Liebe Handballfreunde, in wenigen Tagen beginnt die Weltmeisterschaft in Ägypten. Ein Turnier in einer besonderen Zeit, dem nicht nur ich mit gemischten Gefühlen entgegensehe. Zwischen den Jahren habe ich mich dabei ertappt, wie sehr ich bei den Spielen des THW Kiel im Final Four der Champions League mitgefiebert habe. Denn es war seit langer Zeit mal wieder eine Möglichkeit, einem solchen Großereignis zumindest vor dem Bildschirm beizuwohnen. Deshalb ist die WM auch für unseren Sport grundsätzlich toll. Die Menschen, die momentan mit so vielen Einschränkungen leben müssen, bekommen durch die große TV-Präsenz etwas Abwechslung und können im Turnierverlauf mit ihrer Mannschaft mitfiebern. Das ist die eine Seite der Weltmeisterschaft.

Die andere Seite: Ich frage mich, ob es uns in so einer Zeit zusteht, unsere Sportler einem erhöhten Risiko auszusetzen? Das ist eine Frage, die mich auch in meiner täglichen Arbeit als Geschäftsführer des HSC 2000 Coburg beschäftigt. Eine Antwort auf die Frage habe ich für mich persönlich abschließend noch nicht gefunden. Klar ist aber: Es ist ein ganz schmaler Grat, auf den wir uns bewegen. Ein Magengrummeln ist da.

Dieses Grummeln war in Bezug auf die WM vor einigen Wochen noch größer, als die Bundesligisten das erste Hygienekonzept der Veranstalter zu Gesicht bekamen. Da gab es viele verbesserungswürdige Dinge. Beispielsweise war geplant, dass Journalisten im Mannschaftshotel untergebracht werden oder Besprechungsräume im Akkord von mehreren Mannschaften benutzt werden. In einem Dialog wurde in den vergangenen Wochen immer mehr nachgesteuert, so dass man eine Basis hatte, die den Erwartungen zumindest größtenteils gerecht wurde. Das war ein professionelles Miteinander. Doch die neuerliche Entscheidung des Veranstalters, die WM-Spiele vor Zuschauern auszutragen, ist für mich absolut unverständlich und konterkariert all die Planungen. Es scheint so, als möchte man auf Biegen und Brechen an gewissen Dingen, die man vor einigen Jahren geplant hat, festhalten. Da gewinnen die finanziellen Interessen leider die Oberhand.

Mit Stepan Zeman (Tschechien) und Christoph Neuhold (Österreich) woll(t)en sich in den nächsten Tagen auch zwei unserer Spieler auf den Weg nach Ägypten machen. Zumindest die Teilnahme von Stepan steht nun mehr als in Frage. Seit Freitag wissen wir, dass er positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Ein Großteil der tschechischen Nationalmannschaft ist momentan ziemlich heimgesucht vom Virus. Nachdem die beiden Trainer positiv getestet worden waren und sich zusätzlich einige Spieler in Quarantäne begeben mussten, flog der Rest des Teams zum EM-Quali-Spiel auf die Färöer Inseln. Dort gab es neue positive Testergebnisse, was zur Folge hatte, dass die Mannschaft wieder zurück nach Tschechien musste. Momentan befindet sich das tschechische Team in Quarantäne in Pilsen. Alleine dieses Beispiel zeigt, wie das Thema Corona die Abläufe beeinflusst und wie wenig wir aktuell selbst in der Hand haben. Wenn solche Fälle bereits vor dem Turnier auftreten, ist leider zu befürchten, dass es auch während der Weltmeisterschaft Rückschläge geben wird.

Jan Gorr ist seit 2013 beim HSC 2000 Coburg - sieben Jahre als Trainer, seit 2020 als Geschäftsführer. Während der WM in Ägypten schreibt der ehemalige Co-Trainer der DHB-Auswahl exklusiv für diese Zeitung