Zwei entscheidende Erkenntnisse brachten die Aussagen zweier Sachverständiger am Freitag im Schützenhaus-Prozess: Im Keller des Gebäudes fanden sich keine Bleispuren. Die müsste es aber geben, wenn Ulrich S. dort tatsächlich mit der Schrotflinte auf Ratten geschossen hätte. Zweitens: Der Winkel, in dem die Schrotgarbe Marie S. in den Bauch traf, passt nicht zu dem, was der Angeklagte zu Beginn des Prozesses mit der Originalwaffe in der Hand demonstriert hatte.

Der Schuss hatte die 1,74 Meter große Marie S. in einer Höhe von 1,08 Meter links in den Bauch getroffen. Der Schusskanal verlief laut Rechtsmediziner Stephan Seidl nach rechts unten. Seidls Kollege, Axel Manthei, Ingenieur für Waffentechnik beim Landeskriminalamt, wiederum hatte durch Schussversuche mit der Original-Schrotflinte errechnet, dass Ulrich S. aus 1,20 Meter Entfernung (von der Mündung an gemessen) auf seine Frau geschossen haben muss.
Unterm Strich bedeutet das, dass der Angeklagte die Flinte auf einer Höhe von etwa 1,28 Meter gehalten haben muss.

Bei seiner Demonstration zu Beginn des Prozesses hatte der zwei Meter große Ulrich S. die Waffe aber deutlich niedriger als einen Meter gehalten, wie Gutachter Seidl anmerkte. Ulrich S., der am Freitag mehrmals von seinem Verteidiger Hans-Heinrich Eidt zur Ruhe ermahnt werden musste, war allerdings anderer Meinung. Eidt beantragte schließlich, dass sein Mandant den Ablauf noch einmal vorführen dürfe.

Antrag auf kariertem Blatt

Für Oberstaatsanwältin Ursula Haderlein war dies zu viel des Guten: "Ich halte nichts davon, dass hier nochmal eine geschönte Einlassung kommt", sagte sie in scharfem Ton. Amend hielt eine erneute Demonstration zwar auch für wenig brauchbar ("Jetzt weiß man halt ganz genau, wie man es vormachen muss."), gab dem Antrag, den Eidt eilig auf ein kariertes Din-A5-Blatt geschrieben hatte, aber schließlich statt.

So stolperte Ulrich S. also erneut mit der Flinte in der Hand über den imaginären Hund "Lily", schlug mit der Mündung der Waffe auf dem Boden auf, sie rutschte ihm aus der Achsel nach unten, er fing sie mit beiden Händen auf und musste dann innehalten, denn Richter Amend kam mit dem Zollstock, um Maß zu nehmen. Ergebnis: etwa ein Meter Höhe. Immer noch zu wenig für Gutachter Seidl, auch wenn Ulrich S. verzweifelt beteuerte, genau so sei es gewesen und nicht anders.

Ein weiterer Beweisantrag von Verteidiger Eidt zielte darauf ab, den Gutachter per Schussversuch überprüfen zu lassen, ob an der Decke der Garage Schmauchspuren entstehen, wenn dort ein Schuss abgegeben wird. Auch diesem Antrag gab die Erste Große Strafkammer schließlich statt. Allerdings, so Axel Manthei, müsse er erst die passende Munition besorgen. Das Ergebnis soll bis zum 13. August vorliegen und dann bekannt gegeben werden.

Zuvor hatte Manthei bereits berichtet, welche Erkenntnisse er bei der Untersuchung der Garage und des Kellers in der vergangenen Woche gewonnen hatte. So habe er den kompletten Boden mikrochemisch auf Bleiantragungen analysiert. Diese müsste es geben, wenn der Boden mit Schrot beschossen worden wäre. Immerhin habe Ulrich S., sollte die Geschichte mit der Rattenjagd stimmen, etwa 4000 Schrotkugeln im Keller abgefeuert, so Manthei.

Die Ratten für diese Schussversuche hatten die Gutachter selbst gebastelt - aus ballistischer Seife mit Frischhaltefolie drumherum. Versuche aus fünf, sieben und neun Metern Entfernung zeigten, wie der Boden nach den jeweiligen Schrotladungen ausgesehen haben müsste. "Diese Bereiche müssten massiv bleihaltig sein", erklärte Manthei. Gefunden hatte er jedoch nichts dergleichen. Andererseits hatte Ulrich S. beim Ortstermin am Donnerstag berichtet, der Boden sei damals mit Spanplatten bedeckt gewesen, die das Ergebnis dann anders hätten aussehen lassen.

