Das ereignisreiche Jubiläumsjahr des HSC 2000 Coburg neigt sich dem Ende entgegen. Während die beiden Nationalspieler Christoph Neuhold (Österreich) und Stepan Zeman (Tschechien) in diesen Tagen zu ihren Auswahlteams stoßen und sich auf die Weltmeisterschaft in Ägypten vorbereiten, dürfen die restlichen HSC-Spieler knapp zwei Wochen verschnaufen. "Es ist wichtig, dass die Jungs sich ein bisschen erholen und Abstand gewinnen können. Die Spieler haben sich die bisherige Saison ja auch anders vorgestellt, das zerrt an den Nerven und belastet", sagt Jan Gorr, HSC-Geschäftsführer.

Zum Trainingsauftakt am Montag, 11. Januar, steht dann zunächst eine umfassende Analyse der ersten 15 Saisonspiele (ein Sieg, ein Remis, 13 Niederlagen) an. Gorr und Trainer Alois Mraz betreiben bereits vor dem Jahreswechsel Ursachenforschung zur durchwachsenen Hinserie. Thema ist natürlich auch die letzte Partie des Kalenderjahres, die 24:39-Niederlage bei den Rhein-Neckar Löwen.

Herr Gorr, waren Sie vom mutlosen Auftritt bei den Rhein-Neckar Löwen, die ja vor dem Spiel auch nicht vor Selbstvertrauen gestrotzt hatten, enttäuscht?

Jan Gorr: Ich war nach dem Spiel und auch Montag noch ziemlich angefressen, und ja, auch ein Stück weit enttäuscht über das mutlose und mit wenig Selbstvertrauen behaftete Auftreten. Natürlich weiß jeder, der sich mit der Materie auskennt, dass alles andere als eine deutliche Niederlage eine Überraschung gewesen wäre. Trotzdem darf man es den Löwen nicht so einfach machen. Sie haben durch ihr tolles Konterspiel sofort wieder ihr Selbstvertrauen gefunden. Wir brauchen Tugenden wie Mut und selbstbewusstes Auftreten, sonst werden wir in dieser Liga keine ordentliche Rolle spielen.

Letzter Tabellenplatz mit 3:27 Punkten: Spiegeln die nackten Zahlen den Leistungsstand des HSC Coburg wider oder hat sich die Mannschaft unter Wert verkauft?

Sowohl als auch. Wie sagt man immer so schön: die Tabelle lügt nicht. Da ist schon was dran. Ich glaube, dass wir es bisher einfach zu selten schaffen, Konstanz in unser Spiel über 60 Minuten zu bringen. Wir haben zu viele schlechte Phasen, die uns mögliche Siege kosten. Wir müssen uns hinterfragen, warum das so ist. Ein großer Punkt ist, dass wir es bis jetzt immer noch nicht geschafft haben, unsere großen individuellen Stärken, die wir zweifellos im Team haben, auf die Platte zu bringen. Da muss man, zumindest wenn es um die Angriffsleistung geht, Spieler wie Pouya, Pontus Zetterman oder Drasko Nenadic nennen. Sie sind zu wenig in unserem Spiel drinnen und das können wir uns nicht leisten.

Ein Aufsteiger lebt in der Regel von Euphorie, Emotionen und Leidenschaft. Fehlt dem HSC dieses "Feuer" im Kollektiv?

Emotionen sind eine Frage des Typs. Der eine lebt sie mehr nach außen aus, der andere eher innerlich. Aber natürlich, wir müssen über den Teamgedanken in die Spiele kommen. Und in einigen Begegnungen, gegen Magdeburg, gegen Friesenheim und in Melsungen, war unsere Kampfkraft und Emotionalität enorm. Aber wenn das drei-, viermal in der Hinserie passiert, reicht das nicht. Was man in dem Zusammenhang noch erwähnen muss: Für uns als Aufsteiger ist es wahnsinnig bitter, dass unser großes Plus, die Heimstärke mit unseren Zuschauern, nicht zum Tragen kommen kann. Unsere Fans haben immer für den Extrakick gesorgt.

Trotz der ausbaufähigen Bilanz gab es in den bisherigen 15 Spielen ja auch einige Lichtblicke. Wer hat Sie positiv überrascht?

In der Anfangsphase der Saison hat Konstantin Poltrum mit hervorragenden Leistungen auf sich aufmerksam gemacht. Zuletzt war Jan Kulhanek öfters im Tor und hat dabei auch tadellose Leistungen gezeigt. Immer mehr Verantwortung hat in den letzten Wochen Tobias Varvne übernommen. Zu Beginn der Saison war er ja etwas abgetaucht. Man sieht momentan, dass ihn seine Mitspieler in schwierigen Situationen förmlich suchen, ihm aber teilweise dann zu viel Verantwortung zuspielen. Da wäre es gut, wenn er mehr entlastet wird. Und auch Flo Billek war in den letzten Spielen wieder der Flo Billek, den man kennt. Im Verlauf der Saison hat er ja für ihn ungewohnt wechselhafte Leistungen gezeigt, aber umso stärker ist er jetzt zurückgekommen.

Alle Spieler, die Sie erwähnen, sind bereits seit einigen Jahren beim HSC. Wie fällt das Zwischenzeugnis für die Neuzugänge aus?

