L iebe Handballfreunde, das letzte Vorrundenspiel gegen Ungarn war aus deutscher Sicht ein Wechselbad der Gefühle. Oder eben ein Spiegelbild unseres aktuellen Leistungsstandes. Kommen wir zunächst zu den guten Dingen. Die deutsche Mannschaft hatte angetrieben von Mittelmann Philipp Weber, der für mich mit seinem Mut eine sehr positive Erscheinung war, zwei richtig tolle Phasen. Kurz vor der Halbzeitpause haben wir uns mit viel Euphorie, einer funktionierenden Deckung und einer guten Torwartleistung von Jogi Bitter nach einem zwischenzeitlich hohen Rückstand wieder herangekämpft. Die zweite gute Phase hatte das deutsche Team Mitte der zweiten Halbzeit. Eine kleine, aber feine Änderung von Alfred Gislason in der Deckung hat uns einen Push gegeben. Kai Häfner hat gegen den linken Rückraum der Ungarn etwas offensiver gedeckt und damit die Sperren des ungarischen Kreisläufers perfekt umgangen. Im Angriff brachte Paul Drux in dieser Phase frischen Wind und ganz viel physische Robustheit ins Spiel.

Doch warum hat es letztlich trotzdem nicht für Punkte gereicht? Man hat gut gesehen, dass uns in der Deckung die Eingespieltheit im Detail fehlt. Die Ungarn hatten mit Mittelmann Mate Lekai den alles überragenden Mann in ihren Reihen. Es hat zum Abend gepasst, dass er mit seinem Tor zum 29:28 die Partie entschieden hat. Er hat mit seinen Eins-gegen-eins-Aktionen unsere Abwehr gebunden, teils auseinandergenommen, und seine Rückraumspieler in top Abschlusssituationen gebracht. Faszinierend war, mit welcher Präzision die Ungarn uns über den Kreis angegriffen haben. Das haben wir über die 60 Minuten nicht in den Griff bekommen.

Das spricht einerseits für die große Qualität von Lekai und seinen Nebenleuten, zeigt aber auch, dass wir eine Fähigkeit noch nicht etabliert haben: nämlich während eines Spiels zu lernen, den Gegner zu lesen. Da ist unser Abwehr-Mittelblock mit Johannes Golla, Fabian Böhm und Sebastian Firnhaber vom HC Erlangen ein gutes Beispiel: gerade Sebastian hat gekämpft wie ein Löwe, wollte unglaublich viel, hat sich aber in der einen oder anderen Situation, auch aufgrund der Cleverness des Gegners, zu ungenauen Aktionen hinreißen lassen. Und diese Kleinigkeiten machen den Unterschied.

Nach der Niederlage gegen Ungarn geht Deutschland "nur" mit zwei Punkten in die Hauptrundenspiele gegen Spanien, Brasilien und Polen. Unter dem Strich bedeutet das: die Partie gegen Spanien ist ein "Do-or-Die-Spiel". Wir müssen dieses Spiel gewinnen, um unsere Chancen auf das Viertelfinale zu wahren. Fakt ist: Wir müssen uns dafür steigern und lernen, uns besser auf die Individualität und Stärken des Gegners einzustellen. Spanien ist eine ganz erfahrene Mannschaft, die wahnsinnig diszipliniert agiert, den Ball lange in den eigenen Reihen hält und im letzten Moment oft versucht, ihren Kreisläufer mit einem Tip-Pass in eine gute Situation zu bringen. Welcher Spanier möchte wirklich werfen und wer will nur unsere Abwehrspieler locken, um Räume am Kreis zu schaffen? Dafür muss unser Innenblock um Firnhaber, Golla und Böhm im Spielverlauf das richtige Händchen und Gefühl entwickeln.

Die Abwehr gegen die Kreisläufer wird jedenfalls nicht einfacher. Spanien bringt da sogar noch etwas mehr Qualität als die Ungarn mit. Das gilt auch für die Torhüterposition. Will das deutsche Gespann das Duell gegen den zuletzt sehr guten spanischen Keeper Gonzalo Perez de Vargas für sich entscheiden, muss es eine Schippe drauflegen. Zieht die deutsche Mannschaft die richtigen Schlüsse aus dem Ungarn-Spiel, erwarte ich ein spannendes Spiel, bei dem zum Schluss die Torhüterleistungen über den Sieg entscheiden werden.

Jan Gorr ist seit 2013 beim HSC 2000 Coburg - sieben Jahre als Trainer, seit 2020 als Geschäftsführer. Während der WM in Ägypten schreibt der ehemalige Co-Trainer der DHB-Auswahl exklusiv für diese Zeitung.