Kann das wirklich sein? Das größte Biohandelshaus Deutschlands liegt in Oberfranken - und die wenigsten Franken wissen davon?
Lukas Nossol lächelt. Er lächelt, als hätte er diese Frage schon erwartet. "Über uns selbst zu sprechen, fällt uns eher schwer", sagt er. Sogar in Hof wisse mancher nicht, "dass es uns hier gibt".


Anfänge als kleiner Händler

Mit uns meint der 31-Jährige die Dennree-Gruppe. Sein Vater Thomas Greim hat das Unternehmen 1974 gegründet. Als junger Mann fuhr der Oberfranke anfangs zu Milchbauernhöfen im Chiemgau und lieferte anschließend als Demeter-Händler Trinkmilch, Joghurt, Dickmilch und Kefir zu Reformhäusern und Vorläufern von Naturkostläden in München. Eigentlich hatte Greim, der heuer 65 Jahre alt wird und in Helmbrechts wohnt, Landwirt werden wollen.
Stattdessen vermarktete er nun Bioprodukte - eine Nische.
Wer heute in die zehn Kilometer nördlich von Hof gelegene Ortschaft Töpen kommt, sieht, wie sich die Geschäfte des Oberfranken in den vergangenen 40 Jahren entwickelt haben. Ein auffälliges Areal von Logistikhallen und Bürogebäuden ist schon von Weitem zu sehen. 500 Einwohner hat das Dorf, rund 1000 Menschen arbeiten hier für Dennree in Verwaltung und Zentrallager.


252 eigene Läden

Insgesamt beschäftigt die Firma inzwischen 5100 Mitarbeiter. Den Umsatz von zuletzt 920 Millionen Euro macht Dennree mit dem Verkauf von rund 13 000 Bio- und Naturprodukten sowie Kosmetik- und Drogerieartikeln an selbstständige Biohändler. Neben dem Großhandel betreibt die Gruppe aber auch eigene Supermärkte unter dem Namen Denn's - aktuell 252 Läden, davon 27 in Österreich.


Raus aus der Nische

Das Geschäft mit Biolebensmitteln verzeichnet in Deutschland einen Wachstumsschub. Innerhalb von zehn Jahren hat sich der Umsatz der Branche mehr als verdoppelt - von 2,9 Milliarden Euro im Jahr 2005 auf 8,6 Milliarden Euro 2015. Schätzungen zufolge dürften die Deutschen im vergangenen Jahr mehr als neun Milliarden Euro ausgegeben haben.
Das Käuferpotenzial haben inzwischen auch die konventionellen Supermärkte und Discounter erkannt. Die großen Händler wie Edeka, Rewe, Aldi oder Lidl haben längst Bioprodukte in ihren Regalen stehen. Und sie wildern nicht nur im Naturkostrevier, sie blasen zum Angriff auf die ernährungsbewusste und kaufkräftige Kundschaft. "Bio für alle" ist ihre Devise. Mittlerweile fließt schon mehr als die Hälfte des gesamten deutschen Bioumsatzes in ihre Kassen. Tendenz steigend.


"Arbeitsaufwand zu hoch"

Die Entwicklung trifft die kleinen Händler, die Pioniere der Biobewegung, die angetreten waren, um jenseits von Massenproduktion Lebensmittel ohne Chemie anzubieten.
Der Bamberger Hans Endres ist einer von ihnen. 27 Jahre lang betrieb er Naturkosthandel, war Kunde des Großhändlers Dennree. Im April vergangenen Jahres schloss der 60-Jährige seinen Biomarkt in Bamberg - aus verschiedenen Gründen. Einer davon: Der steigende Wettbewerb schlug sich auf die Einnahmen nieder. "Mein Arbeitsaufwand hat sich nicht mehr gelohnt", sagt Endres rückblickend.


Eigene Märkte seit 2003

Der erste Denn's-Biomarkt wurde 2003 eröffnet. "Nur als Großhändler können wir das Thema naturnahe Bewirtschaftung nicht weitertreiben. Deshalb sind wir Einzelhändler geworden", sagt Dennree-Marketingleiter Lukas Nossol.
Neben den eigenen 252 Märkten beliefert das Unternehmen mehr als 1100 Facheinzelhändler. Die meisten in Deutschland und Österreich, ein paar auch in Luxemburg und Südtirol. Wenn es irgendwo in einer deutschen Stadt ein lukratives Angebot für einen neuen Standort mit Potenzial gebe, "dann setzen wir uns mit dem Großhandelskunden hin und fragen ihn, ob er nicht einen weiteren Laden schaffen oder umziehen möchte", erklärt Nossol. "Der Kunde ist die erste Wahl. Wenn er es nicht machen möchte, dann schaffen wir einen Denn's-Biomarkt."


Heuer 30 bis 40 neue Läden

Allein 2016 kamen in Deutschland und Österreich 43 neue Denn's-Läden hinzu. "30 bis 40 neue Läden werden es heuer wieder werden", kündigt Nossol an. Auch die Nummer 2 in Deutschland, die Biokette Alnatura mit ihren Super-Natur-Märkten, zieht mit Neueröffnungen nach. Die Biosupermärkte erhöhen so den Druck auf die kleinen Einzelläden noch mehr. Gleichzeitig spüren sie Aldi, Lidl, Edeka und Rewe im Nacken. Ein Preiskampf, in dem auch die Drogeriekette dm kräftig mitmischt - inzwischen mit hauseigenem Biosortiment. Wer unter 100 Quadratmeter Fläche vorhält, hat da schlechte Karten.


Riesige Lagerfläche

Auf fast 70 000 Quadratmeter Lagerfläche bringt es Dennree in seinem Zentrallager Töpen. Der Rest der 91 000 Quadratmeter Gesamtfläche ist auf neun weitere Standorte verteilt, in allen Regionen Deutschlands.
Es gebe bei den Biohändlern derzeit einen Generationenwechsel, sagt Nossol. Die Überzeugungstäter von früher hätten oft keine Nachfolger. Schließe ein Laden, falle meist auch ein Dennree-Kunde weg. "Das ist ein Grund, warum wir Gas geben mit neuen Märkten."


"Massentauglichkeit notwendig"

Dass Naturkostprodukte jetzt überall zu finden sind, begrüßt der 31-Jährige. Bio müsse massentauglich sein, wenn es eine Weltbewegung sein soll. "Man merkt, dass wir aus der Nische rauskommen, die sich früher nur mit sich selbst beschäftigt hat."


Biofach in Nürnberg startet am Mittwoch


Messe Alljährlich im Februar blickt die Branche nach Nürnberg. Auf dem Messegelände dreht sich dann alles rund um das Thema Bio.

Fachtreffen Heuer trifft sich die Fachwelt vom 15. bis 18. Februar. Es ist die größte Messe für ökologische Konsumgüter weltweit. Verbraucher sind nicht zugelassen.

Aussteller Mehr als 2500 Aussteller präsentieren in Nürnberg ihre Produkte. Ein Teil davon auf der gleichzeitig stattfindenden Messe "Vivaness", der internationalen Fachmesse für Naturkosmetik.

Branchenranking Die Bioketten haben in den vergangenen Jahren ihr Filialnetz stark ausgebaut, allen voran Denn's. Nach Filialen in Deutschland gelistet, lagen die Töpener Ende 2016 nach einer Erhebung des EHI Retail Institute mit großem Abstand auf Platz 1 (215 Filialen), vor Super Natur Markt/Alnatura (107), BioCompany (51), Basic (32), SuperBioMarkt (26) und Ebl (25).