Das ist doch nur Papier. - Sie werden sich wundern. Mehr noch, Angela Glajcars Objekte und Installationen können Schauder der Verblüffung erzeugen. Ihre zigfach gestaffelten Papierbögen, in die lichte, gewundene Höhlengänge führen, setzen neue Räume in den Raum. Sie erschüttern dabei auf sanfte Weise unsere Orientierung, unsere körperliche Sicherheit und Verankerung im Raum. Vor allem, wenn sie in diesem riesigen Format und Arrangement hängen, in der Größe von fünf auf zehn Meter im Kirchenschiff von St. Augustin, in diesem Fall aus zarten Glasgewebe-Bahnen gefertigt und erstmals in Europa zu sehen, oder aus dem Lichtdach im Eingangsbereich des Kunstvereins und ganz hinten in der Rotunde. Die Gebilde führen sofort in andere Gedanken- und Empfindungswelten. Man möchte hineinkriechen in diese leichte, cremeweiße, durch feine Schattenwirkungen lebendige Wolkenhaftigkeit, die gleichzeitig exakt bemessen und konstruiert ist.

Die 1970 in Köln geborene Künstlerin, die international Aufsehen erregt, kommt durch Hans-Karl Kaufner nach Coburg. Der betreut die im Rahmen der Katholischen Erwachsenenbildung gepflegte Reihe "Kunst in der Kirche", in der immer wieder namhafte Künstler zu erleben waren. Jetzt hat er die monumentale Installation "Curalium" geholt.

Kauffner regte sinnvoller Weise eine Kooperation mit dem Coburger Kunstverein an. Dort sind jetzt auch kleinere bis mittelgroße Skulpturen Glajcars zu erleben.

Man muss tatsächlich von erleben sprechen, denn mit dieser Ausstellung treten wir unter den Lichtsegeln im gedämpft hellen Ausstellungssaal des Kunstvereines heraus aus unserer farbenvollen, übervollen Welt in eine Art lichtes - nennen wir es Mysterium. Nicht von ungefähr gegen ja Glajcars Skulpturen gerade mit Kirchenräumen diese eigenartig von herkömmlichen Raumerfahrungen losgelöste, intensive Verbindung ein. "Curalium" hing zuvor in der St. Joseph Memorial Chapel in Worcester/USA.


Verführerische Anblicke

Meterhoch und metertief führen sie - wohin? Im Weltall spricht man von Wurmlöchern, die in für uns unerklärliche Weise in andere Dimensionen führen, in Parallelwelten vielleicht. (Nein, das ist nicht Science Fiction. Das ist allgemeine Relativitätstheorie.)

Doch auch die kleineren Objekte haben ihre geheimnisvolle Tiefe. Die Papierbögen, in die variierende Öffnungen gerissen sind, wurden zigfach gestaffelt und führen so aus der Zwei- in die Dreidimensionalität. Außen in exakt geführten Körperformen. Innen in weichwellige, fließende Höhlengänge. In stärker gewundenen, kleineren Skulpturen fügen sich die weich gerissenen Öffnungen im Hinter- und Nebeneinander zu verführerischen Anblicken, als ob man in diese atemberaubenden Rosenblüten blickt, wie sie uns gerade heuer so herrlich üppig beschert sind.

Labyrinthhaft stehen Glajcars Skulpturen auch meterhoch am Boden. Den Papierwellen nachempfundene Objekte aus Acryl ragen aus der Wand.

Angela Glajcar bezeichnet ihre Raumexperimente als "Terforationen", als die Erde, Terra, durchdringende Erforschungen. "Terra incognita", also unerforschte Erde, Neuland, ist die Gemeinschaftsausstellung insgesamt überschrieben. Sie gehört zur umfangreichen Veranstaltungsreihe von "Stadtkultur", dem bayernweiten Netzwerk von bisher 49 Städten unter Vorsitz des Coburger Oberbürgermeisters Norbert Tessmer, die heuer dem Themenfeld "Gewebe. Textile Projekte" gewidmet ist.

Kunstverein Coburg Angela Glajcar -Terra incognita. Papierobjekte und Installationen. Eröffnung am heutigen Samstag um 16 Uhr. Einführung durch Joachim Driller, Hochschule Coburg. Musikalische Umrahmung durch die Internationale Draeseke Gesellschaft Coburg, Uta Löffler-Raqué, Gesang, und Wolfgang Müller-Steinbach, Klavier. - Bis 21. August, Dienstag bis Sonntag, 14 bis 17, Sonntag auch 10 bis 12.30 Uhr. Im Wienand-Verlag ist ein umfangreiches Katalog-Buch zu Angela Glajcar erschienen (Hg. Sasa Hanten, 272 Seiten, 44 Euro.

St. Augustin Angela Glajcar - Curalium. Installation. Bis 21. August.

Angela Glajcar geboren 1970 in Mainz, studierte Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg bei Tim Scott, seit 1996 als Meisterschülerin. Sie lebt in Nieder-Olm. 1998 bis 2004 Lehraufträge an verschiedenen Akademien und Hochschulen, 2008 Gastprofessur an der Universität Gießen. Ausgezeichnet ist sie mit zahlreichen Preisen. Zahlreiche Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen in Deutschland sowie international.