Wien/WitzmannsbergBei der Frage nach der Anzahl seiner Partner kommt Julian Knowle ins Stocken. "Ich weiß es nicht genau, es waren viele, sehr viele." Eine dreistellige Zahl? "Nicht ganz, aber kommt zumindest in die Nähe."

Einer seiner im wahrsten Sinne des Wortes unzähligen Tennis-Partner im Doppel während seiner 27-jährigen Profikarriere war auch Kevin Krawietz. Im Januar 2017 schlugen der Österreicher und der Witzmannsberger einmal gemeinsam bei einem Turnier der zweitklassigen Challenger-Tour in Koblenz auf - und verloren in der 1. Runde im Match-Tiebreak. "Wir haben eigentlich ganz gut gespielt, das Match hätten wir nicht verlieren dürfen", sagt Knowle am Telefon und klingt vier Jahre danach fast so, als würde ihn diese Niederlage heute noch wurmen.

Der für seinen Ehrgeiz bekannte Vorarlberger mit italienischen und indischen Wurzeln blühte 2017 im stolzen Tennisalter von 43 Jahren noch einmal so richtig auf und schaffte über den Umweg Challenger-Tour nochmals den Sprung unter die Top 50 der Doppel-Weltrangliste. Auch dank dreier Finalsiege im weiteren Jahresverlauf bei Challenger-Turnieren.

Kurios: Zweimal hatte im Finale Krawietz mit seinen damaligen Partnern Rameez Junaid (Australien) und Gero Kretschmer (Deutschland) das Nachsehen. Dass Knowle in dem Zusammenhang Krawietz als "sehr angenehmen Gegner" bezeichnet, könnte man als höhnischen Kommentar auslegen, doch so meint es der heute 46-Jährige nicht.

Die beiden pflegen seit Jahren ein freundschaftliches Verhältnis. "Kevin hat mich seit dieser Zeit oft nach einem Rat gefragt, und ich habe ihm immer ehrlich meine Meinung gesagt", erzählt Knowle. Apropos ehrlich: "Es wäre gelogen, wenn ich sage, ich hätte Kevin 2017 den Gewinn von zwei Grand-Slam-Titeln zugetraut. Aber das ist eine wichtige Message an die jungen Spieler. Wenn man in diesem Sport viel arbeitet und dranbleibt, ist vieles möglich."

Auch die Titelverteidigung bei den French Open. Wenige Tage bevor dies Mitte Oktober Krawietz und Andreas Mies in Paris gelang, hatten sich die beiden bei Knowle erkundigt, ob er sich eine Zusammenarbeit als spezieller Doppel-Trainer für das kommende Jahr vorstellen könne.

"Kramies" mögen es simpel

Nachdem der Österreicher im Sommer 2019 seine aktive Karriere - zumindest mit Ambitionen, wie er betont - beendet hatte, wechselte er auf den Trainerstuhl. Bis Jahresende betreut er Dennis Novak, Österreichs zweitbesten Einzelspieler.

Nach Absprache mit seinem Landsmann einigte sich Knowle mit Krawietz und Mies auf eine dreiwöchige Testphase. Der Österreicher begleitete die Deutschen dabei zuletzt bei den ATP-Turnieren in Köln und Wien sowie bei den ATP-Finals in London.

Auch wenn der Erfolg in Form von Turniersiegen ausgeblieben ist, zeigt sich Knowle mit der dreiwöchigen Zusammenarbeit zufrieden. "Aus meiner Sicht hat das super gepasst. Beides sind sehr unterschiedliche Charaktere, aber auf ihre Art und Weise coole Typen", sagt der 46-Jährige. "Die erste Woche war natürlich noch etwas Abtasten angesagt, aber ab der zweiten Woche konnte ich schon ganz guten Input geben."

Diesen beschrieb Krawietz am Sky-Mikrofon wie folgt: "Der Julian macht das richtig gut. Er hält alles relativ simpel, was wir sehr mögen. Er meint, das Wichtigste sei, die Energie hochzuhalten, auch wenn wir mal hinten liegen. Bei den Returnspielen sollen wir voll draufgehen, auch wenn wir mal zwei, drei Spiele haben, in denen wir Fehler machen."

Dass fast alle Doppelpaarungen in der Weltspitze neben ihren Individualtrainern (Krawietz: Klaus Langenbach, Mies: Dirk Hortian) noch auf einen zusätzlichen Coach setzen, der selbst auf einem hohen Niveau Doppel gespielt hat, sei laut Knowle völlig normal. "Kramies" leisteten sich diesen vermeintlichen Luxus nun zum ersten Mal.

"Dass beide gut Tennis spielen können, ist bekannt. Es geht nicht darum, Dinge groß umzustellen, sondern darum, einige Punkte, vor allem beim Spielsystem, zu verfeinern", erklärt der Österreicher. "Kevin und Andi hatten in diesem Jahr einige sehr gute Wochen, aber die Konstanz hat gefehlt. Sie müssen es schaffen, auch Matches zu gewinnen, in denen die Qualität ihrer Schläge nicht so gut, dafür aber das Spielsystem an diesem Tag optimal ist."

