In der Hollywood-Komödie "Kevin allein zu Haus", die in diesem Jahr 30 Jahre alt wird, hat Kevin aus Chicago den Flieger nach Paris verschlafen. Kevin aus Witzmannsberg ist ein solches Missgeschick am Samstagvormittag natürlich nicht passiert. Doch trotz der planmäßigen Ankunft in der französischen Hauptstadt war Kevin zumindest für einen Tag "allein zu Haus".

Ein gemütliches Mittagessen im Speisesaal oder ein kurzer Plausch mit Kollegen in der Hotellobby nach der Ankunft? Gehört zumindest - Stand heute - der Vergangenheit an. Nach einem Rachenabstrich wurde Kevin Krawietz wie alle anderen Tennisprofis zu 24 Stunden Arrest im eigenen Zimmer verdonnert - wie bereits wenige Wochen zuvor in New York bei den US Open. "Ich habe gestern mal meine Playstation angeschlossen und ein bisschen gezockt. Und das Formel-1-Qualifying geschaut. RTL ist der einzige deutsche Sender, den man hier reinbekommt", erzählt der 28-Jährige am Telefon am Sonntag gegen 10 Uhr. Das Ende der Isolation ist zu dem Zeitpunkt in Sicht. Gegen Nachmittag kam dann das negative Testergebnis.

Von den Begebenheiten im Hotel und dem Hygienekonzept vor Ort konnte er zu dem Zeitpunkt nicht viel berichten. "Ich habe bisher nur die Rezeption und mein Zimmer gesehen. Was man aber so von anderen Spielern hört, soll die ,Bubble' in New York besser gelöst worden sein. Einfach auch, weil dort mehr Platz war."

Nur 1000 Zuschauer auf Anlage

Die French Open 2020 stehen unter keinem guten Stern. Die Corona-Situation in Frankreich hat sich in den vergangenen Tagen mit rund 15 000 täglichen Neuinfektionen verschärft. Bereits vor Beginn der Qualifikation wurden mehrere Spieler und Begleitpersonen positiv auf Covid-19 getestet. Die ursprünglichen Pläne der Veranstalter, 20 000 Zuschauer pro Tag auf die Anlage zu lassen, sind längst korrigiert worden. Mittlerweile liegt die Grenze bei 1000 Tennisfans.

Einen Fan hat auch Kevin Krawietz mit Vater Rudi mit im Gepäck - das Maximum an zugelassenen Begleitpersonen. Im vergangenen Jahr wuchs die Schar an Begleitern von Runde zu Runde, im Finale waren es rund zwei Dutzend Bekannte und Familienmitglieder, die Krawietz zum großen Triumph peitschten. "Aber ich bin überhaupt froh, dass ein paar Zuschauer dabei sein können, dann ist wenigstens ein bisschen was los. Tennis mit Fans ist einfach etwas ganz anderes, das hat man jetzt in Hamburg gesehen."

Bei den European Open in der Hansestadt scheiterten Krawietz und Doppelpartner Andreas Mies nach einer durchwachsenen Leistung in Runde 2. Zuvor waren die Deutschen beim Masters-Turnier in Rom, der diesjährigen Premiere auf Sand, bereits in der 1. Runde ausgeschieden. "Man muss ehrlich sagen, dass wir im Moment von unser Bestform ein Stück entfernt sind. Aber unsere Auftritte waren jetzt auch nicht unterirdisch", meint Krawietz. "Das erste Match in Hamburg war zum Beispiel richtig gut. Es fehlt an der Konstanz. Und in unserer guten Phase im vergangenen Jahr haben wir einfach besser returniert."

Corona-Sonderregel hilft Kramies

Dazu war zuletzt auch das Glück nicht auf der Seite von "Kramies". In Rom und drei Wochen zuvor beim Masters-Turnier in New York schieden die Deutschen nach verlorenem Match-Tiebreak (jeweils 8:10) aus - knapper geht es nicht.

Das Glück auf ihrer Seite haben der Franke und der Rheinländer aber in gewisser Weise beim Ranglisten-System, das die Spielervereinigung ATP aufgrund der Corona-Pause anpasste. Nachdem bislang die besten 18 Turnierresultate binnen 52 Wochen in die Berechnung der Weltrangliste eingeflossen sind, wurde der Zeitraum nun vorübergehend auf 18 Monate ausgedehnt (März 2019 bis Dezember 2020).

Für die French-Open-Sieger im Doppel bedeutet das: sie werden ihre 2019 gewonnen 2000 Weltranglistenpunkte, unabhängig vom diesjährigen Abschneiden, vorerst nicht verlieren und müssen diese erst 2021 in Paris verteidigen. 2000 Punkte, die für den Weltranglisten-16. (Krawietz) und 17. (Mies) eine vorübergehende Garantie sind, zumindest bis zur Mitte des nächsten Jahres zur erweiterten Weltspitze zu gehören. "Dass wir diesen Punktestress nicht haben, ist natürlich ein Vorteil und ein gewisses Ruhepolster. Trotzdem wollen wir natürlich die 2000 Punkte am liebsten verteidigen. Aber das kommt natürlich auch etwas auf die Auslosung an. Wir denken von Match zu Match", so Krawietz.

Dass sie als Titelverteidiger in diesem Jahr unter besonderer Beobachtung stehen, ist sich der 28-Jährige bewusst. "Druck machen wir uns aber trotzdem nicht. Wir freuen uns einfach nur, dass wir wieder hier in Paris sind - wenn auch unter anderem Umständen. Wir wollen die schönen Erinnerungen in positive Energie auf dem Platz umsetzen."

Unberechenbare Kontrahenten

Zum ersten Mal betreten Krawietz und Mies am Dienstag einen Court des Stade Roland Garros. Wenn sie auf ihre Erstrundengegner, Alexander Bublik und Michail Kukuschkin, blicken, werden sich die schönen Erinnerungen in Grenzen halten. Die Kasachen schalteten die deutsche Paarung bei den Australian Open im Januar dieses Jahres völlig überraschend in der 1. Runde aus. "Wir haben damals kein gutes Match gespielt. Es wird sicher nicht einfach, das sind zwei sehr gute Einzelspieler. Aber die Bedingungen hier sind anders, der Belag ist deutlich langsamer. Ich glaube, dass wir sie jetzt besser einschätzen können und sehen der Sache positiv entgegen", sagt Krawietz.

Eine gewisse Unberechenbarkeit wird den beiden Kasachen jedenfalls zugeschrieben.

Bublik sorgte zuletzt in Hamburg mit einem außergewöhnlichen Ass mit einem Aufschlag von unten für Schlagzeilen. Noch weitaus größer war das mediale Echo im Februar dieses Jahres ausgefallen, als der 23-Jährige der französischen Sportzeitung L'Équipe schonungslos seine Berufsauffassung darlegte: "Um ehrlich zu sein, sehe ich keine positive Sache daran, ein Tennisprofi zu sein. Ich spiele nur wegen des Geldes." Kevin Krawietz dürfte das wohl ganz anders sehen. Schattenseiten sieht er momentan trotz seiner Liebe zum Sport aber trotzdem. "Von ,Bubble' zu 'Bubble' zu reisen und überhaupt keine Möglichkeit zu haben, mal raus in die Stadt zu gehen, nervt schon. Alles, was ich derzeit sehe, sind Tennisspieler."

Gut für Krawietz', dass er in diesen Tagen auch seinen Vater Rudi zu Gesicht bekommt. Denn der ist ja bekanntermaßen in erster Linie Squashspieler.