Kommen Sie mir jetzt bloß nicht mit der Frage, ob das denn "Kunst" sei. Wieso soll ich das entscheiden? Der Kunst-Betrieb meint ja bei diesem Tausendsassa Ulrich Klieber, Professor auf Burg Giebichenstein, Hochschule für Kunst und Design Halle, Gastprofessor in aller Welt usw. Einfach strukturierte Betrachter wie ich neigen bei mancher Kritzelei, bei manchem der hingeworfenen Aquarelle eher zu nein, denken, der traut sich was, der Kerl.
Aber eines muss ich nach dem Besuch der neuen großen Ausstellung im Coburger Kunstverein sagen: Kliebers gezeichnete, gemalte, geschmierte, collagierte, zusammengepuzzelte Welt geht mir nach.

In Coburg zeigt er eine reiche Folge aus seinem gemalten Tagebuch, Bilder, die in zwölf Jahren über ihn kamen, wenn er in seinem Murnauer Wohnzimmer saß und sitzt und aus dem Fenster schaut. Da ist nichts geschickt arrangiert, allenfalls mal etwas weggelassen.
Und so streifen unsere Blicke streng chronologisch durch Sommer und Winter, vorbei an schwarzen Fichten und weißen Schneeflocken, die genauso erfasst sind, wie Kinder sie ohne jede weitere Umstände mit Farbe und Stift darstellen. Klieber pinselt und kratzt seine unverbrämten Eindrücke in schwarze Acrylgründe.

Keine "malerische Malerei"

Lässt man sich darauf ein, öffnen sich vielerlei Bezüge, ob intellektuell willentlich vom Künstler konstruiert oder nicht, dazu mit vielen Zitaten aus den Büchern, die Klieber gerade liest, noch weiter in imaginäre Geisteswelten geschickt.

Und dann beginnt man in manchem (scheinbar?) lapidaren Geraffel zu suchen nach den plötzlich auftauchenden, mit wenigen Strichen genial erfassten, kleinen und großen Charakterisierungen, den unter glühender Hitze hungernden Hunden in Hanoi etwa, wo Klieber immer wieder gelehrt hat. Von seinen Reisen hat er vor Eindrücken überströmende, unkanalisierte Reiseskizzen mitgebracht. Die zuhause nicht zu wohlstrukturierten und austarierten Gemälden weiter verarbeitet werden. Die aber dann, und das ist die zweite Ebene dieser Ausstellung, zusammengefügt sind zu großen, unregelmäßig ausgreifenden Bildwänden. Richtig "malerische Malerei", die macht der Professor übrigens schon auch, ist ja gut. In der Coburger Ausstellung geht es aber jetzt um anderes.

Kliebers politische und gesellschaftskritische Verweise in den Vietnam- und Kuba-Bildern wird man ohne Erläuterung allenfalls in Ansätzen wahrnehmen. Aber seine comichaft überspringenden, nicht fotografischen, sondern gemalten und gezeichneten "Knipsereien" der Realität fügen sich atmosphärisch zusammen, gerade weil Klieber offensichtlich meist nicht den Willen hat, einen Moment, eine Szene, ein Sinn-Bild bis ins letzte auskomponiert festzuhalten.

Klieber hat Jahrzehnte erprobte Routine darin, sich dem Fluss der Eindrücke und Gedanken zu überlassen und sie - offensichtlich unter Ausschaltung oder zumindest Verdrängung unserer gelernten, aufoktroyierten Erklärungsschemata - auf Papier und Malgrund fließen zu lassen.

Will er da "Kunst machen"? Er will offensichtlich vor allem heutiges Da-Sein, Wirklichkeit erfassen, die er allenfalls indirekt kanalisiert, nicht ordnet. Er lässt die Sinneseindrücke und rasenden Gedanken im Fragmentarischen, chaotischen Durcheinander, dem sich gerade der heutige Mensch mehr und mehr ausgesetzt sieht, erkennend, dass jedes unserer erlernten Deutungsmuster nur ein Krückstock ist auf dem Weg der Erkenntnis, auf den uns blöderweise irgendetwas treibt. - Das ist Ihnen zu wenig? Zu viel? Na bitteschön. Und manches von dem, was Ulrich Klieber tut, können Sie auch? - Dann machen Sie doch!

Der Künstler, geboren 1953 in Göppingen, arbeitet Ulrich Klieber als Maler, Zeichner, Grafiker, Keramiker, Kunstpädagoge und Hochschullehrer. Von 2003 bis 2010 war er Rektor der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. Klieber hat an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart Malerei und Kunsterziehung sowie von 1974 bis 1977 Kunstgeschichte an der Universität Stuttgart studiert. An das Staatsexamen schloss sich ein Malerei-Studium am Royal College of Art in London bei John Golding und Paul Huxley an. Nach einigen Jahren im Lehramt war Klieber von 1985 bis 1995 als freischaffender Künstler tätig. 1996 wurde er an der Burg Giebichenstein auf eine Professur für Bildnerische Grundlagen im Fachbereich Kunst berufen. Gastprofessuren führten ihn an die University of Industrial Design in Hanoi/ Viet nam und an die Tianjin Academy of Fine Arts in China. Klieber lebt und arbeitet in Halle (Saale), Adelberg und Murnau.

Die Ausstellung Ulrich Klieber - Kontraste. Malerei. Kunstverein Coburg. Eröffnung heute um 16 Uhr. Statt einer Einführung wird Ulrich Klieber kurze Geschichten aus seinem Buch "On the road again" vorlesen. Musikalische Umrahmung: Christian Reissinger, Klavier. Bis 5. Oktober.