Der Countdown für den HSC 2000 Coburg läuft: Am Donnerstag geht das Abenteuer Bundesliga für die Mannschaft von Neu-Trainer Alois Mraz mit einem Gastspiel beim TBV Lemgo Lippe los. Jan Gorr, der seit Juni als Geschäftsführer die Geschicke des Vereins lenkt, und sein Team in der Geschäftsstelle müssen bereits etwas mehr Weitblick zeigen. Denn die Organisation des ersten Heimspiels am kommenden Dienstag gegen Leipzig unter den strengen Corona-Auflagen steht im Moment über allem. "Es sind noch ganz viele Vorkehrungen zu treffen. Wir planen fürs Wochenende eine Art Generalprobe in der Halle, bei der alle unsere Mitarbeiter vor Ort sind", erklärt Gorr.

Wichtigste Arbeitsgrundlage für den 42-Jährigen im Moment: der Hallenplan der HUK-Arena. Wie können die - Stand heute - knapp 1000 zugelassenen Zuschauer am besten auf den Tribünen verteilt werden? Die unterschiedlichen Sitzvarianten wird Gorr im Lauf der Woche noch mehrmals mit den örtlichen Behörden durchgehen. Termine, an die sich der langjährige Trainer bereits nach vier Monaten im Amt gewöhnt hat. Das gilt auch für seine neue Arbeitskleidung - Hemd und Stoffhose statt lockerer Trainingsanzug. "Ich habe ein paar Trainingsanzüge aussortiert, weil sich über die Jahre einfach so viele in meinem Kleiderschrank angesammelt haben. Businessklamotten hatte ich schon immer, aber die Gewichtung hat sich jetzt natürlich verschoben." Herr Gorr, vorneweg eine Modefrage: HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann hat in einem Interview eine neue Kleiderordnung ins Gespräch gebracht. Hautenge, ärmellose Trikots könnten künftig neue Zielgruppen erschließen. Wie denken Sie darüber?

Jan Gorr: Ich habe das mal so zur Kenntnis genommen, kann da aber von meiner Seite aus wenig dazu beisteuern. Ich glaube, er hat das auch ein bisschen mit einem zwinkernden Auge formuliert. Mir fehlt bei solchen Marketinggeschichten, mit welchen Mitteln man am Image oder an neuen Zielgruppen arbeiten kann, noch etwas der Einblick. Das wird mich nach der Corona-Zeit noch mehr beschäftigen. Ich habe Stimmen gehört, die gesagt haben: Wer soll dann noch diese Trikots kaufen, wenn von den Handball-Fans kaum jemand in diese Trikots reinpasst? (schmunzelt) Dass viele Modellathleten in der Liga herumlaufen, sieht man, glaube ich, bereits jetzt.

Das erste Mal unter Wettkampfbedingungen sind sich diese Modellathleten, in dem Fall der THW Kiel und die SG Flensburg, nach sechs Monaten Pause beim Supercup in Düsseldorf vor rund 2000 Zuschauern begegnet. Wie haben Sie die Atmosphäre am Fernseher wahrgenommen?

Natürlich wären ausverkaufte Hallen und folglich noch mehr Emotionen wünschenswert. Aber man muss ja auch mal die Augen aufmachen und schauen, was um uns herum passiert. Und das ist einfach eine Ausnahmesituation, mit der wir alle zu tun haben. Wenn wir in der sechswöchigen Probephase beweisen können, dass Sport unter besonderen Vorkehrungen mit Zuschauern möglich ist, dann freuen wir uns darüber. Trotzdem muss ich ganz klar sagen, dass eine komplette Saison unter den Rahmenbedingungen kaum denkbar ist, da einfach große Teile der Einnahmen fehlen, die wir sonst über das Ticketing generieren. Nach aktuellem Stand fehlen uns mehr als 1500 Zuschauer im Schnitt. Und das bei 19 Heimspielen.

Keiner weiß, ob die Saison letztlich über die Bühne gehen kann. Wie schwierig ist es, in Ihrer Position mit dieser Unsicherheit umzugehen?

