Pluto, der Herr der Unterwelt, will jetzt endlich seine Geliebte Eurydike zu sich holen und beißt sie in den Hals. Was nicht weiter schlimm ist, weil Eurydike ihren langweiligen Orpheus, Geiger und Musiklehrer, ohnehin längst satt hatte. Der findet die Nymphe Chloé auch reizvoller, aber diese blöde Öffentliche Meinung besteht darauf, er müsse seine rechtmäßige Gattin zurückfordern. Also hopp, hoch zum Chef, Jupiter, der soll das regeln.
Dem kommt der Fall gerade recht. Er zieht mit der gesamten Götterschar - die über den Ausflug aus der ehrbaren himmlischen Langeweile in die turbulente Unterwelt sehr erfreut ist - ins Höllenreich, um Eurydike zu holen, allerdings für sich selbst. Pluto hat unterdessen Eurydike bei seinem betrunkenen Diener Hans Styx versteckt. Zur Ablenkung gibt er ein Höllenfest, bei dem Jupiters freundliches Menuett zum infernalischen Cancan ausartet.

So etwas muss man doch erzählen. Diese etwas andere Variante der beliebten mythologischen Geschichte hat Jacques Offenbach (1819 - 1880) nach dem frechen Libretto von Hector Crémieux und Ludovic Halévy geschaffen. Seine Satire, der doppelmoralinen Pariser Gesellschaft 1858 erstmals vorgeführt, wurde zu einem sensationellen Erfolg; die feine Gesellschaft des Kaiserreiches, die es gleichzeitig sehr munter trieb, lachte sich schlapp, samt Kaiser Napoleon III., der sich in Jupiter wiedererkennen musste. Humor hatte man hier offenbar Mitte des 19. Jahrhunderts, wobei die so belichtete Story weitgehend zeitlos sein dürfte.
Das sieht man auch am Landestheater Coburg so, wo Offenbachs musikalischer Spaß am Samstag Premiere hat in der Regie von Ansgar Weigner. War es 2014 noch Glucks anrührende Variante, sehr reizvoll kombiniert mit der modernen Fassung "Savitri" von Gustav Holst, so will der Gastregisseur das Coburger Publikum mit dieser Produktion so "richtig amüsieren".
Obwohl der deutsch-französische Komponist als Begründer der modernen Operette gilt, werden seine Werke nicht als solche bezeichnet, sind sie doch gesellschaftspolitisch satirischer als uns von der Wiener Operette her vertraut. "Man könnte Offfenbachs Stücke fast Kabarett nennen", sagt Ansgar Weigner, Karl Kraus nannte sie ob ihrer Typik und Einmaligkeit "Offenbachiaden".
Der aus Ingelheim am Rhein stammende Gastregisseur hat viel Erfahrung mit der leichten Muse; in Coburg inszeniert er zum ersten Mal. Dass das gesamte Ensemble hier, allen voran der Chor, so spielfreudig und vielseitig ist, begeistert ihn. "Operette wird immer unterschätzt. Sie fordert sehr viel von den Darstellern, die nicht nur singen, sondern auch gut sprechen und oft genug auch tanzen können müssen. Dabei gibt es bei uns in der Ausbildung keine speziellen Operettenstudios." Doch mit dem Coburger Ensemble, da sei viel machbar.
Weigner hat den mythologischen Stoff nicht angetastet, braucht er auch nicht, um das Doppelbödige, Hintergründige aufzuzeigen. Er und sein Ausstatter Kristopher Kempf wollen sich fantasievoll-frei und opulent austoben, was die Götterwelt anbelangt. Die Hölle, die wird konkreter zur heutigen Konsumhölle.


Wie das zu laufen hat

Pluto sei ein moderner Lobbyist, der aus zweiter Reihe heraus den Machthabenden erklärt, wie sie Gesetze gestalten müssen, damit die Wirtschaft läuft. Auch Ausstatter Kempf stammt übrigens aus Ingelheim, lebte drei Straßen weiter, erzählt Weigner lachend. Begegnet sind sich die beiden aber erst in Chemnitz...
Die ursprüngliche kurze Fassung von "Orpheus in der Unterwelt" mit 90 Minuten Länge hatte Offenbach ja 1874 auf vier Stunden ausgedehnt, mit dann 30 statt der ursprünglich 16 Musiknummern und zahlreichen Balletteinlagen. Aber nein, das tut man heute keinem an; am Landestheater wird das Philharmonische Orchester unter Leitung von Alexander Merzyn eine gut zweistündige Version spielen. Und damit der Wortwitz auch rüber kommt, wird es deutsche Übertitel geben, obwohl ohnehin komplett in deutscher Fassung gesungen wird.

Der Komponist Jacques Offenbach, 1819 in Köln als Jakob Offenbach geboren und 1880 als Franzose in Paris gestorben, lebte unter zwei Königen, zwei Republiken und einem Kaiser, war Zeuge von drei Revolutionen, und eine der schillerndsten Persönlichkeiten seiner Zeit. Er war der Erfinder eines auf das Tagesgeschehen reagierenden Musiktheaters. Mit seinen über 140 Bühnenwerken war er einer der meistgespielten Komponisten. Als Komponist, Regisseur und Theaterdirektor schrieb er sich nicht nur in die französische Theatergeschichte ein.

Der Regisseur Ansgar Weigner studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Germanistik in Bonn. Zahlreiche Hospitanzen und Assistenzen führten ihn an die Semperoper Dresden, das Saarländische Staatstheater Saarbrücken, das Badische Staatstheater Karlsruhe sowie die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf. Von 2004 bis 2007 war Ansgar Weigner als Regieassistent und Abendspielleiter am Hessischen Staatstheater Wiesbaden engagiert. Seither inszeniert er als freier Regisseur.

Die Produktion Landestheater Coburg "Orpheus in der Unterwelt". Operette von Jacques Offenbach. Musikalische Leitung Alexander Merzyn, Inszenierung Ansgar Weigner, Bühnenbild und Kostüme Kristopher Kempf, Choreografie Tara Yipp, Choreinstudierung Lorenzo Da Rio.

Darsteller: David Zimmer (Orpheus), Ana Cvetkovic-Stojnic (Eurydike), Gabriela Künzler (Die öffentliche Meinung), Dirk Mestmacher (Pluto/Aristeus), Thorsten Köhler (John Styx ), Salomón Zulic del Canto (Jupiter), Kora Pavelic (Juno), Emily Lorini (Venus), Julia Da Rio (Cupido), Anna Gütter (Diana), Sascha Mai (Merkur). Chor, Ballett und Philharmonisches Orchester des Landestheaters Coburg.

Premiere: am Samstag, 29. Oktober, 19.30 Uhr im Großes Haus.