Zwei Jahre sind ihre Eltern jetzt schon getrennt. Lina ist mittlerweile elf Jahre alt. Sie lebt beim Vater, ihre Mutter ist nach Österreich gezogen. Lina vermisst ihre Mama, versteht nicht, weshalb sie sie alleingelassen hat. Immer wieder verspricht die Mutter, das Kind zu besuchen, doch nie wird etwas daraus. Das Mädchen ist oft so traurig, dass ihr Vater sich entschließt, Lina in der Trennungskindergruppe des Kinderschutzbundes und des Instituts für Psychosoziale Gesundheit anzumelden.

Große Scham

"Lina war sehr still, an allem interessiert - nur nicht am Thema Trennung", erinnert sich Stephanus Gabbert, klinischer Fachsozialarbeiter und Geschäftsführer vom IPSG. Es finden viele Einzelgespräche mit ihr statt. Ihre Scham, zuzugeben, dass ihre Mutter kein Interesse an ihr hat, kann sie nicht überwinden. Aber sie kommt immer wieder, fühlt sich zusehends wohl in der Gruppe. Dann geschieht etwas Schreckliches: Linas Mutter ruft ihre Tochter an und teilt ihr mit, dass sie nichts mehr mit ihr zu tun haben will.

Bei der nächsten Gruppenstunde weint das Mädchen schon an der Eingangstür des ISPG und berichtet sofort, was passiert ist. Stephanus Gabbert tröstet sie und ermuntert sie, den anderen Kindern davon zu erzählen.

"In dieser Stunde geschah etwas ganz Wunderbares. Lina spürte den Schutz der Gruppe, in die sie fest eingebunden war", sagt der Therapeut. Die liebevolle Rückmeldung der anderen Kinder half ihr, Position zu beziehen. Ihr wurde klar, nicht sie ist schuld an der Situation, sondern die Mutter verhält sich falsch.

Selbstschutz

Lina kommt zu dem Schluss: "Ich will keinen Kontakt mehr haben. Ich möchte nicht mehr, dass sie mir sagt, dass sie kommt!" Für Stephanus Gabbert genau die richtige Reaktion. "Das Kind musste sich selbst schützen und loslassen. Das war sehr gut." Natürlich habe das auch Schmerzen, Trauer und immer wieder Sehnsucht bei Lina ausgelöst.

"Wir standen in engem Kontakt auch mit dem Vater und haben versucht, mit der Mutter zu sprechen", sagt der Pädagoge, der für die Kinder während der acht Wochen, in denen ein Trennungskinderkurs läuft, Ansprechpartner ist.

Der Fall von Lina hatte in der letzten Gruppenstunde sogar so etwas wie ein kleines Happy End. Nachdem das Mädchen "losgelassen" hatte, meldete sich die Mutter und suchte wieder Kontakt.

Rund 100 Kinder haben in den vergangenen Jahren einen solchen Trennungskinderkurs des Kinderschutzbundes und des ISPG besucht.

"Die Acht- bis Zwölfjährigen, die von der Trennung der Eltern betroffen sind, leiden oftmals an einem Loyalitätskonflikt, sie übernehmen Verantwortung für einen Elternteil, haben große Verlustängste und finden für all das keine Worte", beschreibt Gabbert die Situation der Kinder. Spielerisch versuchen Stephanus Gabbert und seine Kollegin Katharina Mackert die Betroffenen an das Thema heranzuführen. "Manche Kinder sagen ganz wenig. Aber wir bauen keinen Druck auf", sagt der Therapeut. Manchmal ist es dann eine Situation während der Essenspause, in der der Knoten platzt und Erlebnisse und Gefühle geteilt werden. Die Gruppe wirke Wunder, da die Kinder erfahren, dass sie nicht allein sind, sondern andere ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Ein sicherer Ort

"Wir versuchen den Kindern durch Fantasiereisen einen Ort zu geben, an dem sie sich sicher fühlen", verrät Gabbert. Das sei wichtig, damit sie sich zurückziehen können und sich dabei wohlfühlen.

"Die Eltern, die ihre Kinder anmelden, manchmal auch nur ein Elternteil, wollen eigentlich immer, dass es ihrem Kind gut geht", sagt Gabbert. Auch sie suchen das Gespräch vor oder nach den Gruppenstunden.

Für die erste Kontaktaufnahme ist Bettina Dörfling vom Kinderschutzbund Coburg Stadt und Land Ansprechpartnerin. "Wir führen die Erstgespräche, kümmern uns um die Kontaktdaten, die Schweigepflichtsentbindung und sind beim Elternabend und beim Abschlussgespräch dabei", sagt die Vorsitzende des Vereins.

Finanziert wird das kostenlose und niederschwellige Angebot zu je einem Drittel von Stadt und Land Coburg sowie dem Kinderschutzbund.

Kurs startet im Oktober

Termin Der nächste Kurs für die Trennungskindergruppe startet am 15. Oktober, 17.30 bis 18.30 Uhr, mit einem Elterngespräch. Die Gruppe beginnt am 22. Oktober (16.30 bis 18 Uhr). Insgesamt findet der Kurs achtmal wöchentlich jeweils donnerstags in den Räumen des ISPG, Mönchwiesenweg 12a in Weidach, statt.

Er richtet sich an Kinder zwischen acht und zwölf Jahren, die in den letzten drei Jahren mit Trennung zu tun hatten.

Anmeldeschluss ist Donnerstag, 1. Oktober.

Kontakt Bettina Dörfling, Kinderschutzbund, Telefon 09561/792851, oder unter info@kinderschutzbund-coburg.de;

Stephanus Gabbert, ISPG, klinischer Fachsozialarbeiter, Telefon 09561/319657.