CoburgSieben Jahre hatte Jan Gorr seinen Stammplatz in der HUK-Arena direkt am Spielfeld, am Dienstagabend verfolgte er ein Heimspiel des HSC 2000 Coburg erstmals aus einer anderen Perspektive. Während die Bewegungsfreiheit der rund 1000 Zuschauer aufgrund der Corona-Auflagen und der damit einhergehenden vier Zonen eingeschränkt war, hatte Gorr als Geschäftsführer das "Privileg", die Perspektiven während des Spiels zu wechseln.

Die meiste Zeit verbrachte der 42-Jährige im Kurvenbereich links vom Haupteingang. "Es war schon etwas gewöhnungsbedürftig. Ich habe mich das eine oder andere Mal in der Zuschauerperspektive erwischt, habe unglaublich mitgefiebert. Natürlich war ich während des Spiels durch die ganzen Sachen außenherum ziemlich abgelenkt, ich musste ständig schauen, was organisatorisch nicht läuft und wo es hakt."

An der Stimmung hat es nicht gehakt, da waren sich Gorr und alle anderen Beteiligten einig - auch wenn coronabedingt nicht einmal ein Drittel der Hallenkapazität (3500) genutzt wurden durfte. "Ich war total gespannt, wie es mit 1000 Zuschauern in der Halle ist, und muss sagen, die Stimmung war toll. Ich glaube, die 1000 haben sich heute besonders reingekniet. Daran können wir im nächsten Heimspiel gegen Nordhorn anknüpfen", so Gorr.

Lärmpegel steigt mit Aufholjagd

Ihren Teil zur Stimmung beigetragen haben die beiden Hallensprecher Thomas Apfel und Tim Pechauf. Heizen die beiden sonst das Publikum vor dem Spiel auf der Platte ein, mussten sie das diesmal von der "Kanzel" unter der Hallendecke machen. "Man bekommt oben in der Kanzel weniger von der Stimmung mit. Auch wir müssen uns an die neue Situation gewöhnen, genauso wie die Mannschaft und die Zuschauer", sagt Pechauf. "Wenn man so durch die teils leeren Reihen geguckt hat, war das schon ein komischer Anblick, den man sonst nur von Testspielen kennt. Aber ich war wirklich erstaunt, was für eine Lautstärke die 1000 Leute in die Halle gebracht haben. Als wir zwischenzeitlich auf ein Tor herangekommen sind, hatte man den Eindruck, es ist wie immer vor 3000 Zuschauern."

Der Iraner Pouya Norouzi Nezhad, der seine Heimspielpremiere für den HSC feierte, geht numerisch sogar noch einen Schritt weiter: "Der Support unserer Fans war überragend, das war eine Stimmung wie vor 10 000 Zuschauern." Ob 1000 oder gefühlt 10 000, einen Sieg gab es für den viel gelobten Coburger Anhang letztlich nicht zu bejubeln. "Wir haben gut angefangen, aber dann kam eine Phase, in der wir hektisch wurden. Leipzig hat das durch viele Tore in Tempogegenstößen ausgenutzt", analysierte Pouya, der an diesem Abend blass blieb.

Eine Schlüsselszene ereignete sich bereits nach knapp sieben Minuten. Felix Sproß hätte nach furiosem Auftakt seiner Mannschaft auf 5:2 erhöhen können, scheiterte allerdings im Gegenstoß am starken Leipziger Torhüter Joel Birlehm. Eine verpasste Chance, die den Coburgern anscheinend einen Knacks verpasste. Der HSC blieb fast 13 Minuten ohne Treffer, die Gäste enteilten auf 10:4. "Solche Phasen können wir uns in der Bundesliga nicht leisten. Wir haben in der ersten Halbzeit zu oft versucht, einfache schöne Passe zu spielen anstatt mit ganz viel Entschlossenheit aufzutreten", so Gorr.

"Der Glaube war immer da"

Sein Nachfolger auf der Trainerbank, Alois Mraz, schlug in die gleiche Kerbe und vermisste genauso wie bereits phasenweise in Lemgo den Mut, das Leipziger Tor zu attackieren. Aber selbst gut herausgespielte Möglichkeiten am Kreis ließen Stepan Zeman oder Justin Kurch in dieser Phase liegen. "Der Glaube, dass wir zurückkommen können, war aber immer da. Und wir haben es ja auch in der zweiten Halbzeit tatsächlich geschafft, in relativ kurzer Zeit auf ein Tor heranzukommen", sagt HSC-Kapitän Andreas Schröder. Erst nach der Verletzung des zuvor starken Jakob Knauer zehn Minuten vor Spielende war der Coburger Widerstand gebrochen.

So fiel mit dem 22:29 auch die zweite Saisonniederlage höher aus, als sich der Spielverlauf letztlich darstellte. "Für uns gilt es jetzt in den nächsten Spielen an die zweite Halbzeit und den Anfang der ersten anzuknüpfen, dann brauchen wir keine Angst zu haben", meint Schröder. "Wir wissen, dass wir nicht einmal ansatzweise an unserem Limit gespielt haben."

Nicht alle Fans zeigen Verständnis

Auch bei der Spieltagsorganisation gibt es einigen Bereichen noch Luft nach oben. Gorr und sein Team in der Geschäftsstelle machen sich nun an die Arbeit, um die eine oder andere Schwachstelle beim nächsten Heimspiel am 18. Oktober gegen Nordhorn-Lingen zu beheben. "Vieles, von dem was wir uns vorgenommen haben, konnten wir umsetzen. Beim Thema Ticketing, zum Beispiel beim Versenden der Tickets, sind ein paar Sachen schiefgelaufen", erklärt Gorr. "Ich hätte mir da bei dem einen oder anderen etwas mehr Verständnis für die Situation gewünscht, wenn ich sehe, wie unser Büroteam das komplette Wochenende durchgearbeitet hat. Aber der überwiegende Teil unserer Fans hat verstanden, dass es aufgrund der Situation besondere Auflagen gibt und man so zum Beispiel auch einen anderen Sitzplatz als gewohnt akzeptieren muss."