Coburg
Falschbeurkundung

Spachmann: "Ich war angesäuert"

Der Schulleiter appellierte an die Kollegen, an die Zukunft der Kinder zu denken: Null Punkte im Abitur stechen bei einer Bewerbung doch gleich ins Auge. Doch es ging ihm auch um den Schnitt am Casimirianum, der schlechter war als gewünscht. Letztendlich setzte sich Burkhard Spachmann über die Lehrer und die Schulordnung hinweg.
Burkhard Spachmann (Mitte) und seine Verteidiger Eckart Staritz und Thomas Bittorf - am 23. Juni geht die Verhandlung weiter. Fotos: Lehmann/Archiv
Burkhard Spachmann (Mitte) und seine Verteidiger Eckart Staritz und Thomas Bittorf - am 23. Juni geht die Verhandlung weiter. Fotos: Lehmann/Archiv
Ob Burkhard Spachmann tatsächlich mit der Faust auf den Tisch geschlagen hat, wie Oberstaatsanwältin Ursula Haderlein wissen wollte, spielt keine Rolle. Tatsache ist, dass er angespannt war und gekämpft hat. Gekämpft für eine Sache, die ihm am Herzen liegt - sei es der Schnitt der Abiturnoten seiner Schule, der besser werden sollte. Oder sei es die Zukunft seiner Schüler, denen er die null Punkte im Fach Deutsch ersparen wollte.
Das war im Juni 2013. Seit gestern kämpft er um sein Recht, seine Ehre und sein Ansehen. Spachmann wird vorgeworfen "in 86 Fällen als Amtsträger, der zur Aufnahme öffentlicher Urkunden befugt ist, innerhalb seiner Zuständigkeit eine rechtlich erhebliche Tatsache falsch beurkundet zu haben".

Vor Gericht antwortet er dem Vorsitzenden Richter Wolfram Bauer: "Natürlich war ich emotional säuerlich aufgeladen." Er bezieht sich dabei auf die Konferenz der Deutsch-Fachschaft, zu der er am 13. Juni 2013 geladen hatte, nachdem er die Bewertung der Lehrer im Fach Deutsch gesehen hatte. Vier Schüler hatten null Punkte, insgesamt lagen die Noten bei einem Viertel der Schüler im Bereich ungenügend und mangelhaft.

Obwohl sich alle zehn Lehrkräfte, die als Erst- oder Zweitkorrektoren eingesetzt waren, in ihrer jeweiligen Benotung einig waren, bat er darum, die Noten im unteren Bereich noch einmal unter die Lupe zu nehmen und gegebenenfalls nach oben zu korrigieren. Da die Lehrer das einstimmig ablehnten, kündigte er an, als Prüfungsausschuss-Vorsitzender alle Arbeiten pauschal um einen Punkt anzuheben. Die Lehrer sollten sich bis 14. Juni, 7.45 Uhr, entscheiden und sich eine Lösung einfallen lassen.

Von den Schülern davon erfahren

Da sich die Lehrkräfte einig waren und darauf nicht einlassen wollten, änderte Spachmann am Freitagmorgen die Noten ab. Die Lehrer erfuhren davon teilweise von Schülern, die an diesem Tag ihre Noten mündlich mitgeteilt bekommen haben.
In der darauffolgenden Woche wurde weiterhin heiß diskutiert, wie die Lehrer gestern vor Gericht einhellig bestätigten. Da die Lehrer sich weigerten, ihre Mantelbögen - also die Bewerzungszettel mit den Noten und der Begründung dazu - abzuändern, ließ Spachmann Aufkleber für die Zeugnisse drucken. Auch sein Vorschlag, die Korrektoren sollten die Arbeiten unterschiedlich bewerten, damit er sich als Drittkorrektor einschalten könne, wurde abgelehnt.

Spachmanns Verteidiger Eckart Staritz und Thomas Bittorf versuchten gestern vor Gericht, die Deutschlehrer wegen ihrer zu schlechten Benotung in die Mangel zu nehmen. Doch die Lehrerinnen blieben hart: "Wir hätten noch mehr zuschlagen können. Manche Arbeiten sind einfach nicht mehr ausreichend! Und natürlich haben wir wohlwollend an unsere Schüler und an ihre Zukunft gedacht."

Die Lehrer fühlten sich von Spachmann teilweise unter Druck gesetzt. Es soll sogar Überlegungen in der Lehrerschaft gegeben haben, Spachmann schriftlich festzulegen, dass er sich nicht mehr in die Notengebung einzumischen habe. Es hieß: "Er traut sich jedes Jahr mehr, was kommt wohl noch?" Aber man habe davon wieder Abstand genommen, weil es wohl rechtlich nicht haltbar gewesen wäre. Der Personalrat hatte sich dennoch Hilfestellung beim Kultusministerium geholt, nachdem dort aufgrund einer Tageblatt-Nachfrage indem Fall bereits recherchiert wurde.

"Er ist schließlich der Chef"

Die Deutschlehrer, die 2012 mit einer Notenanhebung um einen Punkt im Deutsch-Abitur einverstanden waren, sprachen vor Gericht davon, eingeschüchtert und verängstigt gewesen zu sein. "Er ist schließlich unser Chef!" sagte eine Zeugin. Doch ein zweites Mal wollten die Lehrer das nicht mehr mit sich machen lassen. "Wir haben darüber nachgedacht und uns gefragt: Ist das denn rechtens? Schließlich haben wir nach bestem Wissen und Gewissen benotet", formulierte es ein Lehrer.

Der ehemalige Schulleiter des Alexandrinums, Herbert Röser, der die Verhandlung verfolgte, hat den Verlauf so erwartet. Er fragt sich, was "Herr Spachmann für einen Trumpf in der Hinterhand hat", um noch zu seinem Ziel zu kommen. Die Aussagen der Lehrer seien sehr plausibel und glaubhaft.