"Das neue Aufgabenfeld bedeutet für mich die Chance, mich selbst in spannenden Bereichen weiterzuentwickeln", sagte Jan Gorr Ende Mai bei seiner Vorstellung als neuer Geschäftsführer des Bundesliga-Aufsteigers HSC 2000 Coburg. Dabei ist Spannung zu Pandemie-Zeiten das richtige Stichwort. Der 42-jährige gebürtige Hesse kennt den Verein und das Umfeld nach seiner siebenjährigen Trainertätigkeit zwar aus dem Effeff, doch die Unwägbarkeiten rund um das Coronavirus machen es derzeit wohl jedem Manager eines Sportvereins kompliziert.

"Es gibt so viele Themen, die unter den besonderen Rahmenbedingungen ganz anders laufen als sonst. Die Schwierigkeit ist es, dass es jeden Tag anders kommen kann", sagt Gorr, der offiziell erst seit Mittwoch im Amt ist. Und das sind die Herausforderungen, die auf den Manager-Novizen, Neu-Coach Alois Mráz und die anderen HSC-Verantwortungsträger in den nächsten Wochen und Monaten zukommen:

Vorbereitungsphase:

Es kehrt wieder Leben ein in die Sportstadt Coburg. Mráz, dessen Familie vorerst im hessischen Wetzlar bleibt, hat seinen Umzug in die Vestestadt vollzogen. Und in den vergangenen Tagen sind auch die Spieler in Coburg eingetroffen, darunter auch die drei Neuzugänge Justin Kurch, Paul Schikora (beide vom SC Magdeburg) und Pouya Norouzi Nezhad (von Frisch Auf Göppingen).

Am Montag bittet Mráz zum ersten Mannschaftstraining. Dabei müssen sich alle an das Rahmenhygienekonzept Sport halten, das die Bayerischen Staatsministerien des Innern, für Sport und Integration und für Gesundheit und Pflege erarbeiteten.

Mund-Nasen-Schutz in bestimmten Bereichen der Halle sowie die Abstandsregelungen und Desinfektionsmittel werden also so schnell nicht aus dem Trainingsalltag verschwinden. Immerhin: Berufssportler sind vom Kontaktverbot im Trainingsbetrieb ausgenommen. Heißt: es könnte es auf der Platte der HUK-Arena in den nächsten Tagen schon wieder heiß hergehen.

Geplant sei laut Gorr aber ein "lockerer Aufgalopp": "Die Spieler müssen die Möglichkeit haben, langsam wieder in die Belastung zu gehen. Alois Mráz wird die Spieler kennenlernen, gewisse Grundlagen legen und überprüfen, in welchem Zustand die Spieler in den Bereichen Ausdauer und Kraft sind. Die Pause war lang, dafür wirken aber bislang alle sehr fit."

Mit dem Weg des Herantastens stehen die Coburger nicht alleine da. "Der Wiedereinstieg wird einen Touch von Kinder-Handball haben. Die Schulter wird sich erst wieder an Wurf-Situationen gewöhnen müssen", sagt Maik Machulla, Trainer des Vizemeisters SG Flensburg-Handewitt. Diese Gewöhnungsphase soll zumindest bei den Coburger Handballern Mitte August abgeschlossen sein. Nach einer Woche Pause Anfang des Monats soll die zweite Vorbereitungsphase beginnen, dann mit Fokus auf die handballerischen Elemente.

Inwieweit sich der HSC im Vorfeld des derzeit für Anfang Oktober geplanten Ligastart in Testspielen messen kann, ist noch offen. Fest steht: Traditionelle Vorbereitungsturniere, wie beispielsweise den Linden-Cup, wird es zumindest in der bekannten Form nicht geben. "Wir werden dann eher auf die Spontanität anderer Klubs angewiesen sein."

Spontan und abhängig von der weiteren Corona-Entwicklung soll auch entschieden werden, ob und wo ein Trainingslager im August stattfinden kann.

Spielbetrieb :

In der ersten Oktoberwoche will die stärkste Handball-Liga der Welt ihren Spielbetrieb aufnehmen - und das möglichst mit Zuschauern. Um dies möglich zu machen, erarbeitet die Liga, auch im engen Austausch mit der Basketball-Bundesliga (BBL) und der Deutschen Eishockey-Liga (DEL), gerade ein aufwendiges Hygiene- und Betriebskonzept. Dies soll bis etwa Mitte Juli finalisiert werden. Bestimmendes Thema wird dieses Hygienekonzept am Mittwoch und Donnerstag bei der Ligaversammlung in Köln sein. Dabei handelt es sich um eine sogenannte "Hybridversammlung", bei der ein Teil der Klubvertreter (wie Jan Gorr für den HSC) vor Ort ist und der Rest der Sitzung per Videochat beiwohnt.

Gorr spricht hinsichtlich des geplanten Konzeptes von einem guten Grundgerüst, ohne aufgrund einiger offenen Fragen zu sehr ins Detail gehen zu wollen. Steht das endgültige Hygienekonzept, müssen die Bundesliga-Klubs dieses den örtlichen Behörden vorlegen. Mit diesen soll dann ausgearbeitet werden, wie die Spieltage im Detail aussehen könnten.