Wenn ich mir jetzt schon zu viele Gedanken über die Konsequenzen mache würde, die irgendwann drohen, wäre mein tägliches Arbeiten von so vielen Unwägbarkeiten geprägt, dass ich keine gute Entscheidungen treffen kann. Natürlich benötigt man eine gewisse Weitsicht und stellt schon gewisse Weichen, um auf Kostenseite gewisse Einsparungen zu treffen. Aber im Endeffekt ist in diesem Jahr eine Qualität besonders gefragt: nämlich spontan und flexibel auf Dinge, die sich verändern, zu reagieren.

Sie sprechen Einsparungen in der Corona-Zeit an. Wo gibt es die im Verein?

Das Thema Gehaltsverzicht war eine meiner ersten Aufgaben in der neuen Funktion. Ich habe mit allen unseren Mitarbeitern gesprochen und hatte von vornherein eine klare Meinung zu dem Thema. Wir müssen das nicht nur im Profibereich, sondern im kompletten Verein machen. Unser ganzer Trainerstab, unsere Officeabteilung, die zweite Mannschaft und unsere Bundesliga-Mannschaft verzichten in diesem Jahr auf 20 Prozent ihres Gehalts. Für mich ist das ein tolles Statement und ein Bekenntnis zum Klub. Aus meiner Sicht wäre es auch gar nicht anders möglich gewesen. Wir können nicht die Ausgabenseite gleichlassen, wenn wir es mit drastisch reduzierten Einnahmen zu tun haben. Diese Rechnung wird nicht aufgehen, und das habe ich auch klar so kommuniziert.

Wie gehen die Profis mit der wirtschaftlichen Situation um?

Eine gewisse Verunsicherung hat man schon gespürt, besonders am Anfang, als das Thema aufkam und keiner so richtig wusste, wie es weitergeht. Ich versuche, gegenüber den Jungs sehr offen und transparent zu sein, indem ich ihnen immer wieder Updates gebe, wie sich die Situation gerade darstellt. Letztlich ist doch klar: Jeder im Verein hat seine Aufgabe so gut wie möglich zu erfüllen. Unsere Mannschaft ist auf dem Platz gefragt.

Salopp gesagt: Je erfolgreicher sie spielt, desto einfacher haben wir es bei unseren Sponsoren, noch einmal zusätzliche Gelder zu akquirieren. Was uns natürlich sehr helfen würde. Für mich ist das ein Zusammenspiel, bei dem man sich aufeinander verlassen muss, und das schafft man meiner Meinung vor allem durch Transparenz.

In einer schwierigeren Zeit will man seine Karriere als Sportmanager eigentlich nicht beginnen. Wird Ihnen die Corona-Zeit in dem Amt später helfen? Eigentlich dürfte Sie ja in einigen Jahren nichts mehr aus der Ruhe bringen ...

Ich war in der Tat direkt gefordert und hatte überhaupt keine Zeit gehabt, groß nachzudenken. Aber so schlimm das Thema Corona an sich auch ist, mir macht die Arbeit aktuell trotzdem Spaß, vor allem wenn man zumindest Teilerfolge erzielen kann und merkt, dass man ganz gut die Kurve kriegt. Das hängt eng mit meinen Mitarbeitern zusammen. Momentan läuft die "Maschinerie" hier im Büro rund um die Uhr. Wir haben uns zum Beispiel im Ticketing entschieden, alles "händisch" zu machen. Heißt, wir sind im ständigen persönlichen Austausch mit unseren Kunden. Das ist vom Umfang her megaanspruchsvoll, aber ich hoffe, dass wir dadurch die persönliche Note, die es in Coburg ja gibt, beibehalten können.

Apropos persönlich: Überall wird man mit dem Thema Corona konfrontiert. Können Sie aktuell überhaupt einmal vom Job abschalten?

Wie gesagt, ich mache etwas, was mir Freude macht, von daher brauche ich kein Kontrastprogramm. Trotzdem habe ich es jetzt nach langer Zeit mal wieder geschafft, mit Freunden, die zu Besuch waren, Angeln zu gehen. Ich bin jetzt auch mehr Herr über meinen Terminkalender, da ich mich nicht mehr an die starr festgelegten Trainingszeiten halten muss.

Sie haben sich einige Trainingseinheiten und auch die meisten Testspiele in der Halle angeschaut. Wie fühlt sich das jetzt an für Sie?

