Wie und wo der Geist weht in unserer Welt, kann keiner (vorher)sagen. Man kann nur immer wieder staunen. Wie kommt es, dass eine deutsche Schriftstellerin mittleren Alters in das Leben der jungen Madrider kriecht und führt? Nicht von unserer Position aus beobachtet. Sondern schreibend ganz selbstverständlich darin lebt, bei der jungen Lehrerin Anita, die nie in ihrem Beruf arbeiten konnte. Es gibt für sie und Millionen ihrer Altersstufe seit der Eurokrise keine Jobs, man nennt sie die verlorene Generation.
Jeder zweite spanische Jugendliche und junge Erwachsene ist arbeitslos, das nur für uns im wohligen Deutschland zum Verständnis. "Wir sollten eigentlich zu Hause in unseren Kinderbetten liegen wie tot, wie Dornröschen hinter der Dornenhecke", sagt Anita, die wie all die anderen wieder zu Hause in ihrem Kinderzimmer lebt und von ihren Eltern, denen es auch nicht gut geht, mühsam durchgefüttert wird. Sie alle müssen als junge, elanvolle Menschen vollkommen perspektivlos in den Tag hineinleben.
Aber nicht doch, ein Sozialroman ist das nicht, was Anna Katharina Hahn uns da beim Coburger Literaturkreis im Saal des Kunstvereines vorgestellt hat. Über dem heutigen Europa, in dem sich die unterschiedlichen Lebensstile immer schneller verknüpfen - viele Erzähllinien führen auch zu uns nach Deutschland - tut sich in "Das Kleid meiner Mutter" eine surreale, nein eine magische Ebene auf, beiläufig im Erzählen.
Es zieht Anita, die Handelnden oder nicht mehr Handelnden, weil Toten, mit merkwürdiger, aber unerbittlicher Leichtigkeit dorthin. Die Romantiker, E.T.A. Hoffmann, mit dem Hahn geschmeichelt gerne in Verbindung gebracht wird, waren auch schon da, nicht in einer losgelösten Fantasywelt, sondern wie tiefer und weiter im Hier und Jetzt. Dorthin, wo der Grusel liegt, den Anna Katharina Hahn aber mit Humor und einem jugendlichen Kichern dann doch auf Distanz hält.


Die Eltern liegen tot im Bett

Die kleine mutlose, liebe Anita Nanita, die ihrem viel mutigeren Bruder Anchel nicht zum Geldverdienen nach Deutschland folgen wollte, findet eines Nachmittags ihre Eltern Blanca und Oscar tot im Bett. In Panik löst sie die existenzielle Krise nicht auf den vorgeschriebenen Pfaden, sondern zieht ihre Eltern schön an und setzt sie vors Fenster. Dort schrumpfen sie allmählich, der Ehering fällt vom Finger der Mutter und rollt zu Anita. Es klingelt an der Tür und sie wirft sich in der Eile ein Kleid ihrer Mutter über. Von nun an wird sie mehr und mehr zu Blanca, die Welt nimmt sie als Blanca wahr. Anita kommt hinter Unverschämtheiten ihrer Eltern, antwortet dem zur Verblüffung per SMS auftauchenden Liebhaber ihrer Mutter: "Ich liebe dich. Blanca."
Mit der gleichen Zügellosigkeit, in vollkommen unprätentiöser, aber oft auf den essentiellen Punkt kommenden Formulierungen geraten wir in die Lebensläufe auch anderer Figuren: Eines affigen, aber gefährlichen versteckten Schriftstellers, der den Namen de Ruit, trägt wie der Geburtsort von Hahn im Schwäbischen. Von Carmen, der früheren Geliebten ihres Vaters... Und Achilles, die Schildkröte, läuft auch noch herum. Ein bisschen Spaß muss sein.


Die Dimensionen verschieben sich

Wir treiben als Leser mit durch das sich auflösende, alte europäische Leben in etwas Neues, durch andere und unsere eigenen Welten, obwohl es sich bei diesem Werk doch eigentlich nur um einen kleinen Roman handelt. Die Dimensionen verschieben sich, das lässt uns mehr oder weniger lustvoll frösteln.
Nach Coburg kam Anna Katharina Hahn mit sinnlich wild gesteckter Frisur, doch in einem irgendwie aus der Zeit gefallenen hellblauen Glockenblumenkleid. Das hat ihr eine Stuttgarter Designerklasse auf den Leib geschneidert. Es ist ein Kleid Blancas.
Wie eine deutsche Schriftstellerin zu einem zumindest teilweise spanischen Roman kommt, erklärte Hahn beim Literaturkreis mit einer seit zehn Jahren bestehenden Freundschaft, die sie jedes Jahr nach Madrid zieht und die ihr bei der Recherche geholfen hat. Und der Auslöser für die Geschichte war, Entschuldigung, ein Traum mit toten Eltern, die langsam vertrocknen.

Anna Katharina Hahn: "Das Kleid meiner Mutter". Roman, Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, 311 Seiten, 21,95 Euro.

Anna Katharina Hahn, 1970 geboren in Ruit auf den Fildern, studierte Germanistik, Anglistik und Volkskunde an der Universität Hamburg. Von 1996 bis 2001 war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Deutschen Bibel-Archiv und in der Handschriftenabteilung der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg tätig. Neben wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu spätmittelalterlichen Historienbibeln publizierte sie literarische Texte in Zeitschriften und Anthologien sowie zwei Bände mit Erzählungen. 2004 nahm sie am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil. Verschiedene Auszeichnungen, etwa den Clemens-Brentano-Preis der Stadt Heidelberg und 2012 den Wolfgang-Koeppen-Preis. Sie lebt heute mit ihrer Familie in Stuttgart.