Traudel kommt aus ihrem Strohbett in die Box und schaut neugierig über den Rand. "Hallo, habt ihr was für mich?", scheint sie zu fragen. Traudel ist ein Kalb auf dem Hof von Harald Reblitz. Es ist ein Biobetrieb, den er als Aussiedlerhof nahe Herreth betreibt. Er hat nicht schon immer ökologisch gewirtschaftet. Erst 2016 wurde der Hof umgestellt nach den Richtlinien des Verbandes Bioland. Die Gründe dafür sind vielfältig, sagt Harald Reblitz.

Tatsächlich spielte auch das Bild der konventionellen Landwirtschaft in vielen Medien eine Rolle. "Plötzlich sollte die Landwirtschaft an allem schuld sein, Nitrat im Grundwasser, Rückgang der Artenvielfalt, Schwund bei den Insekten, da kommt man schon ins Nachdenken", sagt er heute. Dabei hatte ihn der Gedanke an eine Umstellung schon in den frühen 90er Jahren beschäftigt. Die Eltern waren damals dagegen. So wurde der Betrieb zunächst konventionell immer weiter entwickelt. 2008 stellte ein guter Freund um. Sein Beispiel wirkte ebenfalls auf die Entscheidung ein.

Harald Reblitz besuchte Lehrgänge, die von Bioland angeboten werden, und solche, die vom Bundesprogramm zur Förderung des ökologischen Landbaus unterstützt werden. Dann erfolgte 2016 die Umstellung. Bereut hat der Landwirt diesen Schritt nicht. Die Milch seiner 85 Kühe geht an die Milchwerke Oberfranken West in Wiesenfeld. Dort gibt es neben der konventionellen auch eine Bio-Schiene. Die Produkte finden mehr und mehr auch Absatz an Regionaltheken.

Verbände strenger als EU

Die Bioland-Zertifizierung ist in einigen Punkten noch strenger als die EU-Grundverordnung zum ökologischen Landbau. Wichtig ist aber grundsätzlich, dass die Rinder der Biobetriebe in der warmen Jahreszeit auf die Weide müssen. "Wenn es sehr heiß ist, dann gehen die Kühe tagsüber lieber in den Stall. Erst am Abend, wenn es kühl wird, gehen sie dann raus", sagt Harald Reblitz. Die Kälber stehen auf Stroh. Kühe, die bald kalben, haben ebenfalls einen mit Stroh gefüllten eigenen Bereich. "Das ist mein Kreißsaal", sagt er.

Auf einer Schiefertafel an der Wand steht, wann Schnecke, Anni und Distel Geburtstermin haben. Idylle? So groß ist der Unterschied zu anderen Milchviehbetrieben gar nicht. "Die Tierhaltung umzustellen, ist nicht so problematisch", sagt Harald Reblitz. Im Konventionellen habe sich in den vergangenen Jahren immerhin auch einiges getan in Sachen Tierwohl. Er kennt auch den Vorwurf, dass die Biobetriebe in Sachen CO2-Bilanz schlechter abschneiden, weil sie für die gleiche Produktionsmenge an Milch mehr Tiere im Stall stehen haben müssen. Und: "Ja, wenn ein Tier krank ist, dann kommt bei uns auch der Tierarzt und es wird behandelt. Wenn ein Antibiotikum gegeben werden muss, dann ist das nicht zu ändern." Aber prophylaktisch Medikamente zu verabreichen, das geht eben nicht.

Was erlaubt ist

Futtergetreide darf Harald Reblitz nur von Bioland-Betrieben kaufen. Anderes Futter, wie etwa Kleegras, kann er auch von Bauern kaufen, die nicht im Verband sind. Aber es müssen EU-zertifizierte Biobetriebe sein. So bekommt er von einem Biobauern, der nur Landbau betreibt, Grünfutter, und der bekommt dafür Gülle vom Reblitz-Hof. Chemischer Dünger darf ja nicht verwendet werden. "Was in der Natur vorkommt, darf auch ausgebracht werden, ist so eine Richtschnur", sagt er. Kali wäre also möglich. Kupfer auch. Kupfersalze sind als Pflanzenschutzmittel etwa gegen Pilze erlaubt - und umstritten, weil eben auch giftig.

Biolandwirte wollen Produkte liefern, die Vertrauen bei den Konsumenten genießen. Dass viel von diesem Vertrauen vorhanden ist, zeigen wachsende Absatzmengen an Bioprodukten, die längst die Reformhäuser verlassen haben und in jedem Supermarkt und Discounter zu finden sind.

Dass andererseits dieses Vertrauen von schwarzen Schafen missbraucht wird, hängt mit dem rasch wachsenden Markt für Bioprodukte zusammen. Einem Markt, auf dem illegal viel Geld zu machen ist. So werden immer wieder Fälle aufgedeckt, wo konventionell erzeugte Ware zu Bio umdeklariert wird, um die Nachfrage zu decken - schließlich ist Bio stets ein wenig teurer. Entsprechend groß die Gewinnspanne bei der Umetikettierung. Weil mit Masse Kasse zu machen ist, gibt es auch längst Großbetriebe - etwa mit zigtausenden von Hühnern. Das sind keine Verstöße. Die Richtlinien lassen das zu oder bieten Lücken, die es ermöglichen. Etwa durch das Aufteilen des Bestandes auf mehrere Stallgebäude.