Rechtsmediziner Seidl sagte auch zum Zustand des Angeklagten aus, nachdem dieser - nach dem Schuss auf seine Frau - versucht hatte, sich selbst zu töten. Ulrich S. lag in den Wochen danach im Coburger Klinikum im Koma. Er hatte sich links in die Brust geschossen und dabei den linken Lungenflügel, die Milz, das Zwerchfell und den Dickdarm verletzt. An jenem verhängnisvollen Abend war er alkoholisiert: Zwischen 1,28 und 1,49 Promille hatte er laut Seidl im Blut.

Ärger mit dem Zeugen

Mit Festnahme drohte Amend einem Zeugen, weil dieser bei der Polizei kurz nacheinander zwei unterschiedliche Aussagen gemacht hatte. Pikant: Zwischen den Aussagen hatte der Mann, der als Koch bei Ulrich S. und seiner Frau gearbeitet hatte, offenbar mit der Ex-Frau des Angeklagten gesprochen.

So hatte er in seiner ersten Aussage von einem massiven Rattenproblem im Alten Schützenhaus erzählt, und, dass Ulrich S. die Nager mit einem Luftgewehr hatte schießen wollen. Auf Nachfrage der Beamtin, die ihn vernahm, sagte er, er habe den Angeklagten nie mit einer Waffe in der Hand gesehen.

Wenig später wurde der Zeuge - wegen eines organisatorischen Fehlers - erneut geladen und gab nun zu Protokoll, er habe gesehen, wie Ulrich S. von seinem Patensohn ein Waffencase mit der Schrotflinte in Empfang genommen hatte. Anschließend habe ihm der Angeklagte gesagt, er wolle das Rattenproblem "jetzt richtig angehen".

Nicht nur Amend platzte schließlich der Kragen, auch Ursula Haderlein warf dem Zeugen vor, er habe seine Aussage mit der Ex-Frau des Angeklagten abgesprochen. Doch trotz Amends Drohung, man könne ihn auch festnehmen lassen, blieb der Zeuge dabei: Er habe die Geschichte bei seiner ersten Aussage schlicht vergessen.

Manager war nicht der Liebhaber

Hartnäckig hält sich in Coburg das Gerücht, die getötete Marie S. habe in München ein Verhältnis mit einem Hotelmanager und sogar schon eine Wohnung in der Landeshauptstadt gehabt. Doch dem widersprach der Manager, der gestern als Zeuge geladen war, ganz entschieden. In gebrochenem Deutsch erzählte der in Israel geborene Mann, dass ihm Marie S. zwar viele SMS geschickt, er aber - außer einer geschäftlichen - keine private Beziehung zu dem späteren Opfer unterhalten habe.

Die vielen SMS, die Marie S. dem verheirateten, dreifachen Familienvater geschickt hatte, sind durch die Handy-Verbindungen des Opfers belegt. Die vielen SMS hätten ihn sogar so sehr genervt, dass er schließlich seine Assistentin gebeten habe, ihm Marie S. "vom Hals zu halten". Die Assistentin bestätigte die Aussage ihres Chefs. "Ja, das hat er genau so gesagt."

Bei der Polizei habe er seinerzeit sehr lange gezögert, als er nach einem Liebesverhältnis mit Marie S. gefragt worden war, hielt Amend ihm vor. Als die Oberstaatsanwältin ihm nun die Frage erneut stellte, antwortete der Zeuge wie aus der Pistole geschossen: "Nein!" Auch habe er nicht - so ein weiterer Vorhalt - in Wien ein Doppelzimmer für sich und das spätere Opfer gebucht. "Da waren 15 Mitarbeiter dabei. Das war rein geschäftlich." Er habe aber tatsächlich den Eindruck gehabt, Marie S. habe "mehr" von ihm gewollt.

Dass Marie S. verliebt gewirkt habe, konnte die Zeugin nicht bestätigen. Sie beschrieb sie als fröhlich und "mutig gekleidet" mit "sehr kurzen Röcken". Außerdem berichtete sie, dass ihr Chef einen kameradschaftlichen Umgang mit seinen Mitarbeitern pflege. "Von der Sprache her mixt er Du und Sie, ist aber mit den meisten per Du."
Zum Arbeitsverhältnis selber gab der Manager an, Marie S. habe nach ersten Gesprächen im April 2012 - wie gewünscht - einen Teilzeitvertrag erhalten. "Sie war eine sehr gute Hausdame." Wenige Tage vor ihrem Tod habe er ihr eine Vollzeitstelle im Münchner Boutique-Hotel angeboten. Sein Eindruck: "Sie war unter Druck. Ich habe ihr aber eine sehr klare Deadline gegeben."