Anfang Juni sprach Frank Bohmann, Geschäftsführer der Handball-Bundesliga , zuschauertechnisch von einem Stufenplan, bei dem er sich zunächst eine Hallenauslastung von 25 Prozent vorstellen könnte. Das würde in der Coburger Arena etwa 900 Zuschauern entsprechen. "Meiner Meinung nach ist man nicht gut beraten, über genaue Zahlen zu spekulieren", sagt Gorr. So könne neben der Kapazität auch die Infrastruktur der Halle, sprich beispielsweise die Zahl der möglichen Ein- und Ausgänge oder die Belüftungsanlage, entscheidend sein, wie viele Fans ein Heimspiel besuchen dürfen.

Pflichtspiele ohne Zuschauer beim Handball sind für Gorr nur schwer vorstellbar: "Dass Profisport überhaupt wieder stattfinden kann, ist gut. Aber die Atmosphäre, wie beispielsweise bei der Fußball-Bundesliga, war schon komisch. Das Salz in der Suppe, die Fans, fehlt einfach."

Finanzen:

Aus wirtschaftlicher Sicht dürften die Zuschauer sogar mehr als das Salz in der Suppe sein - sie sind für fast alle Handball-Klubs in Deutschland überlebensnotwendig. Knapp 2500 Fans pilgerten vergangene Saison im Schnitt zu den Zweitliga-Heimspielen des HSC, rund 1000 hatten als Dauerkartenbesitzer ihren Stammplatz.

Zahlen, die im Oberhaus ohne die Corona-Krise wohl locker getoppt worden wären, nun aber - allein wegen des zu erwartenden Limits - illusorisch erscheinen. Seit einigen Tagen sind Saisontickets zu erwerben, die letztjährigen Dauerkarteninhaber hatten ein Vorverkaufsrecht. "Für uns war klar, dass wir unsere Stammgäste als Erstes bedienen werden", sagt Gorr. "Man merkt schon, dass die Leute etwas vorsichtig sind und abwarten möchten, wie sich alles entwickelt. Positiv ist aber, dass wir schon einige neue Dauerkartenbesitzer gewinnen konnten."

Nicht die einzige gute Nachricht für die HSC-Verantwortlichen. Am Donnerstag beschloss der Bund ein Nothilfepaket für Vereinen in den Profiligen im Basketball, Handball, Eishockey und Volleyball sowie der 3. Fußball-Liga mit einem Volumen von 200 Millionen Euro. Die Höhe der jeweiligen Zuschüsse wird auf höchstens 80 Prozent der erwarteten Ticketeinnahmen für den Zeitraum April bis Dezember begrenzt sein. "Wir sind dankbar, dass so etwas in Aussicht gestellt wird. Bisher war es ja schon so, dass sich die Profivereine außerhalb des Fußballs etwas hinten anstellen mussten", sagt Gorr.

Wie viel Geld es für die Coburger Handballer als Unterstützung vom Staat geben könnte, sei aktuell schwer abzusehen. Außerdem rechnet Gorr damit, dass sich die Abwicklung hinziehen könnte. Frühestens ab September sollen erste Gelder an die Profivereine fließen.

Darüber hinaus ist der Meister der abgelaufenen Zweitliga-Spielzeit natürlich darauf angewiesen, weitere Sponsoren zu akquirieren. Dabei gibt es "gute, positive Signale" von Unternehmen, die aber aufgrund der eigenen wirtschaftlichen Situation noch etwas zögerlich sind.

Kader:

Zur Geduldsprobe macht die Corona-Krise auch die weiteren Coburger Kaderplanungen. Die Verpflichtungen des bundesliga-erprobten Iraners Norouzi Nezhad sowie der Talente Kurch und Schikora sind ein guter Anfang, aber angesichts der Abgänge von Leistungsträgern wie Max Jaeger (zum HC Erlangen) oder Marcel Timm (TBV Lemgo-Lippe) wohl nicht ausreichend, um den gestiegenen Anforderungen in der 1. Liga mit 38 Spielen auf höchstem Niveau gerecht zu werden.

Gorr und Trainer Mráz sind sich einig, dass dem Team noch ein körperlich starker Rückraumspieler, der in der Abwehr den Innenblock stabilisieren kann, guttun würde. Auch auf Linksaußen wird noch nach einer Alternative gesucht - bisher ohne Erfolg.

Unter den aktuellen wirtschaftlichen Gegebenheiten habe man noch keinen Spieler gefunden, der das Anforderungsprofil komplett erfülle, so Gorr. "Mit dem Aufstieg sind auch unsere Ansprüche an Neuzugänge gestiegen. Es ist uns wichtig, dass sich die Spieler voll mit dem Verein und unserem Konzept identifizieren", erklärt der 42-Jährige. "Es bringt gar nichts, einen Spieler zu holen, nur um jemand verpflichtet zu haben. Dann warten wir lieber länger, bis sich eine entsprechende Möglichkeit auftut."