Titel "Bio-Lüge"

Die Wochenzeitung "Die Zeit" wollte wissen, wie groß der dunkle Fleck auf der weißen Bio-Weste ist. Über das Informationsfreiheitsgesetz verschaffte sich eine Journalistin Einblick in Hunderte Unterlagen - die Ökokontrollberichte aus zwei Jahren. Berichte voller dokumentierter Verstöße. Sie begleitete Tierrechtler, die in Ställe einbrechen und Tierleid mit der Kamera festhalten. Szenen, die niemand in einem Biobetrieb vermuten würde, der beim Einkauf auf Bio seztzt. Am Ende steht ein Dossier mit dem Titel "Die Bio-Lüge"

Massentierhaltung mit üblen Bedingungen, als Bio deklarierte konventionelle Ware, Hormonbehandlung, zu enge überbelegte Ställe... Wie sieht es im Coburger Land aus? Harald Reblitz kann sich so etwas hier unter seinen Berufskollegen nicht vorstellen. Die Antwort auf eine Anfrage beim Landratsamt Coburg gibt ihm Recht. Wie Sprecherin Corinna Rösler mitteilt, hatten die Amtsveterinäre in den Biobetrieben des Landkreises bisher keine tierschutzrechtlichen Beanstandungen.

Platzvorgaben

Biobauern müssen sich an einige Vorgaben halten, die sie von konventionellen Betrieben abheben sollen. So gibt es laut AELF für ihre Betriebe Platzvorgaben für alle Tierarten und Altersstufen, und alle Tiere müssen Zugang zum Freien haben sowie eine eingestreute Liegefläche. Im Landbau sind nur Dünger auf natürlicher Basis erlaubt. Pflanzenschutzmittel sind im Anhang zur EU-Öko-Verordnung aufgeführt. Sie sind auf mineralischer Basis (etwa Kupfersalze) oder auf pflanzlicher Basis (wie Nem-Extrakt) hergestellt.

In den landwirtschaftlichen Bildungsprogrammen wie der staatlichen Landwirtschaftsschule oder dem Bildungsprogramm Landwirt (Bila) werden die grundlegenden Inhalte der ökologischen Landwirtschaft vermittelt, wie Christine Reininger informiert. Darüber hinaus werden Spezialseminare zur Vertiefung angeboten.

Konventionell wird ökologischer

Allerdings hat sich auch in der konventionellen Landwirtschaft bereits viel bewegt, in Sachen Umweltschutz und Tierwohl. Daran erinnert Hans Rebelein, Geschäftsführer beim Bayerischen Bauernverband in Coburg. Chemischer Dünger und Pflanzenschutzmittel wurden durch Vorschriften im Einsatz begrenzt, Zeiten, in denen Gülle ausgebracht werden darf (auch für Biobetriebe) immer enger gefasst. Die Anforderungen an Ställe und Platzangebot für Tiere immer höher. Konventionell wird also immer ökologischer. Und nicht nur Hans Rebelein stellt die Frage: "Wie bio sind Lebensmittel, die im Ausland produziert und dann über weite Strecken zu uns gebracht wurden?"

Er verweist auf Umfragen, nach denen Kunden inzwischen mehr Wert auf Regionalität legen als auf ein Bio-Label. Fazit: "Wer beim Einkaufen ein richtig gutes Gewissen haben möchte, der sollte vor allem regional und saisonal kaufen, dann darf es natürlich auch gern auch bio sein."

Bio in der Region

Mit 58 von 716 landwirtschaftlichen Betrieben macht der Anteil der Bio-Höfe in Stadt und Landkreis Coburg rund acht Prozent aus, wie Christine Reininger vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Coburg/Kulmbach mitteilt. Die Biobauern bewirtschaften 3100 Hektar mit im Schnitt 53 Hektar pro Betrieb und damit etwa gleich große Höfe wie ihre konventionell wirtschaftenden Kollegen. Diese arbeiten auf rund 40 000 Hektar bei einer mittleren Betriebsgröße von 56 Hektar.

Zur Tierhaltung informiert Christine Reininger: "Dazu ist es aufgrund der kleinen Anzahl der Betriebe schwierig, Zahlen bereitzustellen. Grundsätzlich gibt es aber in fast jedem Bereich auch Biobetriebe. Bei den Rinderhaltern haben wir insgesamt knapp 170 (167) Betriebe mit einem durchschnittlichen Bestand von 49 Kühen (Milch und oder Mutterkühen), davon sind 16 Biobetriebe mit durchschnittlich 48 Kühen (Milch und Mutterkühen)."

Nicht nur Biobauern arbeiten ökologisch.

Das Amt erinnert daran, dass mehr Fläche des Coburger Landes als die der Biobetriebe ökologisch bewirtschaftet wird: Es gibt nämlich Flächen konventioneller Betriebe, die dort über das Vertragsnaturschutzprogramm auf Düngung und Pflanzenschutz verzichten. Hierbei gibt es Betriebe, die für die Bioförderung im Kulturlandschaftsprogramm oder auch für den Mehrfachantrag zu klein sind und somit in der Statistik für bio nicht mitgezählt werden. Diese Betriebe leisten aber für die Ökologie ebenfalls ihren Beitrag.red