Von hier oben kann man den Blick wunderbar in die Ferne schweifen lassen. Auch das tut manchmal einfach gut. Die meisten Menschen, von denen dieser besondere Ort unterhalb des Bismarckturms aufgesucht wird, sehen aber noch viel mehr als nur die Veste auf dem Berg gegenüber oder die weite Landschaft in Richtung Thüringen. Sie blicken hier oben auf ihr Leben - und auf das Leben, das einem Kind nicht mehr vergönnt war.

Der Regenbogenwald ist ein Ort zum Innehalten und zum Nachdenken. Er ist aber auch ein Ort der Hoffnung. Gerade jetzt, da die Natur im Dezember etwas trister wirkt, drängt sich die Symbolik des Lebens besonders auf. Denn spätestens im kommenden Frühjahr wird es hier wieder überall blühen. Die tröstliche Botschaft, die dahinter steckt: Das Leben geht immer weiter - und: Es gibt auch ein Leben nach dem Tod.

Weil der Regenbogen als Verbindung von Erde und Himmel gilt, kamen die Initiatoren dieses besonderen Orts einst auf die Idee, ihn Regenbogenwald zu nennen. 20 Jahre ist das mittlerweile her. Die dafür verantwortlichen Selbsthilfegruppe Verwaiste Eltern gibt es sogar schon seit 27 Jahren. Helga Knirsch ist von Anfang an dabei. "Wir können die Trauer nicht beschleunigen oder verhindern", sagt sie im Gespräch mit dem Tageblatt, "doch wir können zuhören, wenn es trauernde Eltern möchten." Gemeinsam, so der Leitgedanke der Selbsthilfegruppe, soll versucht werden, neue Wege zu gehen. "Unser Ziel ist es, dem Leben wieder einen Sinn zu geben, ohne dabei unsere Kinder zu vergessen."

Die Selbsthilfegruppe Verwaiste Eltern hat bereits vielen Menschen in ihrer Trauer geholfen. Inwieweit fällt es manchen Menschen aber auch schwer, diese Möglichkeit der Hilfe anzunehmen?

Helga Knirsch: Die Hemmschwelle ist natürlich groß, doch mit viel Empathie versuchen wir den Trauernden die Angst zu nehmen. An erster Stelle steht menschliche Nähe, gespürte Verbundenheit, Geborgenheit und Vertrauen. Wir hatten auch schon Gruppen in denen erwachsene Töchter ihre Mütter begleitet haben. Geschwister werden oft in der Trauer vergessen und das Angebot für Geschwistergruppen ist gering. Wir haben auch viele Ehepaare bei uns. Darüber sind wir froh, denn in der Regel kommen meistens nur Mütter. Wir haben auch von Anfang an Eltern, die einen weiten Weg auf sich nehmen - so aus Thüringen, Kronach, Lichtenfels oder Bamberg.

Seit 20 Jahren gibt es den Regenbogenwald am Bismarckturm. Wie kam es dazu, dass dieser besondere Ort entstehen konnte?

Von der Idee bis zur ersten Baumpflanzung hat es sieben Jahre gedauert. Als unser Sohn plötzlich mit 21 Jahren verstarb, pflanzten wir eine Trauerweide und einen Haselnussbaum in unseren Garten. Als wir in der Gruppe darüber sprachen, kam ein Wunsch auf: Es müsste auch für Eltern, die kein eigenes Grundstück haben, die Möglichkeit geben, einen Baum zu pflanzen. Die Stadt hat uns daraufhin die Fläche neben dem Hochzeitswald am Himmelsacker zur Verfügung gestellt. Es war damals übrigens die erste Baumpflanzung dieser Art für verstorbene Kinder in ganz Deutschland. Inzwischen haben viele Gruppen diese Idee übernommen - zum Beispiel in Erfurt, Erlangen und auch Norddeutschland.

Wie kam es zu dem Namen?

Die Namenssuche erwies sich anfangs als schwierig. Endlich kamen wir auf "Regenbogenwald". Seitdem sind viele unserer Projekte dem Regenbogen gewidmet. Der Name drückt die Hoffnung aus, die wir haben. Der Regenbogen ist die Verbindung von Erde und Himmel.

Wie oft sind Sie oder auch die anderen Mitglieder der Selbsthilfegruppe im Regenbogenwald?

Wir sind von Anfang an sehr oft an diesem schönen Fleckchen Erde gewesen. Mindestens ein Mal im Jahr veranstalten wir ein Picknick. Manchmal lassen wir auch Luftballons steigen. Ich kenne eine Familie, die viele Jahre lang jeden Sonntag bei ihrem Baum war. In der Gruppe haben wir uns auch schon zu bestimmten Gedenktagen hier getroffen.

