Das Vogelschießen auf dem Anger fällt auch heuer wieder aus. Das haben wir am Dienstag gemeldet. Dabei stimmt das nur zum Teil. Denn erstmals seit 1949 findet ein tatsächliches Vogelschießen auf der Veste Coburg statt. Beim Königsschießen am 24. und 25. Juli werden die Schützen versuchen einen Holzadler in 25 Meter Höhe - auf der Wehrmauer der Veste drapiert - mit der Armbrust abzuschießen.

Diese Tradition war längst in Vergessenheit geraten, und das, obwohl das Vogelschießen daher seinen Namen hat (siehe Infobox). Auf nahezu allen alten Stadtansichten sind die Stangen am Anger zu sehen, auf denen die Holzadler angebracht waren und abgeschossen wurden. "Die Soldaten sollten das Abschießen der feindlichen Wehrmänner auf den Burgen trainieren, deshalb wurde das Schießen nach oben alljährlich geübt", sagt Marcus Pilz, Kurator der Kunstsammlungen und auch zuständig für die historische Waffensammlung.

Eine Bildergalerie der Coburger Schützenkönige aus den vergangenen Jahrhunderten, die in den Archiven der Kunstsammlungen hängt, zeigt eine große Anzahl von stolzen Armbrustschützen mit Pfeilen und Bolzen. Zeitlich einzuordnen sind die vom 15. Jahrhundert bis zur Zeit nach dem 30-jährigen Krieg. "Coburger Armbrustschützen haben sogar in Böhmen im Hussittenkrieg gekämpft", weiß der Historiker. Herzog Albrecht (1680) war es dann, der in Coburg seine Mannen mit Gewehren ausstaffierte. Er pflegte einen außerordentliche Vorliebe für das Militär.

In der Schreinerei der Kunstsammlungen steht ein Original-Holzadler: doppelköpfig, mit Krone, Apfel und Zepter - angelehnt an den Reichsadler des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nationen, wie Pilz erklärt. Der Nachbau wird einfacher - ohne die Insignien - gestaltet. Restauratoren, Mitarbeiter der Waffenabteilung und die Schreiner sind seit rund acht Wochen mit dem Projekt beschäftigt. Der Adler wurde aufgezeichnet und die einzelnen Teile - etwa 30 Stück - ausgefräst. Noch liegen die Holzfragmente lose auf dem Tisch. Sie müssen jetzt am Korpus befestigt und angemalt werden. "Wir haben uns für eine naturgetreue Illustrierung entschieden", sagt Pilz.

Probeschüsse fielen

Ein Probeexemplar musste schon für eine Schießübung herhalten. "Das war schon etwas besonderes. Die Technik ist gar nicht so einfach, bis der Schuss sitzt. Aber der Bolzen, der mit der Armbrust abgeschossen wird, hat eine ganz schöne Wucht", beschreibt der Kurator sein Erlebnis. Ziel des Wettbewerbs ist es ja, den Adler komplett zu zerschießen. Kein Teil darf mehr übrig sein. Pilz geht davon aus, dass sowohl am Samstag als auch am Sonntag jeweils ein Holzadler die (Holz-)Federn lässt. "Einen machen wir noch als Reserve." Bis der Adler "tot" ist, braucht es etwa 50 bis 60 Schuss, schätzt Pilz.

Der Nachbau des Holzadlers ist eine Kooperation der Schützengesellschaft Coburg mit den Kunstsammlungen der Veste Coburg. "Wir wollen das Ganze ausprobieren, weil wir vielleicht bei der nächsten Zeitreise aus der Veste ein Armbrustschießen für Kinder anbieten wollen", sagt Pilz.

Die Überlegung, wie und wo der Adler auf der Veste zu befestigen ist, bereitete dem Kurotor einiges Kopfzerbrechen. Einen 25 Meter langen Stamm zu organisieren sei da eine, aber ihn auch auf die Veste zu bringen und dort sicher aufzustellen, das andere. Mit dem Anbringen des Adlers auf der Wehrmauer ist Pilz jetzt mehr als zufrieden. "Es entspricht dem eigentlichen Ziel. Passt also historisch wunderbar - und die Schützen haben einen direkten Blick zu Schloss Callenberg, wo ja das deutsche Schützenmuseum untergebracht ist."

