Beim Kofferpacken macht einem Tennisspieler keiner etwas vor. Der gemeine Profi ist jährlich gut und gerne 300 Tage auf der Tennis-Tour unterwegs und somit in der Welt zu Hause. Das trifft seit zehn Jahren auch auf den gebürtigen Coburger Kevin Krawietz zu. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Fünf Monate hatte das Welttennis aufgrund der Corona-Pandemie stillgestanden. Krawietz, der im vergangenen Jahr mit Doppelpartner Andreas Mies die French Open gewann, verbrachte das Frühjahr und den bisherigen Sommer fast durchgehend in seiner Wahlheimat München. Am gestrigen Sonntag ging es für den 28-Jährigen nach knapp einem halben Jahr wieder auf Reisen: Richtung New York, wo in zwei Wochen die US Open starten sollen.

Als Krawietz am Freitagabend nach einer Physiobehandlung in unserer Redaktion zum Gesprächstermin anrief, hatte er schon einige Sachen für die USA-Reise gepackt. "Die Playstation liegt schon im Koffer", sagt er grinsend. Mit der Spielekonsole im Reisegepäck wird der Oberfranke in New York sicher nicht alleine dastehen. Denn die Beschäftigungsmöglichkeiten in der Acht-Millionen-Metropole werden sich für die Tennisprofis in den kommenden vier Wochen in Grenzen halten.

Eine Bubble im Corona-Hotspot

Mehr oder weniger abgeschottet von der Außenwelt werden die US-Open-Teilnehmer und ihre Begleiter in einem Hotel mit mehr als 600 Zimmern untergebracht. Verlassen dürfen die Profis die Unterkunft nur für das Training und die Matches auf der US-Open-Anlage in Flushing Meadows. Eine "Blase", die vergleichbar mit dem Konzept der Basketball-Profiliga NBA ist, die aktuell alle Mannschaften in Disney World in Orlando versammelt.

Während aber beim Basketball alle großen Namen mit von der Partie sind, hagelte es für die US Open in den vergangenen Tagen und Wochen Absagen von Topstars. So nehmen unter anderem die beiden Titelverteidiger, Rafael Nadal und Bianca Andreescu, nicht am Grand-Slam-Turnier teil.

Ein sportliches Großereignis in einer Stadt, in der aktuell immer noch knapp 1000 Corona-Fälle täglich gemeldet werden, führt natürlich zu öffentlichen Kontroversen. Zu- oder Absagen können schnell zu einem Politikum werden.

Auch Krawietz und sein Kölner Doppelpartner Mies machten sich die Entscheidung, ob sie nach New York fliegen, nicht leicht. "Wir waren lange Zeit hin- und hergerissen, haben viel miteinander gesprochen, auch mit unseren Coaches", sagt Krawietz. "Es ist schon ein komisches Gefühl, weil man nicht weiß, was einen genau vor Ort erwartet. Wir wissen auch, dass es ein gewisses Risiko ist, dort zu spielen, haben uns aber letztlich dafür entschieden, weil wir einfach heiß auf die Matches und den Wettkampf sind."

Apropos Risiko: Zuletzt geisterte eine umstrittene Verzichtserklärung durch die sozialen Medien, die alle Teilnehmer im Vorfeld des Turniers unterschreiben müssen. Die Veranstalter und der amerikanische Tennis-Verband USTA sichern sich damit gegen drohende Klagen ab, falls es trotz aller Sicherheitsvorkehrungen zu Corona-Infektionen kommen sollte. Im Dokument heißt es unter anderem: "Ich übernehme freiwillig die volle Verantwortung für alle Risiken (...), inklusive ernsthafter Erkrankung, Verletzung oder Tod, die ich erleide oder andere, die mit mir als Folge meiner Anwesenheit in den Einrichtungen in Kontakt kommen." Einige Zeilen weiter steht in Versalien: "Mir ist klar, dass dies eine Haftungsverzichtserklärung ist und ich stimme zu, dass diese für immer gültig ist."

Insbesondere über letzteren Zusatz machten einige Profis ihren Unmut im Netz Luft. "Optimal ist das Ganze nicht. Aber wir haben die Erklärung unterschrieben, sonst dürften wir ja nicht mitspielen", sagt Krawietz.