Können Sie und auch die anderen Mitglieder der Selbsthilfegruppe im Regenbogenwald Trost finden? Und inwieweit spielen bei der Trauerarbeit auch die anderen Hilfestellungen der Selbsthilfegruppe eine Rolle?

Ja, es ist ein großer Trost für trauernde Eltern, Großeltern und Geschwister, dass es einen Platz gibt, an dem sie ihren lieben Verstorbenen nahe sein können. Außerdem tut es gut, irgend etwas tun zu können.

In all den Jahren war es uns immer ein Bedürfnis, kreative Elemente in unsere Gruppenarbeit einfließen zu lassen. Es wurde schon gemalt, gebastelt und getöpfert. Entstanden sind dabei unter anderem die Seelenbilder. Eine wichtige Rolle in der Trauer spielen außerdem Rituale - dazu gehört auch ein bestimmter Ablauf an unseren Gruppenabenden. Wir zünden große Kerzen, die mit den Namen der verstorbenen Kinder versehen sind. Besonders an den Geburts- oder Todestagen werden diese Kinder dann - wie auch alle anderen - in unsere gestaltete Mitte genommen.

Empfinden Sie den Regenbogenwald eher als einen stillen Ort des Gedenkens oder darf und soll hier auch gelacht werden?

Als stillen Ort des Gedenkens würde ich den Friedhof und den Friedwald sehen. Der Regenbogenwald symbolisiert die Hoffnung, dass es irgendwo hinter dem Regenbogen weiter geht. Wir sind unseren Kindern hier sehr nahe. Es wird gelacht, gesungen, Gitarre gespielt - und ausgetauscht. Das schafft ein Zusammengehörigkeitsgefühl.

Oft haben wir uns von hier oben auch gemeinsam das Feuerwerk beim Vogelschießen angeschaut. Und viele Gedanken und Wünsche sind von hier zu unseren Kinder aufgestiegen.

Wer ein Kind verloren hat, sich aber nicht zu einer Selbsthilfegruppe traut: Welchen Rat können Sie geben, es trotzdem zu tun? Oder gibt es noch andere Möglichkeiten, die Trauer zu verarbeiten?

Unsere Gesellschaft ist sehr verschieden. Nicht jeder kann über sein Leid reden. Besonders wenn es um Suizid geht. Oft wurde ich von Menschen angerufen, die nicht wussten, wie sie ihren Freunden helfen können. Andere Betroffene rufen schon nach drei Wochen an, suchen Hilfe und sind dankbar, dass sie diese bekommen. Viele Ehen gehen auch auseinander, weil die Ehepartner unterschiedlich trauern. Inzwischen gibt es auch Väterseminare, die von unseren Partnern mit gegründet wurden.

Es gibt kein richtig und falsch. Inzwischen gibt es viele Internetseiten oder gute Bücher, die helfen können. Auch ein Freund oder Freundin, die zuhören können ohne zu bewerten, sind hilfreich. Mir persönlich hat geholfen, in die Natur zu gehen und Menschen zu finden, die mich auf meinem Trauerweg begleiten, ohne aufdringlich zu sein.

Eine Selbsthilfegruppe und viele besondere Orte in Coburg

Hintergrund Die Selbsthilfegruppe Verwaiste Eltern Coburg

gibt es seit September 1993. Das Angebot ist vielfältig. Wer möchte, kann an Gruppentreffen teilnehmen oder Vorträge besuchen. Möglich ist auch eine telefonische oder schriftliche Beratung. Weil vielen die Gemeinschaft gut tut, werden gemeinsam auch Wanderungen oder kleine Ausflüge unternommen.

Besondere Orte In Coburg hat die Selbsthilfegruppe bereits zwei Regenbogenwälder geschaffen: unterhalb des Bismarckturms am Himmelsacker sowie am Falkenegg. Auf dem Friedhof am Glockenberg wurde beim Kleinkindergräberfeld ein Regenbogenwindrad aufgestellt. Ebenfalls am Friedhof gibt es sogenannte Seelenbilder, wie sie auch im Regenbogenwald am Bismarckturm stehen. Im Regenbogenwald am Falkenegg gibt es "Steine des Lebens". Zum Gedenken an die allerkleinsten verstorbenen Kinder steht auf dem Coburger Friedhof ein "Möbiusband" aus weißem Kalkstein.

Kontakt Die Gruppentreffen können derzeit nicht stattfinden. Infos gibt es online unter www.verwaiste-eltern-coburg.de