Nein, wegen einem Haus werden keine Schulden aufgenommen. Dieser Satz war bei der Familie Pohl Gesetz. Dadurch ist Hannelore Pohl zu einer der langjährigsten Mieterinnen der gemeinnützigen Wohnungsbaugenossenschaft Neustadt (GWG) geworden. 1960 zog sie in ein Genossenschaftshaus in der Mühlenstraße, 1976 dann gemeinsam mit ihrem Mann in den Mehrfamilienblock in der Sudetenstraße. Nach der jetzt abgeschlossenen Modernisierung des Gebäudes freut sie sich ganz besonders über ihren neuen Balkon: "Der ist größer und schicker als der alte Balkon."

Dabei ist die Optik gar nicht mal der entscheidende Faktor. Zumindest nicht für Bernd Heinrich, den technischen Leiter bei der GWG. Der hat im vergangenen Jahr die großen Modernisierungsprojekte am Kalmusrangen sowie in der Sudetenstraße geleitet und hat eher die Wirtschaftlichkeit im Blick. Und da wiederum spielen die Balkone dann doch wieder eine Rolle, denn sie wurden vom Gebäude entkoppelt und stellen nun keine Kältebrücke mehr dar, über die teure Heizenergie verloren geht.

Dazu noch das 16 Zentimeter dicke Wärmeverbundsystem, neue Fenster, eine Optimierung der Heizanlage und Photovoltaikanlagen für die Dächer - jetzt sind die Ende der 60er Jahre entstandenen Wohnblocks in der Sudetenstraße energetisch wieder auf dem Stand der Zeit.

"Naja, sogar mehr als das", sagt Heinrich und verweist auf zinsgünstigen Darlehen und Zuschüsse der KfW-Förderbank. Die gibt es nämlich nur, wenn Bauherren bei energetischen Sanierungen weit über die staatlichen Mindestanforderungen hinaus gehen. Wie weit die GWG bei ihren rund 1,6 Millionen Euro teuren Modernisierungen im vergangenen Jahr hinausgegangen ist, macht den Genossenschafts-Geschäftsführer Josef Gerstl noch heute ganz hibbelig vor Begeisterung. Gerstl hat sich extra von Jörg Wicklein, dem Energieberater der Neustadter Stadtwerke, den Wert berechnen und bestätigen lassen: "Wir sparen damit im Vergleich zum Alt-Zustand rund 96 Prozent des Kohlendioxid-Ausstoßes ein."

So ein Haus braucht seine Zeit

Welche Technik vom Keller bis zum Dach diese Vorteile erwirtschaftet, werden den Mietern wie Hannelore Pohl am Ende egal sein. Für die 80-Jährige zählt: "Ich merke schon, dass ich weniger heizen muss." Bei der GWG geht man davon aus, dass die Heizkosten pro Quadratmeter Wohnfläche von etwa 30 Cent pro Quadratmeter Wohnfläche und Monat sinken werden. Damit wird zumindest ein Teil der Mieterhöhung von 1,20 Euro pro Quadratmeter ausgeglichen, die die Wohnungsbaugenossenschaft nach der Modernisierung festgelegt hat. Das sei halt immer ein Spagat, sagt GWG-Chef Gerstl: "Einerseits müssen wir die Gebäude wirtschaftlich betreiben, andererseits wollen wir sozialverträgliche Mieten gewährleisten."

Bernd Heinrich empfiehlt den Mietern, ihren frisch sanierten Gebäuden noch ein bisschen Zeit bis zu einem endgültigen Urteil zu geben. "Drei bis vier Jahre", sagt der GWG-Technikchef, braucht es, bis ein großer Wohnblock nach einer Modernisierung wieder sein Gleichgewicht gefunden hat. Heinrich ist aber schon überzeugt davon, dass die Mieter nicht nur im Winter, sondern auch im Sommer von der Wärmedämmung profitieren werden. "Es wird da bestimmt nicht mehr so warm in den Wohnungen."

Die großen Bauprojekte im vergangenen Jahr haben Projektleiter Bernd Heinrich einiges an Nerven gekostet. Denn auch die Wohnungsbaugenossenschaft ist nicht von corona-bedingten Chaos in der Baubranche verschont geblieben. "50 Prozent Preisaufschlag bei den Eisenteilen für die Bewehrung der Balkonfundamente" - das ist nur ein Beispiel, das der technische Leiter aufführt. Eigentlich seien die Engpässe quer durch alle Baumaterialien gegangenen, sagt Heinrich. Warum es dennoch geklappt, zumindest die Arbeiten an den Gebäuden vor dem Winter fertigzubringen, schreibt Bernd Heinrich auch einer Maxime zu, die sich die GWG quasi als Gesetz selbst gegeben hat. Josef Gerstl erklärt: "Wir versuchen, soweit es technisch möglich ist, mit Firmen aus der Region zusammenzuarbeiten." Der Vorteil der kurzen Wege habe dazu geführt, dass man selbst bei schwierigen Marktlagen immer eine Lösung gefunden habe.

Was für heuer alles geplant ist

Für 2022, dem Jahr ihres 100-jährigen Bestehens, hat die GWG ihren Aufgabenzettel schon ausgefüllt: Das Hochhaus in der Schlesischen Straße bekommt überdachte Stellplätze, dazu stehen an mehreren Gebäuden am Kalmusrangen umfangreiche Sanierungen an. Profitieren davon werden 28 Wohnungen.