Krawietz ohne Begleitperson

Ans Tennisspielen ist zumindest am Tag der Ankunft in New York noch nicht zu denken. Alle Akteure werden direkt nach ihrer Anreise im Hotel auf das Virus getestet und dürfen ihr Zimmer 24 Stunden nicht verlassen. Ein weiterer Test folgt nach 48 Stunden, danach soll alle vier bis sieben Tage getestet werden. "Ich hoffe natürlich, dass das Hygienekonzept funktioniert und sich alle daran halten, damit in den nächsten Wochen nichts Schlimmeres passiert", so der Coburger.

Auf Begleitpersonen verzichten sowohl Krawietz als auch Mies in New York. Erlaubt wären im Hotel drei Betreuer pro Spieler und einer im unmittelbaren Wettkampfbereich auf der Tennisanlage. Verlobte und zugleich Managerin Judit Csonka, die Krawietz normalerweise bei größeren Turnieren begleitet, bleibt diesmal aus Sicherheitsgründen zu Hause in Deutschland. Eigentlich wollten sich beide in diesem Monat das Ja-Wort vor dem Standesamt geben, verschoben die Trauung aufgrund der Corona-Situation aber auf kommendes Jahr. So wird Krawietz in den USA den Großteil der Zeit mit seinem Tennis-Partner, der am Freitag seinen 30. Geburtstag feiert, verbringen - ob im Training auf dem Platz oder an der Playstation bei FIFA 20. Bevor beide am vergangenen Dienstag in München zusammengekommen waren, hatten die French-Open-Sieger aus dem Vorjahr über viele Monate nicht gemeinsam trainiert. "Dafür lief es in den ersten Einheiten überraschend gut, die Harmonie war schnell wieder da", sagt der Coburger.

"Wollen um Titel mitspielen"

Im vergangenen Jahr lief es in Flushing Meadows gut für "Kramies". Erst im Halbfinale scheiterten die Deutschen knapp an Horacio Zeballos (Argentinien) und Marcel Granollers (Spanien) mit 6:7, 6:7. "Unser Ziel ist es, um den Titel mitzuspielen. Aber auch wenn es immer wie eine Floskel klingt: Wir denken von Runde zu Runde. Denn im Doppel kann es schnell gehen, dass du mal in der ersten Runde verlierst", erklärt Krawietz.

Die Generalprobe für die US Open (ab 29. August) geht übrigens ab Donnerstag auf der gleichen Anlage über die Bühne. Dann starten Krawietz (Doppel-Weltrangliste: Position 13) und Mies (14) bei den Western & Southern Open, die normalerweise in Cincinnati im US-Bundesstaat Ohio stattfinden. Beide Turniere müssen übrigens ohne Zuschauer ausgetragen werden. "Für die Topstars wird das eine Umstellung. Für uns ist das jetzt nicht unglaublich ungewohnt, da wir vor zwei Jahren noch relativ häufig vor 20 Zuschauern gespielt haben", erinnert sich der 28-Jährige an die Zeit vor seinem Durchbruch im Welttennis.

Nach New York kommt Rom

Und wie steht es um den sportlichen Wert der diesjährigen US Open, die 140. Auflage des Turniers? "Im Nachhinein wird man immer sagen: Die US Open 2020 waren das Turnier zur Corona-Zeit. Ein gewisser Beigeschmack wird da immer bleiben. Aber im Gegensatz zum Einzel sind beim Doppel alle Paarungen, die oben im Ranking stehen, dabei."

Sollten Krawietz und Mies am 10. September, dem Tag des Doppel-Endspiels, ganz oben stehen, hätten sie sicher auch kein Problem damit, für Übergepäck in Form eines schweren Pokals zu zahlen. Ihre Wege und die Wege ihrer Koffer führen dann von New York nach Rom. Dort geht es auf der Tour ab 13. September mit einem Masters-Turnier auf Sand weiter. Die Einreise nach Italien soll den Tennisprofis nach entsprechender Testung garantiert sein.

So geht's weiter für Kevin Krawietz und Andreas Mies

Hartplatz Als Generalprobe für die US Open fungieren die Western & Southern Open vom 20. bis 28. August. Normalerweise findet das Turnier der Kategorie "World Tour Masters 1000" in Cincinnati statt, in diesem Jahr coronabedingt in New York. Ein Tag nach den Finalspielen starten an gleicher Stelle die US Open (29. August bis 13. September).

Sandplatz Nach New York peilen Krawietz und Mies eine Teilnahme am Masters-Turnier in Rom (13. bis 20. September) an. Danach geht es für die Deutschen in die Heimat, zu den European Open am Hamburger Rothenbaum (21. bis 27. September). Ab dem 27. September startet für "Kramies" die Mission Titelverteidigung bei den French Open in Paris.