Fast täglich landet die Storchendame auf dem Schornstein der ehemaligen Firma Wagner in Untersiemau. Von hier aus kann sie den Itzgrund weit überblicken. Doch am Donnerstagmorgen passiert ihr ein Missgeschick. Sie rutscht ab und fällt in die Schlotmündung. Kurz kann sie sich noch mit den ausgebreiteten Schwingen halten. Dann versagen ihre Kräfte. Sie rutscht in die Tiefe, kann sich nicht mehr befreien.

Das Tier hat großes Glück, denn sein Unglück bleibt nicht unbemerkt. "Ich beobachte immer gern die Störche, wenn sie da oben sitzen", sagt Sonja Walsch. Diesmal sah sie im richtigen Augenblick hin, erkannte die Not. Sie sucht Hilfe. Noch am selben Abend ist der Tierarzt Joachim Lessing vor Ort, kann aber keinen Zugang zu dem Schlot erkennen. Er fragt bei der Gemeinde nach. Dort sieht man aber keine Möglichkeit, zu helfen.

Am Freitag wendet sich Lessing an die Tageblatt-Redaktion. Von dort wird der Kontakt zu Kreisbrandinspektor Reiner Hartung hergestellt, der wenig später zusammen mit Lessing in Untersiemau eintrifft, um sich ein Bild der Lage zu machen. Mit Genehmigung des Eigentümers suchen sie nach einem Weg, um zumindest zu klären, ob das Tier noch lebt. Mehrere Versuche scheitern. Schon ist der Feuerwehrmann dabei, die Kollegen mit Schneidegerät anzufordern.


Da sind ja zwei drin!

Dann entdeckt Hartung eine Klappe, die ein Reinigungsschacht zum Sockel des Schlotes sein könnte. Ein Tritt mit dem schweren Feuerwehrstiefel und der Zugang ist frei. Joachim Lessing öffnet die Luke und traut seinen Augen nicht: "Da sind ja zwei drin", staunt er. Und noch etwas fällt ihm beim ersten Blick schon auf. Es ist der Ring am Bein des einen Tieres. "OX 435" liest er da. Damit ist klar, dieser Storch ist das männliche Tier genau des Paares, das auf Lessings eigenem Dach in Scherneck brütet. Der Tierarzt hat zunächst keine Zeit darüber nachzudenken. Erst gilt es, die Tiere aus ihrem Verlies zu befreien. Als er den ersten Vogel zu fassen bekommt und an Tageslicht holt, stellt er schon fest, dass es ein Weibchen aus Schweden ist. Welches Tier das ist, wird er erst später erkennen. Dann kommt der männliche Storch heraus und muss ebenfalls erst einmal in den Karton.

Minuten später ist die Fracht nach Scherneck transportiert. Vorsichtig nimmt Joachim Lessing den ersten Storch aus der Box. Es ist das Weibchen. Etwas benommen stakst sie in die Wiese davon. Dann kommt das zweite Tier heraus. Es ist stark abgemagert, macht sich aber auch gleich in die Wiese davon. Anders als der erste Vogel hat dieser nur ein Interesse: Fressen. Er pickt eifrig auf, was ihm vor den Schnabel kommt.


Seit drei Wochen vermisst

Während sich die Tiere langsam ihrer Freiheit bewusst werden, forscht Lessing in seinem Smartphone - und staunt nicht schlecht. "Mache mir große Sorgen, das Männchen kam gestern nicht nach Hause", schrieb er an den Storchenbeauftragten des Landesbundes für Vogelschutz, Hans Schönecker. Das war am 16. März. Beide waren wenige Tage später, als ein toter Storch an der B4 gemeldet wurde, davon ausgegangen, das Männchen von Lessings Horst sei tot.

Noch mehr staunt der Tierarzt, als wenig später Schönecker eintrifft und nach kurzer Prüfung der Ringnummern mitteilt. "Das Weibchen im Schlot, war das aus deinem Nest." Lessing war davon ausgegangen, das der Storch, der seit dem Verschwinden des Männchens in dem Nest brütet, das Weibchen ist. Als am Donnerstag ein Tier nicht wieder kam, dachte er an das Männchen, den neuen Partner der Störchin, den sie kurz nach dem Verschwinden ihres alten Partners als neuen Gefährten angenommen hatte. Nun wurde aber klar, dass die Storchendame zu ihrem Ex-Partner in den Schlot gestürzt war.


Pech für den Ex-Partner

Hatte das Weibchen ihren Ex in der Tiefe klappern gehört und war deshalb hinunter gestürzt? Die Frage können Lessing und Schönecker nicht beantworten. Wie die Beziehungsgeschichte weiter geht, war aber am Freitagabend klar: "Das Weibchen ist wieder hoch zum Horst. Der alte Partner auch, er wurde aber vom neuen Partner vertrieben", berichtet Joachim Lessing.
Unfälle dieser Art scheinen dabei nicht selten zu sein. Lessing berichtet von Schloten, bei deren Abbruch unzählige tote Störche gefunden wurden.