Eine Diät? Die muss aber nachhaltig sein. Eine Geldanlage auch und die Politik im Kleinen wie im Großen sowieso. Wer die Frage stellt, was denn nun im Grunde unter dieser vielfach bemühten Nachhaltigkeit zu verstehen ist, kommt an der Forstwirtschaft nicht vorbei - gilt sie doch als "Erfinderin" der Nachhaltigkeit.

Albert Schrenker muss es wissen. Er ist Leiter des Forstbetriebs Coburg der Bayerischen Staatsforsten (BaySF). Er könnte es sich einfach machen. Schließlich hat er noch diese Broschüre im Schreibtisch. Es ist das Magazin der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft Nummer 92 aus dem Jahr 2013. Es war "das Jahr der Nachhaltigkeit". Warum? Weil es genau 300 Jahre her war, dass Hans Carl von Carlowitz sein Werk "Sylvicultura Oeconomica" auf der Leipziger Ostermesse, einem Vorläufer der Buchmesse, präsentierte. Dem einflussreichen Oberberghauptmann wurde angesichts eines seit vielen Jahren geübten Raubbaues an den Wäldern seiner Zeit bange. Bei allem Bedarf an den Rohstoffen, die der Wald liefern musste, war Carlowitz klar, dass die Zeit begrenzt ist, in der von einer Ressource mehr entnommen werden kann, als nachwächst. Als er 1713 verlangte, "dass es eine continuierliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe", prägte er den heute so omnipräsenten Begriff.

So einfach hätte es sich Albert Schrenker machen können, oder einfach sagen, Nachhaltigkeit bedeute, dass stets etwas weniger Holz geschlagen wird, als wieder nachwächst. Das ist tatsächlich so. "Wir entnehmen ein bis zwei Festmeter je Hektar weniger als an Zuwachs da ist", sagt er. Das klingt nach wenig. Doch bei rund 850 000 Hektar Waldfläche in der Obhut der BaySF geht es um gewaltige Holzmengen.

Sie ist komplizierter, die Sache mit der Nachhaltigkeit. Albert Schrenker spricht von finanzieller Nachhaltigkeit, von demografischer und von der Nachhaltigkeit der Ressourcen Boden und Wasser, ohne die der Wald nicht existieren kann. Alles das muss im Planen der Forstbetriebe bedacht werden, muss das Handeln mit bestimmen. Längst ist der Wald nicht mehr auf seine Funktion als Holzlieferant zu reduzieren. Im Grunde war er nie nur das. Trotzdem ist er das auch. Er muss es sein, weil Holz heute mehr denn je als nachwachsender Rohstoff für eine Vielfalt von Verwendungen gebraucht wird - auch als Energieträger.

Doch die Ansprüche an den Wald seitens der Gesellschaft sind gewachsen. Freizeitgestaltung und die Suche nach Erholung führen so viele Menschen unter den Schirm der Bäume wie kaum jemals zuvor - erst recht in diesen Zeiten der Pandemie. Der Wald soll das Klima retten und möglichst vielen Arten Lebensraum sein. Und all das muss finanziert werden - wofür er dann eben auch Holzlieferant bleiben muss.

Es hängt an den Menschen

Der Balanceakt zwischen gesellschaftlichen, ökologischen und immer auch wirtschaftlichen Interessen erfordert viel Dialog, Transparenz und qualifizierte Mitarbeiter, die diese Nachhaltigkeit in allen Ebenen entschlossen mit tragen. Womit Albert Schrenker zur demografischen Nachhaltigkeit kommt. "Wir müssen unsere Mitarbeiter bei der Stange halten und stehen bei der Suche nach neuen Kräften im immer härter werdenden Wettbewerb mit allen anderen Arbeitgebern", stellt er fest. Immer weniger junge Menschen stehen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Und es ist nicht immer leicht, sie für die Arbeit im Wald zu begeistern.

Demografische Prozesse spielen noch eine andere Rolle. Nicht jedes Waldstück wird von den BaySF bewirtschaftet. "Im Privatwaldbesitz ist oft nicht mehr die Bindung an den Wald vorhanden wie früher", sagt Albert Schrenker. Flächen werden vererbt. Die heutigen Eigentümer leben oft in Großstädten oder gar im Ausland und kümmern sich nicht um ihren Waldbesitz. Tatsächlich befinden sich 48 Prozent der Wälder in Deutschland in privater Hand. Noch immer wird ein großer Teil davon verantwortungsvoll bewirtschaftet. Oft gehört ein gewisser Waldanteil zu den landwirtschaftlichen Betrieben und die Eigentümer sind vor Ort und an einer zukunftsträchtigen Bewirtschaftung ihres Eigentums interessiert.

Sie sind den Grundsätzen gegenüber offen, die Albert Schrenker formuliert. Einer davon ist eben die maßvolle Ernte des Zuwachses. Daneben spielt der Erhalt der Bodenfruchtbarkeit - orientiert am spezifischen Ökosystem - eine Rolle. Schließlich geht es darum, dem komplexen System Wald bei der Stabilisierung zu helfen und die Selbstregeneration der Bestände zu fördern.

Privater Wald, Kommunaler Wald oder Staatsforsten, so einfach die Idee der Nachhaltigkeit erscheint, wenn sie auf den Kern reduziert wird, nicht mehr zu entnehmen als nachwächst sondern immer ein wenig weniger, so sicher bleibt der Satz des 1874 geborenen Forstwissenschaftlers Alfred Dengler aktuell: "Wie weit wir vom Wege der Natur abweichen dürfen, ohne den Wald oder uns selbst zu schädigen, das ist die große Frage, aber auch die große Kunst des Waldbaus."

Das spiegelt sich in Überlegungen wider, die sich nach einem Paradigmenwechsel in der Bewirtschaftung ergaben.Als Mitte des vergangenen Jahrhunderts eine Abkehr von Altersklassenwäldern erfolgte, die mit Kahlschlägen bewirtschaftet wurden, hin zu naturnahen Wäldern, verschwanden auch die Lebensräume für die typische Flora und Fauna dieser Kahlschlagsflächen. Müssen sie diesen Arten nun in irgend einer Weise künstlich zur Verfügung gestellt werden?

Wenn gerade nach Stilllegung immer größerer Waldgebiete gerufen wird, widersprechen wir damit nicht dem Ziel, den Wald als -Senke zu nutzen, die nun eben im Wirtschaftswald viel größer ist? Es bleibt eben eine große Kunst und es bleibt spannend, den Wald so zu nutzen wie es seit Jahrhunderten gefordert ist: nachhaltig.