Berlin ist stets eine Reise wert, auch virtuell musikalisch, wenn sie so munter daher kommt, wie bei der Matinee der Coburger Sommeroperette in diesem Jahr. Bei endlich angenehmstem Sommerwetter präsentierten Spielleiter Claus J. Frankl, Solisten der Sommeroperette und die Band Barfly gestern ihr Programm "Der Insulaner verliert die Ruhe nicht", das zugleich eine eindrückliche Zeitreise wurde.
Im Mittelpunkt standen Texte, Lieder und Sketche von Günter Neumann (1913 - 1972), der mit seinen klaren, aber stets in witzig-elegante Worte gehüllten Ansagen einer der wichtigsten Nachkriegskabarettisten war. Vor allem auch mit seinem vom RIAS Berlin ausgestrahlten Radio-Kabarett wurde er zu einer Instanz, welche die - dramatische - Absurdität der Ereignisse der Nachkriegszeit um Berlin hartnäckig herausstellte. Und so manchen womöglich vor dem Verrücktwerden schützte.
Treffen in der diesjährigen Produktion der Coburger Sommeroperette, Leo Falls "Der fidele Bauer", österreichischer Schmäh und Berliner Schnoddrigkeit aufeinander, so gab es in dieser Matinee kein Halten mehr für die Berliner Schnauze. Claus J. Frankl, zwar in Bayreuth geboren, schon längst aber fest verwurzelt an der Spree, führte zunächst in die Berliner Verrücktheiten der 20er und 30er Jahre. Da waren es noch die gesellschaftlichen Tabus, welche die Musik-Kabarettisten reizten, Friedrich Hollaender, Mischa Spolianksy oder Willi Kollo etwa.


Nach Originalnoten

Die aus Rödental stammende Laura Mann tritt auf - triefend vor Sarkasmus - als Nackedei von Beruf, das vor allem viel niesen muss. Jan Reimitz steppte so richtig los. Michael Zallinger gab sich gar als Weihnachtsmann. Die aus Franken stammenden, seit zehn Jahren agierenden Musiker von Barfly waren bei dieser Matinee so gelassene wie präsente Begleiter der Sänger und setzten instrumental auch eigene jazzige Akzente.
Dann die Nachkriegszeit und Günter Neumanns "Club der Insulaner". Als sowjetische Panzer 1953 den Volksaufstand in Ostberlin niederwalzen, da kommt es aber selbst den "Insulaner" hart an, ruhig zu bleiben. Original-Einspielungen bringen Authentizität auf die Waldbühne. Thea Schütte gibt nicht nur mit dem "Insulaner-Lied" tiefe Einblicke. Frappierend bei dieser witzigen Geschichtsstunde, wie treffend Neumanns Texte bis heute sind. Da es kein Liederbuch auf dem Markt gibt, musste Frankl die - handschriftlichen - Originalnoten bei der Günter Neumann-Stiftung in Berlin auftreiben. Auch unter diesem Aspekt bot die Matinee 2016 also etwas Besonderes.

Eine weitere Matinee

Ein zusätzliches Geschenk will die Coburger Sommeroperette am kommenden Sonntag bereiten: mit einer weiteren Matinee, wie Spielleiter Claus J. Frankl gestern auf der Waldbühne verkündete. Er wird - bei freiem Eintritt, Spenden aber erwünscht - ein Heinz Erhardt-Programm bieten. "Wenn Sie sich mich als Heinz Erhardt vorstellen können, dann kommen Sie vorbei und bringen sie alle ihre Freunde mit", rief er ins begeisterte Publikum.
Und eine wichtige Info für alle Freunde der Sommeroperette: Nächstes Jahr kommt "Die Fledermaus" von Johann Strauss auf die Waldbühne, im Gedenken an den Hochzeitstag, den Johann Strauss Sohn und seine Adele vor 130 Jahren in Coburg erlebten.