Gemeinsame Zukunft noch offen

Eine Entscheidung, ob die dreiwöchige Testphase im coronabedingt noch mit vielen Fragezeichen versehenen Tennis-Jahr 2021 eine Fortsetzung findet, hat Knowle noch nicht getroffen. "Dass die beiden mit mir arbeiten wollen, ist ein großer Vertrauensbeweis. Aber ich habe vier Angebote von Spielern auf dem Tisch und kann nur zwei davon annehmen. Allein aus zeitlichen Gründen geht nicht mehr. Ich habe eine neunjährige Tochter und einen vierjährigen Sohn, da möchte ich nicht mehr 50 Wochen im Jahr unterwegs sein."

Mit Krawietz und Mies auf Reisen würden dem im Wien lebenden Familienvater garantiert auch neben dem Tennis-Court nicht die Themen ausgehen. Wie die beiden Deutschen ist auch Knowle Fußball-Fan, drückt als Enkel einer Italienerin seit Kindesbeinen dem AC Mailand die Daumen - nach vielen Jahren Tristesse endlich mal wieder mit Erfolg. Die "Rossoneri" stehen aktuell an der Spitze der Serie A. "Eine Momentaufnahme, die ich in vollen Zügen auskoste", sagt er grinsend.

Knowle verzückte Bamberger Tennis-Fans mit Emotionen und beidhändiger Vorhand

Julian Knowle brachte sich im Alter von sechs Jahren in seiner österreichischen Heimat in Voralberg das Tennisspielen selbst bei. Von diesen autodidaktischen Erfahrungen rührt auch die Eigenheit, dass er während seiner ganzen Karriere sowohl die Rückhand als auch die Vorhand sowie den Volley beidhändig schlägt. "Ich habe immer gegen eine Wand gespielt und es zunächst auch mit einer Hand probiert. Aber ich hatte nur einen schweren Metallschläger, da ist mir schnell die Kraft ausgegangen", erinnert sich Knowle.

Eine Technik, auf die damals auch ein zwei Jahre älteres Tennistalent aus seiner Region setzte. "Der hat dann irgendwann auf einhändige Vorhand umgestellt und in der Folge ein bisschen den Anschluss verloren. Davor hatte ich Angst, deshalb habe ich die Technik immer beibehalten. Heutzutage ist das Tennis so schnell und physisch, da überwiegen bei dieser Technik, zumindest im Einzel, natürlich die Nachteile." Die etwas unorthodoxen Schlagvarianten haben wohl dazu beigetragen, dass sich der Österreicher vor vielen Jahren auch in Franken einen Namen gemacht hat.

Knowle lief von 2001 bis 2003 drei Spielzeiten für den TC Bamberg in der 1. und 2. Bundesliga auf. "Ich erinnere mich sehr gerne an diese Zeit zurück. Es waren immer sehr viele Leute bei den Heimspielen, die Atmosphäre war aber sehr familiär", sagt der einstige Bamberger Publikumsliebling über seine Erfahrungen im Bamberger Hain. "Ich war mit vielen Emotionen und Einsatz dabei, und ich glaube, das haben die Zuschauer auch gesehen und geschätzt. Natürlich hatte ich auch etwas Glück, dass ich viele Spiele gewonnen habe."

Running Gag mit Kohlschreiber

Ein Teamkollege von Knowle in Bamberg war der gebürtige Augsburger Philipp Kohlschreiber, der sich damals laut dem Österreicher immer gesträubt habe, im Doppel zu spielen. "Er sagte immer, er könne das nicht, hat dann aber im späteren Verlauf seiner Karriere sogar einige Doppel-Titel gewonnen. Immer wenn ich gegen ihn verloren habe, habe ich nach dem Match seine Aussage aus Bamberger Tagen wiederholt. Das wurde zu einem Running Gag."

Zum reinen Doppelspieler entwickelte sich der Österreicher erst nach seiner Zeit in Oberfranken. Nachdem sich Knowle 2003 bis auf Platz 86 der Einzel-Weltrangliste vorgekämpft hatte, gab sein überraschender Einzug ins Doppelfinale von Wimbledon 2004 den Ausschlag für die Entscheidung, sich aufs Doppel zu konzentrieren. Der Erfolg gab ihm recht: 2007 gewann er an der Seite des Schweden Simon Aspelin die US Open und erreichte wenige Monate später mit dem gleichen Partner das Endspiel der Tennis-WM in Shanghai. Erfolge, die Knowle in der Weltrangliste bis auf Rang 6 vorrücken ließen. Damit übertrifft der Österreicher die beste Platzierung von Krawietz (aktuell: 19) um einen Rang.