Ich habe es ja bereits angedeutet. Pouya und Drasko können viel mehr, vor allem im Angriff, als wir bisher von ihnen gesehen haben. Dass es uns bisher nicht gelungen ist, ihre individuellen Qualitäten einzubinden, hat unterschiedliche Gründe, die wir jetzt im Winter analysieren und abstellen müssen. Bei Drasko muss man differenzieren. Wer in den letzten vier Wochen genau hingeguckt hat, hat gesehen, wie viel er für uns nach dem Ausfall von Andi Schröder in der Deckung gemacht hat. Ohne seine Routine wären der Erfolg in Melsungen oder der Punktgewinn gegen Friesenheim nicht machbar gewesen. Für den Angriff muss er athletisch in eine andere Verfassung kommen. Da sieht man ihm seine Pausen, die er vor dem Sommer und dann die dreieinhalb Wochen während der Saison mit einer Sprunggelenksverletzung hatte, schon an. Aber ich finde gut, dass er nicht zur Nationalmannschaft fährt, sondern sich voll auf die Trainingskomponente in Coburg konzentrieren wird.

Neu ist auch Alois Mraz, Ihr Nachfolger auf dem Trainerstuhl. Die Ergebnisse, die im Profisport maßgeblich sind, sprechen nicht unbedingt für ihn. Ist die volle Rückendeckung noch da?

Ja, ist sie. Natürlich haben Sie Recht, dass Ergebnisse in der Analyse und Bewertung immer eine Rolle spielen, aber das ist nur die eine Seite. Auf der anderen Seite muss man aber genauer hinschauen und auf die Details achten. Wir sehen, wie Alois jeden Tag mit der Mannschaft zusammenarbeitet. Er macht eine ganze Menge Dinge hervorragend. Jeder Trainerwechsel bringt Veränderungen mit sich, die wiederum eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen. Die Rechnung, wir haben aktuell nur drei Punkte und deswegen ist alles, was der Trainer macht, schlecht, wäre aus meiner Sicht viel zu einfach.

Die Nachricht vom Bundesliga-Aufstieg und die damit verbundenen Feierlichkeiten im virtuellen Rahmen sind gerade einmal acht Monate her. Sind diese schönen Erinnerungen bereits verblasst?

Nein. Auch wenn es zuletzt das eine oder andere Frusterlebnis gab, gehört dieser Erfolg zur Bilanz des Handball-Jahres ganz klar dazu. Ich habe intern zu meinen Mitarbeitern gesagt, dass wir unter dem Strich stolz sein können, was 2020 in Coburg passiert ist. Den Aufstieg im Jahr unseres Vereinsjubiläums zu feiern und wieder im Konzert der ganz Großen dabei zu sein, ist für uns nach wie vor etwas ganz Besonderes.

Auf die Duelle gegen große Mannschaften wie Kiel, Flensburg oder die Rhein-Neckar Löwen haben Sie drei Jahre in der 2. Liga hingearbeitet. Können Sie diese Spiele trotz der teils hohen Niederlagen trotzdem in gewisser Form "genießen"?

Es fehlt einfach etwas - und das ist das tolle Umfeld. Die Zuschauer vor Ort machen solche Spiele zu etwas Besonderem. Das tut mir auch für unsere Fans so unglaublich leid. Alle haben viele Jahre auf dieses Ziel hingearbeitet, und jetzt können wir die Bundesliga nicht in vollen Zügen genießen. Das ist sehr schade, aber wir müssen die Einschnitte in der aktuellen Situation akzeptieren. Denn im Vergleich zu anderen Lebensbereichen, in denen es noch viel größere Einschnitte gibt, sind die fehlenden Zuschauer dann auch fast ein Luxusproblem.

Kein Luxus, sondern größtenteils überlebenswichtig für die deutschen Profivereine sind die Corona-Finanzhilfen des Bundes. Aber genügt diese Förderung, um im schlimmsten Fall eine Saison komplett ohne Zuschauer zu stemmen?

Vorneweg: Wir haben die Zusage für die Förderung vom Bund bekommen, aber bisher noch kein Geld auf dem Konto. Was uns aber wieder ein Stück weit optimistischer dreinschauen lässt, ist die Tatsache, dass die Profisport-Hilfe auch in der zweiten Saisonhälfte, also vom 1. Januar bis 30. Juni, weitergeführt werden soll. Heißt, wir würden auch in der Rückrunde Ausfälle durch Zuschauereinnahmen, zumindest bis zu einem gewissen Prozentsatz, erstattet bekommen. Die Lage ist weiter extrem angespannt, aber ich glaube, dass wir uns in ruhigerem Fahrwasser befinden, als vielleicht zu befürchten war. Dafür haben wir unglaublich viel gemacht und sind sehr dankbar für die Unterstützung unserer Sponsoren.

Unruhig ist es weiter um die Rahmenbedingungen der Handball-Weltmeisterschaft, die am 13. Januar in Ägypten starten soll. Wie schwer fiel es Ihnen, Ihre beiden Nationalspieler Christoph Neuhold und Stepan Zeman in der aktuellen Situation ziehen zu lassen?

Wir wissen, was das Turnier für die Sportler, aber auch für die Sportart Handball bedeutet. Von daher ist es grundsätzlich gut, wenn die WM stattfinden kann. Aber es müssen Voraussetzungen vom ausrichtenden Verband erfüllt sein, die uns unsere Spieler verantwortungsvoll abgeben lassen können. Nachdem das bei dem Hygienekonzept vor einigen Wochen noch nicht der Fall war, gab es mittlerweile gewisse Anpassungen. Ich habe mit beiden Spielern gesprochen, ihnen die aktuellen Vorgaben aufgezeigt und die Problematiken angesprochen. Und letztlich muss jeder erwachsene Mensch für sich eine Entscheidung treffen. Beide haben sich entschieden, mitzuspielen. Für Christoph und Stepan ist das Turnier eine große Sache und aus sportlicher Sicht auch absolut nachvollziehbar.