Liebe Handballfreunde, die Weltmeisterschaft in Ägypten ist ein paar Tage alt, und trotz der komplizierten Rahmenbedingungen, freut es mich schon, so viel Handball schauen zu können. Am Wochenende habe ich vier Spiele im Fernsehen beziehungsweise im Livestream gesehen und hätte mit Deutschland gegen Kap Verde natürlich gerne ein fünftes geschaut. Die Spielabsage war aber vollkommen richtig. Nun hoffe ich, dass keine weiteren Ausfälle dazukommen, denn sonst läuft man Gefahr, dass die sportliche Wertigkeit des Turniers auf der Strecke bleibt. Richtungweisend werden die nächsten Tage, dann wird man sehen, ob die Hygienekonzepte in der sogenannten "Bubble" vor Ort greifen oder nicht. Denn die Corona-Infektionen, die es bisher gab, sind offensichtlich von außen hereingetragen beziehungsweise mitgebracht worden.

Das ausgefallene Spiel gegen Kap Verde fehlt der neu formierten deutschen Mannschaft natürlich als Wettkampftest, ist aber in meinen Augen zu verschmerzen. Bei einem Spiel sind sieben Mann auf dem Platz und einer Belastung ausgesetzt, die restlichen Spieler sitzen auf der Bank. Jetzt konnte Alfred Gislason stattdessen mit seiner kompletten Mannschaft trainieren und die Belastung ausgewogen steuern. Und da wir eine sehr ausgeglichene Truppe haben, ist das Mannschaftstraining immer auf höchstem Level.

Bei all den potenziellen Ablenkungen rund um das Coronavirus wird Alfred von seiner Mannschaft immer wieder einfordern, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Es ist aber gleichzeitig auch ganz wichtig, dass dem Trainer der Rücken frei gehalten wird und eine gute Arbeitsteilung vorhanden ist. So weit ich das beurteilen kann, ist das beim Deutschen Handballbund mit Sportdirektor Axel Kromer und Teammanager Oliver Roggisch der Fall. Beide kümmern sich vor allem um die entsprechenden Schutz- und Hygienemaßnahmen.

Als ehemaliger Trainerkollege kenne ich Alfred Gislason ganz gut. Er zieht Spieler mit seiner natürlichen Autorität, ganz viel Ruhe und totaler Überzeugung, von dem was er tut, in seinen Bann. Er kennt aufgrund seiner jahrelangen Erfahrung und unzähligen Titelgewinne alle großen Stars. Und sein Handling dieser großen Spielerpersönlichkeiten ist einfach extrem gut. Er bringt seinen erfahrenen Spielern viel Vertrauen entgegen und findet eine gute Balance zwischen taktischen Vorgaben und Freiräumen. Wenn es aber drauf ankommt, ist Alfred selbst da und nimmt die Zügel in die Hand. Das werden wir in Stresssituationen, die es bislang für das deutsche Team noch nicht gab, beobachten können. Vielleicht ja bereits am Dienstag im letzten Gruppenspiel. Ungarn wird uns vor allem in der Deckung fordern. Zuallererst mit ihrem gefährlichen Konterspiel, dem wir mit einem hervorragenden Rückzug begegnen müssen. Aber auch im Positionsangriff wird Ungarn versuchen, mit einfachen Toren aus der zweiten Reihe, zum Beispiel durch Linkshänder Gabor Ancsin, oder kluges Spiel über den Kreis erfolgreich zu sein.

Kommen wir zu einem anderen isländischen Coach: Gislasons Vorvorgänger, Dagur Sigurdsson, hat 2017, ein Jahr nach dem EM-Triumph mit Deutschland, eine neue Herausforderung als japanischer Nationaltrainer angenommen. Als der Wechsel damals publik geworden war, waren die Erwartungen groß und die Ergebnisse zunächst noch nicht gut. Jetzt hat er mit seinen Japanern für die aus meiner Sicht bislang größte Überraschung bei der WM gesorgt. Das 29:29 gegen Kroatien war ein Ausrufezeichen, mit dem wohl im Vorfeld kaum jemand gerechnet hatte. Das zeigt, dass man als Trainer oftmals einfach eine gewisse Zeit braucht, um eine Mannschaft zu entwickeln.

Jan Gorr ist seit 2013 beim HSC 2000 Coburg - sieben Jahre als Trainer, seit 2020 als Geschäftsführer. Während der WM in Ägypten schreibt der ehemalige Co-Trainer der DHB-Auswahl exklusiv für diese Zeitung.