Dieser Schock! "Big Brother's" Stimme hallt durch den privaten Raum, in dem sich Winston Smith noch sicher fühlte. Er ist endgültig im alles umfassenden Machtkreis des totalitären Systems gefangen. Das wird sich erst dann nicht mehr mit ihm "befassen", wenn er Big Brother wirklich liebt, wenn er dem System im Innersten ergeben ist. Unterwerfung genügt nicht. Es geht um die totale Beherrschung des Menschen, seiner Gedanken, seiner Gefühle.
George Orwells 1948 verfasste, als Zahlendreher vermeintlich weit in die Zukunft auf 1984 datierte Schreckensvision von der totalen Beherrschbarkeit des Individuums hat bis heute nichts von seiner schockhaften Intensität verloren. Im Gegenteil, angesichts des mittlerweile technisch Möglichen muss uns Angst werden. Vor allem, da die totalitären Tendenzen in vielen Ländern der Welt offensichtlich an Kraft gewinnen. In den USA ist George Orwells Science Fiction derzeit der absolute Verkaufsschlager, seit die Machenschaften des Geheimdienstes NSA bekannt wurden. Immerhin kann man bei Orwells "Neusprech" detailliert nachlesen, was der Gebrauch von "alternativen Fakten" mit unserer Fähigkeit, Wahrheit und Wirklichkeit zu erkennen, macht. Vor allem, wenn die höchste Macht im Staate danach greift.
"Aus alltäglichen Bank- und Einkaufsdaten, vernetzt mit den täglich ohnehin allüberall gewonnenen Informationen lassen sich exakte Persönlichkeitsprofile nachzeichnen", ist Matthias Straub mit Schaudern bewusst, seit er sich mit der Materie befasst. "Und dass wir mittlerweile überall zu orten sind, auch wenn unsere Handys ausgeschaltet sind, ist klar."
George Orwell stellte die Entwicklung einer Gesellschaft unter totalitärer Gedankenkontrolle in aller Brutalität dar, für den Leser schmerzhaft spürbar in der individuellen Geschichte von Winston und Julia.
Eine weitere Erklärung braucht es wohl kaum dafür, dass Matthias Straub, Schauspielchef am Landestheater Coburg, Ge org Orwells Roman gerade jetzt für die Bühne gewinnen will. Neben Verfilmungen gibt es tatsächlich auch zwei Bühnenfassungen. Doch Straub fragte sich von Anfang an, ob die Macht von Orwells Bildern allein mit Worten auf der Bühne darstellbar sei.


Statt Schauspiel Tanz

Ist sie nicht, sagt Straub. Und so wurde aus dem Vorhaben, ein Schauspiel mit Ballett in der Reithalle zu kreieren, wie ihm das sehr eindringlich mit dem "Urfaust" und Kleists "Woyzeck" gelungen war, stattdessen ein etwa 70-minütiges Tanztheater, das sich nur noch weniger Textpassagen bedient.
Straub hat statt eines Schauspiels ein "Bühnenkonzept" erarbeitet, das von Takashi Yamamoto allein mit dem Tanzensemble des Landestheaters umgesetzt wird. Premiere ist am Samstag nächster Woche. Yamamoto hatte sich in letzter Zeit eben auch durch eindrückliche Choreografien in zunehmend prägnanterer eigener Körpersprache hervorgetan.


Konstruierte Vergangenheit

In der Vielschichtigkeit und der Vielzahl der Motive, mit denen Orwell den totalen Überwachungsstaat analysierte und auf seine tödliche Wirkung hin untersuchte, musste sich Straub auf zentrale Motive konzentrieren. So werden im eigentlichen Erzählstrang die Geschehnisse um Winston Smith und seiner späteren Geliebten Julia nachvollzogen. Smith ist im "Ministerium für Wahrheit" in London damit beschäftigt, unbequeme Fakten und Daten zu manipulieren oder zu löschen und so die historische Wahrheit für die Öffentlichkeit und Nachwelt im Sinne der herrschenden Partei zu definieren.
Es gibt genügend reales Anschauungsmaterial für derlei Versuche, von der Katholischen Kirche über die Nazis und die Sowjetdiktatur bis in unsere Gegenwart. "Wer die Macht über die Geschichte hat, hat auch Macht über Gegenwart und Zukunft", heißt es bei Orwell.
Winstons Leben ist bestimmt von Versorgungsproblemen, der ständigen Überwachung, von Angst und Einsamkeit. In Julia begegnet er scheinbar einer Vertreterin des Systems, die sich tatsächlich aber in die Rebellion begibt und Winston mit sich zieht. Ihr Gegenüber ist O'Brien, der sich als besonders intelligentes und fanatisches Mitglied der "Inneren Partei" entpuppt. Er unterzieht Winston der Folter und der finalen Gehirnwäsche.
In dieser Handlung sind es die Motive von Geschichtsklitterung und Orwells "Doppeldenk", die Definition und damit Hervorbringung von Wirklichkeit über die Beherrschung des individuellen Denkens, denen Straub in seinem Konzept von "1984" nachgeht.
Verblüfft war Straub über die Parallelitäten zwischen Orwells Roman und den Geschehnissen um Edward Snowden, den ehemaligen CIA-Mitarbeiter, der 2013 Einblicke in das Ausmaß der weltweiten Überwachungspraktiken von amerikanischen und englischen Geheimdiensten gab. Mit Videoeinspielungen, Passagen aus dem Snowdon-Dokumentarfilm und anderem stellt Straub bewusst Bezüge her. Federico Frigo, der Snowden ähnlich sieht, stellt Winston dar. Mireia Martinez Pineda ist Julia, Sylvain Guillot der fanatische O'Brien.
Dass der musikalische Raum für die albtraumhaften Zusammenhänge nicht aus Gesäusel bestehen kann, dürfte klar sein.

Die Produktion Landestheater Coburg: "1984", Ballett von Takashi Yamamoto und Matthias Straub nach dem Roman von George Orwell. Inszenierung und Choreografie Matthias Straub und Takashi Yamamoto.
Bühnenbild und Kostüme Udo Herbster. Darsteller: Mireia Martinez Pineda, Federico Frigo, Sylvain Guillot und das Tanzensemble des Landestheaters.

Premiere Samstag, 10. Juni, 20 Uhr in der Reithalle.

Die Vorlage
George Orwells Roman "1984", geschrieben von 1946 bis 1948, beschreibt einen totalitären Überwachungsstaat. Winston Smith, einfaches Mitglied der sozialistischen Staatspartei, will sich der allgegenwärtigen Überwachung zum Trotz seine Privatsphäre sichern und etwas über die reale, nicht redigierte Vergangenheit erfahren. Er gerät in Konflikt mit dem System, das ihn einer Gehirnwäsche unterzieht. Die Überwachung erfolgt mit Hilfe von Teleschirmen, die überall installiert sind und sowohl Empfangs-, als auch Sendestationen sind. Niemand weiß, ob man gerade beobachtet wird oder nicht. Zudem gibt es die Bespitzelung untereinander. Besonders Kinder werden dazu erzogen, ihre Eltern auszuspionieren. Winstons Arbeitsalltag hat Orwell nach eigenen Erfahrungen bei der BBC geschildert, die damals noch dem Ministerium für Information unterstellt war. wp