Insgesamt 13 Schüsse hatte Axel Manthei, Waffen-Sachverständiger des Landeskriminalamtes, am vergangenen Mittwoch aus der Original-Tatwaffe im Keller des Alten Schützenhauses abgefeuert, wie er der Ersten Großen Strafkammer am Landgericht Coburg gestern berichtete. Nach den Schussversuchen auf einen Sand-Kugelfang hätten sich an der Decke rund 260 "eindeutige Schmauchpartikel" befunden, weiter hinten im Raum seien es immer noch gut 100 Schmauchspuren gewesen. Bei der ersten Untersuchung des Kellers hatte Manthei jedoch keinerlei Spuren entdeckt, die darauf hindeuten, dass der Angeklagte Ulrich S. in dem Keller mit Schrot geschossen hatte.


Umfrage unter Kollegen

Um zu klären, ob die Schmauchspuren möglicherweise mit der Zeit verschwinden, hatte der Gutachter sogar unter seinen Kollegen weltweit eine Umfrage per E-Mail gestartet, denn eine wissenschaftliche Untersuchung zu diesem Thema gebe es nicht. "Alle Kollegen, die ich befragt habe, würden auch nach der langen Zeit Schmauchspuren erwarten", sagte Manthei. Und auch er persönlich sei der Meinung, dass dort gut zweieinhalb Jahre nach der (angeblichen) letzten Rattenjagd noch etwas zu finden sein müsste.

Mit diesem Gutachten gerät Ulrich S.' Geschichte, er habe regelmäßig mit der Schrotflinte im Keller auf Ratten geschossen, weiter ins Wanken. Der Angeklagte hatte am 6. Oktober 2012 seine Ehefrau Marie S. getötet. Er behauptet, er sei mit der Flinte auf dem Weg in den Keller gewesen, um dort Ratten zu schießen. Dabei sei er über seinen Hund gestolpert und der tödliche Schuss auf seine Frau habe sich gelöst.


Spanplatten bestätigt

Auch die Spanplatten, die laut Ulrich S. zeitweise auf dem Kellerboden gelegen haben sollen, waren gestern noch einmal Thema. Als Zeuge war ein früherer Eigentümer des Alten Schützenhauses geladen. Er hatte 2007 Insolvenz anmelden müssen und deshalb das Traditions-Gasthaus verloren. Eva-Maria S., die Ex-Frau des Angeklagten, kaufte es im Jahr darauf.

Der Boden im Keller sei aus Beton gewesen und "er war oft feucht", beschrieb der Zeuge. Er habe dann ab und zu zwei, drei Spanplatten hineingelegt, "damit's ein bisschen sauberer aussieht". Die gut 20 Spanplatten seien im Keller aufgestapelt gewesen, wobei die untersten durch die Feuchtigkeit etwas dunkler gewesen seien, als die obersten Holzplatten. Schwarz, wie eine Zeugin vergangene Woche geschildert hatte, seien die Holzplatten aber nicht gewesen, dessen war sich der frühere Schützenhaus-Besitzer sicher. "Wenn die Platten vermodert waren, hab ich sie weggeschmissen." Was vom Stapel noch übrig war, habe er beim Auszug 2007 einfach liegen lassen.

Auf die Frage des Vorsitzenden Richters, Gerhard Amend, ob es denn im Keller überhaupt Ratten gegeben habe, antwortete der ehemalige Eigentümer: "Leider ja!" Als Gegenmittel habe er Gift gestreut. "Eine Ratte habe ich tot im Keller liegen sehen, eine weitere in der Garage." Einmal sei sogar eine Ratte in ein Gefäß gefallen, in dem altes Friteusenfett entsorgt wurde. Gerhard Amend standen bei dieser Schilderung des Zeugen sprichwörtlich die Haare zu Berge: "Ich war früher oft im Alten Schützenhaus", erinnerte er sich. "Wenn ich das gewusst hätte..."

Auch wenn die Erinnerungen des Zeugen durchaus plausibel klangen, schien der Richter leichte Zweifel zu hegen, ob bei dessen Aussage nicht Ulrich S.' Ex-Frau ihre Finger im Spiel hatte. "Haben Sie mal mit ihr gesprochen?", wollte Amend ganz direkt wissen. "Oder wie kommen Sie dazu, das jetzt zu erzählen?" Die lapidare Antwort des Zeugen: "Weil die Platten drin lagen." Mit Eva-Maria S. will er aber nicht gesprochen haben.


Auch auf Holz gefeuert

Spanplatten hin oder her, Axel Manthei hatte vorsorglich auch damit entsprechende Schussversuche unternommen. Aus neun und aus fünf Metern Entfernung feuerte er auf eine 90 Millimeter starke Bodenverlegeplatte. Bei neun Metern Abstand sei die Platte an der Oberfläche aufgerissen gewesen, aus fünf Metern Entfernung hätten die Kugeln das gepresste Holz durchschlagen, führte Manthei aus.

Auch die Lautstärke der Schüsse hat der Gutachter überprüft, denn Ulrich S. will bei der Rattenjagd keinen Hörschutz getragen haben. Als Manthei im Keller - selbstverständlich mit Kopfhörern ausgerüstet - die Schüsse abgegeben hat, habe die draußen versammelte Presse angesichts der Lautstärke "einen Satz nach hinten" gemacht, berichtete der Gutachter. Manthei: "Ich würde nicht ohne Kopfhörer da unten schießen. Das ist heftig! Da pfeifen einem die Ohren."


Missverständlich formuliert

Kuriose Szene am Rande: Ulrich S.' Verteidiger, Hans-Heinrich Eidt, bot am Dienstag an, selbst in den Zeugenstand zu treten und einen Punkt richtig zu stellen, den er in seinem ersten Schriftsatz missverständlich formuliert hatte.

Darin hieß es sinngemäß "Ulrich S. schlug mit der Waffe auf dem Boden auf". Rechtsmediziner Stephan Seidl war deshalb zu Beginn des Prozesses irrtümlich davon ausgegangen, dass Ulrich S. beim tödlichen Schuss auf seine Frau am Boden gelegen hatte. Was Eidt aber eigentlich ausdrücken wollte, war, dass die Waffe auf dem Boden aufschlug. Um dies richtig zu stellen, bot er sich als Zeuge an. In diesem Fall hätte allerdings erst ein zweiter Verteidiger bestellt werden müssen, weil Ulrich S. sonst ohne anwaltlichen Beistand gewesen wäre.
Oberstaatsanwältin Ursula Haderlein verzichtete darauf, Eidt als Zeugen zu hören, denn: "Am Mittwoch wird plädiert, da kann jeder sagen, was er will."


Urteil am Donnerstag?

Am Mittwoch, 14. August, um 15 Uhr werden Verteidigung und Staatsanwaltschaft aller Voraussicht nach plädieren. Ob gleich danach das Urteil fallen wird, ist noch offen. Wahrscheinlicher ist aber, dass es am Donnerstag, 15. August, um 8.15 Uhr gesprochen wird.