Die Suche nach dem eigenen Ich kann fürchterlich verwirrend sein. Frau oder Mann? Sie oder Er? Paula oder doch Paul? Mitten hinein in das heikle Thema der sexuellen Orientierung führt das neue Klassenzimmerstück des Landestheaters: "Paul*" von Eva Rottmann. Und mitten drin, im Zentrum dieser Identitäts-Verwirrungen, steht Familienvater Chris - gespielt von dem jungen Schauspieler Lean Fargel. Welche Erfahrungen er mit dem Stück, das vor wenigen Tagen in der Debut-Inszenierung der Regisseurin Pauline Vorberg erfolgreich Premiere feierte, gemacht hat, beschreibt er im Interview.

Das Klassenzimmerstück "Paul*" dreht sich um das Thema Geschlechter-Identität und die daraus erwachsenden Irritationen. Wie haben Sie sich auf diese sehr spezielle Rolle vorbereitet?

Lean Fargel: Ich habe mich mit der aktuellen Debatte darüber natürlich auseinandergesetzt, aber ich empfinde das Stück mehr als Aufruf für Respekt, Akzeptanz und mehr Diversität im Allgemeinen. Die Vorbereitung lag darin, mich in eine Person hineinzuversetzen, deren Leben sich schlagartig verändert, weil sein/e Partner/in sich als Trans outet und sich das ganze "Erleben" auf den Kopf stellt.

Wieviel Probezeit stand Ihnen und der Regisseurin Pauline Vorberg zur Verfügung? Wie haben Sie den Probenprozess erlebt und inwieweit hat sich vielleicht Ihr Blick auf das Stück dabei verändert?

Viereinhalb Wochen, das heißt etwas weniger als die regulären sechs Wochen Probenzeit, die man für andere Produktionen hat. Die Arbeit mit Pauline war sehr professionell, obwohl das ihr allererstes Regiewerk war. Anfangs hat mich der Gedanke, vor einer fremden Schulklasse in Frauenkleidern zu stehen und mir von den Schüler/innen die Nägel lackieren zu lassen, nervös gemacht. Sobald ich die Motivation der Rolle, die dahinter steht, verinnerlicht habe, war das plötzlich gar kein Problem mehr.

Was ist für Sie als Darsteller das Schwierigste an der Gestaltung dieser Rolle?

Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Schamgefühl und der eigenen Aufrichtigkeit. Wie aufrichtig bekomme ich das hin?

Ein Klassenzimmerstück ist in der Begegnung zwischen Darsteller und Publikum noch dichter als ein Kammerspiel in der Reithalle. Kein Bühnenbild bietet Hilfe, jede Vorstellung findet in einem anderen Klassenzimmer statt. Welche Erfahrungen haben Sie mit diesem Format?

Bisher gar keine. Das ist meine erste Arbeit in diesem Format und es ist sehr anders als die klassische Theatersituation. 12-jährige Kinder reagieren natürlich anders als 15- oder 18-Jährige. Man interagiert ganz direkt mit den Schülern, sie haben sich nicht dazu entschieden, Theater zu gucken. Falls etwas nicht nach Plan laufen sollte, hat man keine Kollegen, mit denen man improvisieren könnte und keine "vierte Wand". Das ist eine spannende Herausforderung, vor allem mit Jugendlichen, die frech sind oder nicht leicht abzuholen.

Bedeutet das Spielen als Solist in einem Klassenzimmerstück mehr Stress als bei Aufführungen im Großen Haus?

Das Schwierige ist, dass man sich nicht als Schauspieler innerlich auf die Bühne "zurückziehen" kann, sondern in der ständigen Interaktion mit dem Publikum viel mehr auf die Reaktion angewiesen ist. Mehr positiver Stress also, da man dauerhaft im Mittelpunkt steht. Die Autorin Eva Rottmann hat außerordentlich gut geschrieben, was einer natürlichen, ehrlichen Art und Weise, zu sprechen und damit einem direkten Umgang mit den jungen Menschen entgegenkommt.

Rund um das neue Klassenzimmerstück des Landestheaters Coburg

Das Stück Als Auftragswerk für das Theater Kanton Zürich feierte "Paul*" von Eva Rottmann im September 2020 seine Uraufführung. Im Juni 2021 fand die deutschsprachige Erstaufführung am dem Theater Erlangen statt.

Darum geht es Im Mittelpunkt steht Chris (gespielt von Lean Fargel); ein liebevoller Familienvater. Seitdem ihm der Mensch, den er am meisten liebt, etwas offenbart hat, steht seine Welt

auf dem Kopf. Nun will er seiner großen Liebe Paul, der früher Paula hieß, beweisen, dass er zu ihm steht. Schonungslos offen erzählt Chris der Klasse von seinem Familienleben und den Ereignissen nach Paulas Outing. - Für Kinder und Jugendliche ab 13 Jahren.

Lean Fargel wurde 1995 in Bensberg geboren. In seiner Jugend sammelte er am Jungen Theater in Bonn erste Bühnenerfahrungen. Er studierte nach dem

Abitur Schauspiel an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft und schloss 2017 mit Diplom ab. 2017 entschied er sich dafür, seinen Abschluss mit einem Musicalstudium an der Theaterakademie August Everding in München zu ergänzen und beendete das Studium 2019 mit dem Master of Arts. Während seiner Ausbildungszeit wirkte er in diversen Film- und Fernsehproduktionen. Zu seinen Gastengagements zählen Auftritte am

Prinzregententheater und Deutschen Theater in München. Lean Fargel ist seit der Spielzeit 2019/20 Mitglied des Schauspielensembles des Landestheaters Coburg.

Weitere Termine im Januar und Februar: 27. Januar, 3., 7., 9., 14., 17. Februar, jeweils 10.30 Uhr. - Weitere

Termine können bereits angefragt werden: christin.schmidt@landestheater.coburg.de.