THW-Helferin im zerstörten Stolberg (Rheinland) im Einsatz
  • "Nicht mehr viel zu retten": 25-Jährige von Flutschäden schockiert
  • Kein Strom und sauberes Trinkwasser: THW im Dauereinsatz
  • "Saß nur noch auf der Straße und hat geweint": Bevölkerung psychisch schwer angeschlagen 

25-jährige Helferin aus Baiersdorf berichtet aus Katastrophengebiet - seit Tagen im Dauereinsatz: Sabrina Dickau, Ingenieurin und Helferin des THW Ortsverbandes Baiersdorf (Landkreis Erlangen-Höchstadt) ist seit Samstag (17.07.2021) im nordrhein-westfälischen Stolberg im Einsatz. Als Teil der Gruppe für Elektroversorgung versucht sie, mit ihren Kameraden und Kameradinnen, den Menschen vor Ort schnellstmöglich wieder Strom bereitzustellen. Im Gespräch mit inFranken.de berichtet Dickau über unfassbare Zerstörung und riesiges Leid bei der Bevölkerung - auch eine Woche nach der Flut. 

Baiersdorfer Helferin in NRW: Aufgerissene Straßen und riesige Schutthaufen 

"Wir sind am vergangenen Freitag um 19.45 Uhr in Baiersdorf abgefahren, haben dann unser Lager im Gymnasium Stolberg aufgeschlagen und sind seit Samstagfrüh um 7 im Dauereinsatz", erzählt die 25-Jährige, die seit 2014 beim THW hilft. Als studierte Mechatronikerin und Projektingenieurin ist sie Teil des Teams für Elektroversorgung.

"Wir bauen Verteiler, damit die Menschen zumindest draußen Zugang zu Strom haben, eine Kabeltrommel oder ähnliches anschließen können. Unser großes Ziel ist es, möglichst viele Häuser wieder ans Netz zu kriegen", sagt sie. Gleichzeitig laufe die Gruppe von Haus zu Haus, um zu prüfen, dass die Sicherungen überall ausgeschaltet seien. "Das kann sonst sehr gefährlich werden." In Stolberg selbst, aber auch in eingemeindeten Ortsteilen wie dem 2.000-Seelen-Dorf Vicht seien die Zerstörungen so groß, dass es "nicht mehr viel zu retten" gebe.

So einen Einsatz habe sie noch nie erlebt, erzählt Dickau, die noch Anfang vergangener Woche in Adelsdorf (Landkreis Erlangen-Höchstadt) bei der Überflutung Hilfe leistete. "Es hat viele Hausverteiler einfach rausgerissen, überall schauen nur ein paar Kabel aus der Straße", sagt die 25-Jährige. Als sie in Stolberg ankam, habe sich ihr ein Bild der Zerstörung geboten. "Überall lag meterhoher Schutt vor den Häusern. Viele Straßen sind aufgerissen, teilweise liegen sogar Laster im Wald."

25-jährige Fränkin: Alte Dia-Fotos mit Erinnerungswert lagen einfach vor dem Haus

Die Menschen vor Ort bräuchten nach der Katastrophe nicht nur praktische Hilfe, "viele wollen einfach, dass man zuhört". Die Leute würden seit Tagen ohne Strom in den oberen Etagen der Häuser ausharren. "Es ist unbeschreiblich. Die Hilfsbereitschaft ist gleichzeitig unglaublich, von überall her kommen Leute von außerhalb, die helfen wollen", erzählt Dickau.

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Auf ihrem Weg durch die von Trümmern übersäten Straßen, hätte sie auch ein älteres Ehepaar getroffen, das die Flut besonders schlimm getroffen habe. "Sie haben zusammen mit ihren Kindern noch den gesamten ersten Stock auf die Straße geräumt. Da lagen dann auch alte Dia-Fotos mit Erinnerungswert einfach vor dem Haus", sagt Dickau.

"Sie haben erzählt, sie hatten auch eine kleine Privatbrauerei im Keller, von der nichts mehr übrig ist." Die Frau, so erzählt die Helferin, "saß irgendwann auf der Straße auf einem Stuhl und hat nur noch geweint. Dann kam eine andere Frau, hat sich dazugesetzt und dann haben sie zusammen geweint."

Helferin aus Franken mit Prognose zur Stromversorgung: "Gewaltige Aufgabe"

Aber auch für die Helfenden selbst gibt es kaum Verschnaufpausen. "Wir stehen frühs um 7 auf, arbeiten den ganzen Tag, sind zwischen 9 und 10 zurück, schlafen und dann geht es wieder von vorne los", berichtet Dickau. Manche THW-Einheiten seien auch über Nacht im Einsatz und würden dann tagsüber im zum Lager umfunktionierten Gymnasium schlafen. 

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Der THW-Ortsverband Baiersdorf plane noch bis Freitag in Stolberg zu bleiben. Denn auch wenn "der Schutt in den Straßen schnell weggeht", bleibe die Stromversorgung eine "gewaltige Aufgabe", so Sabrina Dickau. Sie geht sogar davon aus, dass der Großteil der Anwohnerschaft noch mindestens eine komplette Woche ohne Strom auskommen müsse. 

"Wir müssen aber irgendwann auch wieder zur Arbeit", sagt Sabrina Dickau. Deshalb gebe es den festen Plan, zum Wochenende nach Franken zurückzukehren. Bis dahin will das Team vom THW in Baiersdorf weiter 15-Stunden-Schichten schieben. "Wir wollen nicht nur fünf bis sechs Häuser ans Netz kriegen, sondern ganze Straßenzüge. Das ist unser Ziel", sagt Dickau mit kräftiger Stimme. 

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