Eine Herausforderung. Für die Choreografin wie für das Publikum. Trotz Unverständnis an mancher Stelle und ungelöster moralischer Zwickmühle spendete das Publikum nach der Premiere von "A Clockwork Orange" am Samstag in der Reithalle anhaltenden Applaus. Verdienter Maßen. Doch nach Verlassen der Reithalle rattert und dreht es sich im Kopf und im Gefühlshaushalt wie im orange-farbenen Räderwerk von Udo Herbsters Bühnenraum. So etwas darf Theater tun, soll es sogar. Da hat Tara Yipp ihr Ziel erreicht. Doch in einigen Feldern bleibt die Situation auch unbefriedigend.

Anthony Burgess 1962 veröffentlichter radikaler Roman sprach sich provokant dafür aus, die Wahlfreiheit des Menschen auch für das Böse über das Ordnungs- und Schutzbedürfnis der Gesellschaft zu stellen. Der übermächtige (Überwachungs-)Staat bedroht das Individuum mehr als alles andere, sagte er. Was womöglich heute erst Recht gilt. Aber wo und wie sollte die Bösartigkeit des Individuums gestoppt werden?

Vielleicht ist die radikal brutale, gesellschaftspolitisch-philosophische Geschichte von Burgess von vorne herein zu übermächtig, zu übervoll für das Medium Tanz. Zumindest wenn Tara Yipp versucht, tatsächlich die actionreiche Handlung zu erzählen, die gleichzeitig durch weite gesellschaftliche und individuell moralische Felder pflügt.

Yipp beschränkt/konzentriert sich nicht darauf, einzelne (Seelen-)Bilder herauszugreifen und auszuloten. Wobei sie sehr wohl einige wunderbare, aus eigenständig typisierender Bewegung entstehende Charakterisierungen geschaffen hat. Die Frau des Schriftstellers (Eun Kyung Chung) etwa, die von Alex und seiner Bande vergewaltigt und ermordet wird, die heuchlerischen Eltern und das zynisch-eiskalte Team Arzt und Krankenschwester (prägnant dargestellt von Mireia Martinez Pineda und Mariusz Czochrowski).


Viel Ungelöstes

Vorf allem hat sie auch die Hauptfigur vielseitig gezeichnet, diesen unter Beethovens Neunter abhebenden, gleichzeitig bewusst und in aller Entscheidungsfreiheit auf pure Zerstörung ausziehenden Alex. Wie Tara Yipp Federico Frigo, einer unbegreiflichen Macht hingegeben, aufzucken lässt, unter jener mit der Orange symbolisierten Naturgewalt. Wie Frigo die nicht minder grausame psychiatrische Behandlung erleidet, die ihn nur äußerlich zum guten Bürger macht, weil schon der bloße Gedanke an Gewalt oder Sex körperliche Schmerzen auslöst. Wie er so ins gesellschaftliche Uhrwerk eingepasst wird.

Unweigerlich aber kommt Yipps knapp anderthalb-stündiges Tanzstück mit dem Erzählen in Verzug, tanzt hinter Burgess her. - Sollte man versuchen, Burgess und Stanley Kubricks aggressive Verfilmung gänzlich auszublenden? Dann versteht man das Stück nicht.

Schauspieler Frederik Leberle bringt zwar sehr eindrucksvoll einige Schlüsseltexte aus dem Roman, womit auch die skurrile Fantasie-Sprache von Burgess, die er den jungen Kriminellen in den Mund gelegt hat, präsent wird. Doch bleibt im abgekürzten Ende noch mehr Ungelöstheit, als bei Burgess. Dass sich Alex trotz moralischer Uneinsichtigkeit irgendwann doch nach Familie und Harmonie sehnt, wird durch den Auftritt des kleinen Jungen angedeutet. (Verblüffend Thomas von Rensburg, der mit Clara Geuß alternieren wird.) Am Ende wird Alex wieder in die Jacke der Gewalt gesteckt, nachdem er postwendend selbst zum Gewaltopfer geworden war. Aber wie steht er da? - Ja, verdammt, was denn nun?

In düsterer Maschinen- und Technik-Atmosphäre von Nine Inch Nails und anderen, neben denen auch Beethovens "Freude schöner Götterfunken" einen gewalttätigen Zug erlangt, hat Tara Yipp in Udo Herbsters durch kalte Fenster geöffneten, dunklen Raum eindrucksvolle Bewegungsbilder geschaffen. Sie hatte den Mut, sich herausfordern zu lassen durch einen verstörenden Stoff. - Brauche ich noch zu sagen, dass man sich diese Produktion unbedingt ansehen muss?

Die Produktion Landestheater Coburg "A Clockwork Orange" - Ballettabend von Tara Yipp nach dem Roman von Anthony Burgess. Choreografie Tara Yipp, Bühnenbild und Kostüme Udo Herbster, Dramaturgie Renate Liedtke. Darsteller: Federico Frigo, Po-Sheng Yeh, Takashi Yamamoto, Frederik Leberle, Eun Kyung Chung, Mireia Martinez Pineda, Mariusz Czochrowski, Natalie Holzinger, Chih-Lin Chan, Yuriya Nakahata, Jaume Costa i Guerrero

Weitere Termine 14., 15., 30. Juni, 20 Uhr in der Reithalle.