Bei den Spielen in der Halle hatte ich schon noch die Trainerbrille auf. Das ist aber, glaube ich, auch gut und möchte ich mir auch behalten. Ich habe einen tollen Austausch mit Alois Mraz über die inhaltlichen Dinge. Wenn ich mir aber mittlerweile ein Spiel im Fernsehen anschaue, merke ich schon, dass sich der Blickwinkel verändert hat. Man schaut jetzt weniger auf die Abläufe auf dem Feld, sondern eher, wie das in der Halle mit den Zuschauern organisiert ist oder welche Werbemöglichkeiten es gibt.

Wie zufrieden sind Sie mit der sportlichen Entwicklung der Mannschaft während der Vorbereitung?

Wir haben in der Vorbereitung eine gute Entwicklung in verschiedenen Bereichen gesehen. Wenn man sich an unser Testspiel in Bad Blankenburg gegen Dresden Ende August erinnert, wie oft wir über den Kreis ausgespielt wurden, weil die Absprachen einfach nicht gestimmt haben. Und jetzt zum Vergleich die beiden letzten Testspiele gegen Hannover und Eisenach nimmt, da hat die Zusammenarbeit viel besser funktioniert. Es haben sich auch ein paar gute Achsen und Varianten gebildet. Zum Beispiel eine Aufstellung mit zwei wurfstarken Rückraumlinken, mit Schröder und Neuhold, oder auch Schröder und Nenadic. Gegen Hannover haben wir eine sehr schnelle und spielstarke Aufstellung gesehen mit Knauer oder Zetterman auf Rückraum rechts und mit Varvne und Pouya in Kombination. Was sich da gebildet hat, war einfach schön zu beobachten.

Die Neuzugänge Pouya Norouzi Nezhad und Drasko Nenadic sind für Coburger Verhältnisse große Namen. Erfüllen Sie bisher die Erwartungen?

Man muss da differenzieren. Pouya hat schon klar gezeigt, was er im Stande ist, zu leisten. Obwohl er nicht die riesige Physis mitbringt, erledigt er seine Aufgabe, auf halb zu decken, mit seiner Cleverness und schnellen Beinen gut. Im Angriff ist seine Dynamik im Eins-gegen-Eins und seine Wurfvariabilität eine Waffe.

Drasko hatte einfach eine sehr lange Wettkampfpause. Zuletzt war er auch mit einer leichten Verletzung an der Patellasehne für zehn Tage raus. Ihn müssen wir noch körperlich auf das Toplevel bringen. Da schlummert noch eine Menge Potenzial ihn ihm, das er in den nächsten Wochen hoffentlich zeigen kann.

Wer hat Sie in den vergangenen Wochen positiv überrascht?

An erster Stelle sind da unsere jungen Spieler zu nennen. Max Preller auf Linksaußen hat einen richtig guten Schritt nach vorne gemacht. Auch Justin Kurch hat schon gezeigt, dass er auch aufgrund seiner bereits vorhandenen Physis ordentlich in der Abwehr zupacken kann. Auch sein Wurfverhalten am Kreis ist für sein Alter schon gut. Das Gleiche gilt für Paul Schikora auf Rechtsaußen, der sehr kaltschnäuzig im Abschluss ist. Das muss er jetzt auch noch im Wettkampf beweisen.

Was muss die Mannschaft auf die Platte bringen, um vier Mannschaften hinter sich zu lassen und so den Klassenerhalt in der stärksten Liga der Welt zu schaffen?

Es wird in diesem Jahr nicht unbedingt darum gehen, den schönen Handball anderer Mannschaften mitzuspielen. Wir müssen schnell spielen und müssen gute Abläufe haben, aber das Wichtigste ist, dass wir mit einem riesengroßen Willen in alle Spiele gehen. Man muss sich auch immer die Dimensionen vor Augen führen: Für Coburg ist es Wahnsinn, in der 1. Liga zu spielen. Das haben wir uns über die Jahre erarbeitet und darauf kann man stolz sein. Und mit diesem Stolz müssen die Spieler auch auf die Platte gehen. Das Gespräch führte Maximilian Glas.