Aus der Geschichte des Vogelschießens Der Anfang Bis zum 13. und 14. Jahrhundert bestanden die Streitkräfte meist aus der wehrpflichtigen Ritterschaft. Ab dann entstanden immer mehr Städte, die für ihre Verteidigung nur auf ihre Bürger zurückgreifen konnten.

Im Jahre 1354 übernahm Friedrich der Strenge, Markgraf von Meißen, die Herrschaft über Stadt und Land Coburg. Er bestellte im selben Jahre einen gewissen Kunz Ecker, als Schützen- und Waffenmeister der Veste Coburg.

Die Schützenordnung 1599 erließ Herzog Johann Casimir eine eigene Schützenordnung, die das jährliche Abhalten des Schützenfestes in insgesamt 26 Punkten regelte.

Der originellste Passus dieser Verordnung besagt abschließend:

"Welcher nach Inhalt dieser verfassten Ordnung der jährlichen Schützengesellschaft beiwohnen und den Vogel abschießen wird, derselbe soll von solcher Zeit an ein ganz Jahr über alle Beschwerungen und Auflagen, damit sonsten unsere Untertanen belegt, als: Wache, Frohn, Beth, Land- und Tranksteuer befreit und entnommen sein, jedoch dermaßen und Gestalt, sich solcher Befreiung ohne Gefährde zu erfreuen und nicht zu missbrauchen." Dies bedeutete die weitgehende Befreiung des Schützenkönigs von allen Abgaben, öffentlichen Verpflichtungen und Steuern. Da dies jedoch in den folgenden Jahren zu erheblichen Mißbräuchen ("allzu starken Wein- und Bierzapfens") führte, hob Herzog Johann Casimir im Jahre 1623 die "berührte Schützenfreiheit aus sonderbar bedenklichen Ursachen " wieder auf.

Neues Schützenhaus Bei dem ab 1600 in Coburg nun verstärkten Schützenbetrieb wurde das Schießhaus am Anger den Anforderungen nicht mehr gerecht. Herzog Johann Casimir ließ auf dem Gelände des heutigen Landestheaters am Schlossplatz ein neues Schützenhaus, die Stahlhütte errichten.

Bis zum Jahr 1637 (Pestepedemie) wurde das Schützenfest weiterhin jährlich abgehalten, nachher stellte man dies jedoch ein. Die Stahlhütte wurde zum Wirtshaus, die Schützengesellschaft bestand jedoch weiter.

Die erste Büchse Nach dem 30-jährigen Krieg fand das erste größere Schützenfest 1682 statt. Als Waffe wurde dabei nur die Büchse verwendet. 1690 gab Herzog Albrecht ein weiteres Büchsenschießen. Dies Schießordnung des Herzog Albrecht ist uns überliefert.

Im Jahr 1844 trat Herzog Ernst II. die Regierung an, in deren Zeit Coburg zu einem Zentrum der Erneuerung und Einigung des deutschen Volkes wurde ( Turner - Sänger - Schützen). Auch die Schützen gaben sich im Revolutionsjahr 1848 neue Statuten, die dem neuen Geist entsprachen. Dieses Vereinsgesetz wurde von Herzog Ernst II. gutgeheißen.

Neue Schießanlage 1903 wurde die neue Schließanlage und 1904 das Gesellschaftshaus auf dem von der Schützengesellschaft Coburg neu erworbenen Grundstück im Weichengereuth eingeweiht. Noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg war den Schützen durch die Alliierten verboten worden den Schießbetrieb wieder aufzunehmen. Dann war nur der Besitz von Armbrüsten erlaubt. Beim Vogelschießen 1949 lebte die Tradition des "Vogelschioeßens" wieder auf. Erst 1951 fiel auch diese Beschränkung. Das Vogelschießen fand wieder jährlich auf dem Anger statt.

Quelle: Schützengesellschaft Coburg