In der Geschäftsstelle statt auf dem Rathausbalkon. Unter sich und mit dem nötigen Sicherheitsabstand anstatt mit hunderten Fans im kollektiven Freudentaumel. Von Bierduschen war nichts zu sehen. Die Meisterfeier des HSC 2000 Coburg war eine der ungewöhnlichen Art. In einem Facebook-Live-Video ließ der künftige Handball-Bundesligist virtuell die Korken knallen.

"Es läuft alles gesittet ab. Wir achten auf den Sicherheitsabstand von eineinhalb Metern", sagte Thomas Apfel, früherer HSC-Hallensprecher und Moderator der Online-Sause. Apfel hatte 14 Spieler aus dem Aufstiegs-Kader nacheinander vor die Kamera geholt, um mit ihnen über die Meisterschaft, den Saisonabbruch und Mannschaftsinterna zu plaudern. Lediglich Trainer Jan Gorr und die Spieler Max Jaeger, Sebastian Weber, Stepan Zeman und Andreas Schröder fehlten bei der virtuellen Meisterfeier, die über zweieinhalb Stunden dauerte und in der Spitze 170 Fans gleichzeitig verfolgten. Einig waren sich die Coburger, dass die Umstände der Meisterschaft außergewöhnliche waren.

"Das Gefühl ist unbeschreiblich. Aber es ist natürlich bitter, dass es so gekommen ist und wir nicht mit unseren Fans gemeinsam feiern können", sagte Kreisläufer Marcel Timm, der in der neuen Saison für den künftigen HSC-Ligakonkurrenten TBV Lemgo aufläuft. Ob er den Wechsel bereut, nachdem auch Coburg in der stärksten Liga der Welt spielt? "Ich würde nicht sagen, dass ich es bereue. Aber ich werde den HSC und das Familiäre hier vermissen." Torwart Konstantin Poltrum appellierte an die Fans, den Erfolg gebührend zu feiern. "Lasst euch das nicht nehmen, wir lassen es uns auch nicht nehmen." Poltrum sorgte auch für den unterhaltsamsten Teil der Online-Feier.

Weingläser aus Opas Keller

Der 26-Jährige brachte alte Weingläser aus Opas Keller mit und drehte spontan den Spieß um. War eigentlich Moderator Apfel für die Fragen vorgesehen, musste sich der einstige Bayernligaspieler des HSC den Fragen des Torwarts stellen - und bei einer falschen Antwort zum Glas greifen.

Bei der Gelegenheit erfuhren die Fans manche Interna. Zum Beispiel, dass sich die HSC-Profis auf Auswärtsfahrten die Zeit mit dem Kartenspiel "Uno" vertreiben. Oder bei Trainer Gorr Kaffee und Kuchen als Proviant nicht fehlen darf. Aber auch, dass Poltrum den Anpfiff zur zweiten Halbzeit in Emsdetten fast verpasst hätte. Der Grund: die Blase.

Der Schlussmann gab aber nicht nur den Spaßvogel, sondern teilte seine Gedanken zur aktuell schwierigen Phase mit. "Ich finde, dass politisch und solidarisch gerade eine große Leistung gezeigt wird. Wir schaffen es, dieses Virus einzudämmen. Aber ich finde, dass diese Solidarität mehr wertgeschätzt werden sollte."

Worte, die Tobias Varvne gerne gehört haben dürfte. Der Schwede lieferte den nachdenklichsten Moment der Meisterfeier. "Meine Mutter ist mit dem Coronavirus infiziert. Es ist aber nicht so schlimm. Ich weiß nicht, wann und ob ich nach Schweden fahre", sagte Varvne, dessen Vater vor zwei Wochen einen Autounfall hatte und sich das Brustbein gebrochen hat. "Das ist sehr gefährlich für ihn, mein Vater darf dieses Virus nicht bekommen."

Sohn löst Vater ab

Moderator Apfel musste das erst einmal sacken lassen, bevor die Gesprächsreihe weiterging. Mit Dino Mustafic, Max Preller und Fabian Apfel kamen auch drei Nachwuchstalente in der abgebrochenen Saison zum Einsatz und zu Meister-Ehren. Vor allem im Hause Apfel dürfte das zu manch Frotzelei führen. "Wenn der Bundesliga-Einsatz kommt, kann ich meinen Vater ein Leben lang provozieren", sagte Fabian Apfel lachend.

Vater Stefan Apfel, heutiger HSC-Vorstandssprecher, stand als Torwart in der 2. Liga zwischen den Pfosten - und wird nun aller Voraussicht nach von seinem Sohn überholt. "Der Einsatz in der 1. Liga wird kommen", ist sich Thomas Apfel, Fabians Onkel, sicher. Hinter Poltrum und Jan Kulhanek ist Apfel die Nummer 3 im Coburger Kasten und auch für das Bayernliga-Team im Einsatz.

Die etatmäßige Nummer 1, Kulhanek, spielte einmal mehr eine herausragende Saison und hatte am Aufstieg großen Anteil. Kulhanek zeigte sich von seiner lustigen Seite und gab manch Anekdote preis. Etwa, dass er einst auf einer Auswärtsfahrt für den Coburger Busfahrer gehalten wurde.

Oder wie er zu seinem Spitznamen "Wolle" kam. Den habe ihn zu Essener Zeiten der heutige Nationalspieler Fabian Böhm verpasst. Während sich die Tschechen nach Spielen auf ihrer Sprache unterhielten, habe Böhm immer nur ein Wort herausgehört - "Wolle". "Das ist im Deutschen kein schönes Wort", sagt der Schlussmann lachend. Den Spitznamen bekam Jan "Wolle" Kulhanek aber nicht mehr weg.